Die Theater in München sind wieder lebendig! Doch welche Vorstellungen lohnen sich? Wir haben mal in den Juli geschaut, was die Häuser so auf dem Plan haben. Die kompletten Kritiken und weitere Themen gibt es in der aktuellen Ausgabe.

Theater in München: Juli 2021

»Rampenlichter« & »Kuckuck«

rampenlichter

»Zucht« lassen die Performerinnen Muskeln spielen | © Clemens Nestor

Corona und die staatlich verordneten Lebensbeschränkungen haben tiefe Wunden in der Gesellschaft hinterlassen, besonders auch bei Kindern und Jugendlichen, denen man fast anderthalb Jahre lang soziale Interaktion verweigerte, die für ihre Entwicklung essenziell ist. Wie sich das für Jugendliche anfühlte, kann man beim zwölften Festival Rampenlichter erfahren. Das Festival ist eine Art Best-of von jungen Theatergruppen, die an Stadtoder Staatstheatern angedockt sind. Im Programm für alle sind elf Stücke live zu sehen, acht Produktionen als Video-on-Demand. […]
Überhaupt erst mal ins Leben reinfinden müssen sich auch Kleinkinder, denen die Isolation des gefühlt ewigen Lockdowns eine normale soziale Entwicklung gründlich versaut hat, zu der der Kontakt mit Gleichaltrigen zwingend gehört. Bei Kuckuck, dem Theaterfestival für Kinder bis fünf Jahren, hat Begegnung jedenfalls oberste Priorität. Von 9. bis 19. Juli zeigen die Schauburg, das Stadtmuseum und die Familien-Bildungsstätte Elly Heuss-Knapp zwölf Produktionen inklusive Ariel Dorons wandelndem Zoo plus ein Stück für Kindergärten. Dinge, Gegenstände, Sachen spielen in vielen Inszenierungen eine herausragende Rolle. (Christiane Wechselberger)

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Insel Verlag

RAMPENLICHTER
Schwere Reiter | Dachauer Str. 114 | 9.–22. Juli | 19 Uhr
Tickets und Gesamtprogramm: 089 52300694

KUCKUCK – THEATERFESTIVAL FÜR ANFÄNGER
Verschiedene Orte | 9.–19. Juli | Programm und Tickets

Mehr schwarz als lila

In dieser Kamikaze-Phase des Lebens kann grundsätzlich alles passieren, Dinge, die später kaum noch erklärlich und vor allem nicht mehr rückgängig zu machen sind. Im Fall von Alex ist es ein Kuss unter dem Galgen des KZs, der später auch noch als Foto im Internet kursiert. Ein Kuss, der nicht einmal die Liebe feiert, sondern ein mutwilliger, der sich aus Gekränktheit über die stille Zuneigung des geküssten Paul hinwegsetzt und so die Freundschaft endgültig zerstört. Auch wenn die Verknüpfung von Holocaust-Erinnerungskultur und Teenagerliebe etwas gewollt daherkommt – wahrhaftig bleibt die Wut und das Erschrecken über sich selbst. (Silvia Stammen)

MEHR SCHWARZ ALS LILA
Marstall | 5. Juli | 20 Uhr | 6. Juli | 12 und 18 Uhr | 7. Juli | 11 und 18 Uhr | 21. Juli | 11 Uhr
Tickets: 089 2185 1940

Was der Butler sah

was der butler sah

In der psychiatrischen Praxis geht es hoch her (Ensemble) | © Birgit Hupfeld

Denn Kraft, seine Kostümbildnerin Inga Timm und die Maskenbildner*innen Christian Augustin und Lena Kostka treiben die genreübliche Genderverwirrung noch auf die Spitze, indem sie weibliche Rollen männlich besetzen und vice versa. Juliane Köhler und Charlotte Schwab haben das in Krafts »Lulu« schon geübt und sind hinter falschen Bärten, Brillen und Manspreading-Gesten kaum zu erkennen. Florian von Manteuffel als Mrs. Prentice und Christian Erdt als sittsame Sekretärin spielen vermeintlich weibliche Attribute und Attitüden aus, dass es eine Schau ist. Überhaupt haben alle einen Heidenspaß an diesem lustvoll-ungebremsten Gender-Verwirrungs-Theater, das eindrücklich zeigt, dass alles Normative ein Schmarrn ist, dass man deshalb aber nicht gleich verkrampfen muss. (Sabine Leucht)

WAS DER BUTLER SAH
Residenztheater | 10., 15., 18., 28. Juli | 20 Uhr
Tickets: 089 21851940

Der Kontrabass

theater in münchen

Unbemerkt brodelt es im Bassisten | © Martin Hangen

Regisseur Georg Büttel und Schauspieler Michael Grimm unterfüttern die Figur in der fein austarierten Inszenierung mit der Krankheit der Zeit, dem ewigen Sich-zurückgesetzt-Fühlen, dem Anspruch, man hätte doch was Besseres verdient. So sammelt sich unter der treuherzigen Hülle eine gewisse unterschwellige Aggressivität, die sich in dem Plan entlädt, die Eröffnung der Festspiele zu sabotieren. »Ich geh jetzt in die Oper und schrei – wenn ich mich trau.« (Christiane Wechselberger)
Hier der komplette Artikel

DER KONTRABASS
Hofspielhaus | Falkenturmstr. 8 | 8.–10., 15., 16. Juli | 20 Uhr
Tickets: 089 24209333

Der Kreis um die Sonne

der kreis um die sonne

Stehparty ohne erkennbare Charaktere (Ensemble) | © Birgit Hupfeld

Schimmelpfennig würde nie so weit gehen, der Superkrankheit, die nach dem Ende der Party eine Frau hinweggerafft haben wird, Klassenunterschiede als ursächlich unterzuschieben. Doch auch hier schwirren andeutungshafte Gesprächsfetzen über Gehälter und die Work-Life-Balance wie in einem Bienenstock durch den Raum. Dieser hyperkomplexe Andeutungsreigen kommt schleppend in Schwung und macht spät den Blick frei auf eine zarte Liebesgeschichte: Die frustrierte Gastgeberin (Katja Jung) und eine muntere Krankenschwester (Yodit Tarikwa) kommen sich näher.  […] Thiemo Strutzenbergers extrem brüchiger Versuch, exakt am Point of no Return das Vorher festzuhalten, so lange es geht, ist das warme Zentrum eines minimalistisch-cleanen Abends, der auch ästhetisch nahtlos an das Theater des Davor anknüpft. Letzteres hinterlässt einen halb irritiert und halb beruhigt. (Sabine Leucht)

DER KREIS UM DIE SONNE
Residenztheater | 11., 18. Juli | 19 Uhr
17. Juli | 20 Uhr | Tickets: 089 21851940

Der Sprung vom Elfenbeinturm

theater in münchen

Die »Pferdchen« Bekim Latifi und Vincent Redetzki © Emma Szabó

Einen »Abend gegen deine spießbürgerlichen Phantasien, deine Lebenslügen und deine Kompromisse« nennt Pınar Karabulut ihre Einstandsinszenierung an den Kammerspielen im Untertitel und begeht den »Sprung vom Elfenbeinturm« mit einem glänzend aufgelegten Ensemble. Den Text dafür haben sie und Mehdi Moradpour als Mash-up aus Prosatexten, Essays und Interviews der 1937 ins Nürnberger Großbürgertum hineingeborenen Autorin Gisela Elsner angelegt, die sich am 13. Mai 1992 aus dem vierten Stock einer Münchner Privatklinik in den Tod stürzte. (Sabine Leucht)

DER SPRUNG VOM ELFENBEINTURM
Kammerspiele Werkraum | 10., 11., 23., 24. Juli | 19.30 Uhr | Tickets: 089 23396600

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