Heimkino-Balsam für garstige Corona-Tage und -Nächte.

Wachen oder träumen wir?

Heimkino-Tipp #1: Peaky Blinders

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von Christiane Pfau
Irgendwo zwischen »Once Upon a Time in America« und »Prison Break« (beides könnte man auch wiedermal ansehen), man denkt auch immer wieder an Tarantino, taucht der Zuschauer ein in eine Welt, in der vieles verboten ist und sich also vieles jenseits der Hauptwege Bahn bricht: Es sind die 20er Jahre, in der die Roma-Familie Shelby sich zunächst die Vorherrschaft in Birminghams Arbeitervierteln erkämpft und im Lauf der Zeit immer weiter in höchste Regierungskreise vordringt. Bandenkönig Thomas und seine leicht verschatteten Brüder Arthur und John setzen während der Prohibition auf Whisky, Pferderennen und illegale Wetten, später auf Waffen und Panzer. Wer gerade gegen wen kämpft, ist manchmal nicht ganz nachvollziehbar, Kapitalisten gegen Kommunisten, Briten gegen Russen, Juden und Italiener gegen Shelby & Co. oder auch mit ihnen, es ist jedenfalls viel los, die Zechen-Bilder sind fulminant, der Soundtrack überraschend: kaum orchestrale Wolken, sondern finsterer Punk. Nick Cave, Leonard Cohen und David Bowie besingen die Story aus Blut und Verzweiflung, Aufbegehren und Scheitern. Die Männer sind so gut angezogen, wie man es sich von heutigen Hipstern nur wünschen kann. Während sie sich erschießen, halten die Frauen (phänomenal wandelbar: Helen McCrory als Polly) die Hand eiskalt am Ruder. Dass Adrien Brody als Obermafioso dem Peaky-Blinders-Boss Thomas Shelby (Cillian Murphy) und seiner Familie den Garaus machen will, krönt den Cast zusätzlich. In der Originalfassung hört man ein Englisch, das man nirgends so gelernt hat. Vieles davon bleibt im Ohr. ||

PEAKY BLINDERS
GB, seit 2013 | 5 Staffeln à 6 Folgen, jeweils ca. 58 Minuten
Buch: Steven Knight | Regie: Otto Bathurst, Tim Harper | Mit:Cillian Murphy, Helen McCrory, Tom Hardy, Annabelle Wallis u.a.
Bei Netflix

Heimkino-Tipp #2: Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes

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von Matthias Pfeiffer
Wenn es schon mit der Revolution und der Filmkarriere nichts wird, dann könnte es doch wenigstens mit dem Mädchen funktionieren. Das denkt sich jedenfalls Julian (Julian Radlmeier), seines Zeichens erfolgloser Jung-Regisseur und Salon-Kommunist. Also lädt er seine Angebetete auf eine Apfelplantage ein, wo er für sein großes, sozialkritisches Erstlingswerk recherchieren will. Dass ihn das Arbeitsamt dort hingeschickt hat, verschweigt er lieber. Was zwischen den Apfelbäumen folgt, ist ein geniales Durcheinander, wie man es im deutschen Film lange nicht mehr gesehen hat. Die Gespenster von Kommunismus und Kapitalismus vereinen sich in einem genauso witzigen wie intelligenten Spuk. Das alles durchzieht Radlmeier mit genialem Dilettantismus im Stile eines Achternbusch. Bleibt zu hoffen, dass sein Nachfolgewerk »Blutsauger« so bald wie möglich für die arbeitenden Massen zu sehen sein wird. ||

SELBSTKRITIK EINES BÜRGERLICHEN HUNDES
Deutschland 2017 | Regie: Julian Radlmaier | Mit: Julian Radlmaier, Deragh Campbell, Kyung-Taek Lie u.a. | 99 Minuten
im Stream bei Grandfilm verfügbar

Heimkino-Tipp #3: Jay and Silent Bob Reboot

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von Sofia Glasl
Dieser Film ist ein Witz. Eigentlich ist er mehrere Witze in einem: ein Insiderwitz für alle Fans von Macher Kevin Smith, der in seinem Debüt »Clerks – Die Ladenhüter« 1994 das Komikerduo »Jay and Silent Bob« erfand. Er selbst spielt darin den langhaarigen Bob im Trenchcoat, sein Schulkumpel Jason Mewes ist Jay. Seitdem sind die beiden kauzigen Kiffer als Running Gag in nahezu allen seiner Filme aufgetreten, acht an der Zahl, umgeben von einer ganzen Armada aus befreundeten Schauspielern und Gastauftritten. Fans sprechen wie bei Comics von einem Universum. All das hebt Smith nun im Reboot nochmal auf eine neue Ebene, denn hier ist alles Referenz und Feier des eigenen Kosmos. Das ist meta hoch drei und klingt anstrengend, wirkt jedoch erstaunlicherweise liebenswert überdreht und Smith agiert als wohlwollend-selbstironischer Übervater dieser Filmfamilie. Natürlich hat er, wen wundert’s, auch echte Familienmitglieder besetzt, allen voran seine Tochter Harley Quinn. »Jay and Silent Bob Reboot« ist also ein großer Meta-Dad-Joke und der richtige Moment, um das gesamte Universum neu oder wieder zu entdecken. Denn wer möchte nicht an einer Welt teilhaben, in der Gott aussieht wie Alanis Morissette in Flipflops? Eben. ||

JAY AND SILENT BOB REBOOT
USA 2019 | Regie: Kevin Smith | Mit: Kevin Smith, Jason Mewes, Harley Quinn Smith | 104 Minuten | Auf DVD, Blu-Ray und digital erhältlich

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Heimkino-Träume gegen Corona-Frust (1)
Unsere Heimkino-Highlights (Teil 1)
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