Bastian Kraft inszeniert Joe Ortons boulevardeske Farce »Was der Butler sah« als irren Spaß im Marstall.

»Was der Butler sah« am Residenztheater

Genderfluides Pointengewitter

was der butler sah

In der psychiatrischen Praxis geht es hoch her (Ensemble) | © Birgit Hupfeld

»Es gibt nur zwei Arten von Geschlechtern. Das ist vielleicht schwer zu verdauen, aber sehen Sie der Wahrheit ins Gesicht.« Dies sagt Oberpsychiater Dr. Rance in Joe Ortons »Was der Butler sah«, das Geschlechterklischees aufruft und Körper so lange in konträr klischierte Klamotten steckt, bis selbst der Leser die Orientierung verliert. Ortons Figuren haben sie da längst nicht mehr, denn die grelle Farce, die in den Behandlungsräumen einer psychiatrischen Praxis spielt, ist von Sekunde eins an auf Chaosmaximierung aus. Und auf Sexualisierung: Eine neue Sekretärin wird von Dr. Prentice auf ihre Tauglichkeit überprüft und soll sich gleich ausziehen: »Ich bin neugierig, ob sich der tragische Verlust Ihrer Pflegemutter auf Ihre Beine ausgewirkt hat.« Ein Polizist fahndet nach Winston Churchills »hervorragenden Teilen«, und die nymphomanische Frau des Psychiaters wird von einem Hotelboy mit anzüglichen Fotos erpresst. Und das ist nur der Anfang.

Anzeige
C.H. Beck

Der britische Dramatiker, der die Mechanismen der Komödie bediente, um damit die gesellschaftlichen Regeln seiner Zeit ad absurdum zu führen, wurde kurz vor der Uraufführung des Stückes 1969 von seinem Lebensgefährten mit einem Hammer erschlagen. Hätte er selbst seinen Tod skripten müssen, es hätte vermutlich ähnlich ausgesehen, nur sprachlich gefeilter, denn mit verbalen Schlagabtäuschen wie »Aber ich bin doch heterosexuell!« – »Ich wünschte, Sie würden nicht mit diesen Renaissanceausdrücken um sich werfen«, ist das reale Leben selten gewürzt. René Pollesch hat als Übersetzer sicher noch seinen eigenen Sprachwitz mit hineingestreut. Und Bastian Kraft lässt sich im Marstall vorbehaltlos auf dessen hemmungslose Albernheit, seine Klippklapp-Dramaturgie und waghalsigen Logiksprünge ein. Auf Wolfgang Menardis Bühne ohne Tiefe, die wie ein Steg parallel zu den Zuschauerreihen verläuft, werden drei Türen unablässig aufgerissen, zugeschlagen und von Figuren in immer neuen Notverkleidungen durchschritten, unter denen äußere Geschlechtsmerkmale aus Latex hervorspitzen oder herausbaumeln.

Denn Kraft, seine Kostümbildnerin Inga Timm und die Maskenbildner*innen Christian Augustin und Lena Kostka treiben die genreübliche Genderverwirrung noch auf die Spitze, indem sie weibliche Rollen männlich besetzen und vice versa. Juliane Köhler und Charlotte Schwab haben das in Krafts »Lulu« schon geübt und sind hinter falschen Bärten, Brillen und Manspreading-Gesten kaum zu erkennen. Florian von Manteuffel als Mrs. Prentice und Christian Erdt als sittsame Sekretärin spielen vermeintlich weibliche Attribute und Attitüden aus, dass es eine Schau ist. Überhaupt haben alle einen Heidenspaß an diesem lustvoll-ungebremsten Gender-Verwirrungs-Theater, das eindrücklich zeigt, dass alles Normative ein Schmarrn ist, dass man deshalb aber nicht gleich verkrampfen muss. Kluge Menschen von Judith Butler bis Paul B. Preciado formulieren es im Programmheft etwas anders. ||

WAS DER BUTLER SAH
Residenztheater | 10., 15., 18., 28. Juli | 20 Uhr
Tickets: 089 21851940

Mehr Theater gibt es in der aktuellen Ausgabe. Hier geht es zum Kiosk.