Am Metropoltheater haben Lucca Züchner und Thorsten Krohn, zweifrühere Schauburg-Stars, erneut eine gemeinsame Bühne gefunden.

Wiedersehensfreude

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Lucca Züchner in »Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke« © Jean-Marc Turmes

Er habe vor allem nach einem Stück für seine zwei Lieblingsschauspieler gesucht, erklärte Beat Fäh vor »La Strada«, seiner letzten Inszenierung an der Schauburg. In George Podts Ensemble sorgten Lucca Züchner und Thorsten Krohn immer wieder für unvergessliche Theatermomente, und als Podts Intendanz endete, fürchtete man schon, sie in München nicht mehr wiederzusehen.

Unter Gil Mehmert ans Metropoltheater

Zu unserer großen Freude kam es anders. Gil Mehmert, mit dem beide zuvor schon an diversen Häusern zusammengearbeitet hatten, holte sie für seinen preisgekrönten Bühnenhit »Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke« ans Metropoltheater, zu dessen wechselndem Ensemble sie inzwischen als feste freie Schauspieler gehören. »Zum Niederknien« fand ein Rezensent die beiden als clownesk spleenige Großeltern. Wie Züchner als exaltierte Diva flötend ihren »Lieberling« betüdelte, Krohn sich als Philosophenopa für seine »Turnvater-Jahn-Gedächtnis-Choreografie« verrenkte und sie zusammen ihre Trinkrituale pflegten, war hinreißend. Man spürte, wie eingespielt sie nach den gemeinsamen Schauburg-Jahren sind, wie stark ihre Verbundenheit ist.

Dabei gingen sie zunächst sehr unterschiedliche Wege. Als junges Mädchen gewann Lucca Züchner den Deutschen Rock- und Poppreis für ihre Coverversion des Disney-Songs »Part of Your World« (»eine total kitschige Ballade«). Damals, erzählt sie im Skype-Gespräch lachend, wollte sie unbedingt Sängerin, »ein richtiger Popstar« werden. Nach ihrer Ausbildung an derBayerischen Theaterakademie trat sie in Musicals in der Schweiz und in Österreich auf, ehe sie sich an der Schauburg dem Sprechtheater zuwandte, wo sie Beat Fäh traf, der sie auf neue Weise forderte und förderte. »Beim Musical wird dir klar vorgegeben, was richtig und falsch ist. Er sagte, das gibt es bei mir nicht. Das hat mich zunächst total verunsichert, doch als ich das Potenzial darin erkannt hatte, war das für mich wie die Entdeckung eines Goldtopfes.«

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Thorsten Krohn in »Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke« © Jean-Marc Turmes

Thorsten Krohn, der auch bei Film und Fernsehen arbeitet, zog es schon früh zum Theater. Nach der Otto-Falckenberg-Schule übernahm er Engagements an verschiedenen Bühnen, darunter dem Bayerischen Staatsschauspiel, und schloss sich für sechs Jahre Roberto Ciullis Theater an der Ruhr an. In Ciulli fand er seinen »künstlerischen Ziehvater«. Dessen Theatervision, in der der Schauspieler zum Autor wird, der sich Rollen mit seinen persönlichen Lebenserfahrungen und Mitteln erschafft, hat ihn nachhaltig geprägt. Thorsten Krohns Intensität auf der Bühne begeisterte Züchner schon in ihrer frühen Schauburg-Zeit. »Was er auch tut, er gibt sich selbst hundertprozentig her. Für mich als Spielpartnerin«, meint sie, »ist das ein Riesengeschenk«.

Jeder der beiden hat seine ganz eigenen Stärken: Lucca Züchner, die als Gelsomina in »La Strada« so betörend kindlich die Welt bestaunen, deren Stimme so mädchenhaft hell klingen, die unwiderstehlich strahlend jung lächeln und so berührend verletzlich sein kann und »deren Verzweiflungskomik«, wie ein Kritiker nach der Metropoltheater-Premiere von »Die Wiedervereinigung der beiden Koreas« schrieb, »auch in der Überzeichnung noch wahrhaftig wirkt«. Thorsten Krohn, der selbst aus kleinen Rollen großes Theater zaubern, so wundersam melancholisch, verstörend böse und herrlich komisch sein kann. »Er ist Charakterdarsteller und Gaukler, Tragöde und Komödiant«, befand die Jury anlässlich der Verleihung des Schwabinger Kunstpreises 2017.

Das Metropoltheater als neuer, gemeinsamer Spielort

Gemeinsam ist ihnen ihre Spiellust und körperbetonte Bühnensprache. Über den Körper, glaubt Krohn, der eine Ausbildung in Kampfkunst und Körperarbeit absolviert hat, erfahre man als Schauspieler vieles, das man sich sonst oft mühsam herbeizwingen müsse. »Für mich«, meint Lucca Züchner, »erschließt sich eine Figur im Kern über die Bewegung, wahrscheinlich weil ich jahrelang getanzt habe. Ich muss mich viel bewegen, meine Figuren in den Knochen haben.« So wurde Jochen Schölchs leise eindringliche Inszenierung »zu unseren füßen, das gold, aus dem boden verschwunden«, in der die Akteure zumeist reglos dasitzen, für sie zu einer neuen Herausforderung und spannenden Erfahrung. Auch das Maß an Eigenverantwortung der Schauspieler und die Freiheit, die er ihnen eröffnet, kannten sie aus der Schauburg nicht.

Dass sie im Metropoltheater nun wieder einen gemeinsamen Spielort gefunden haben, empfinden beide als großen Glücksfall. Wann sie endlich wieder auf der Bühne stehen dürfen, kann im Moment allerdings niemand sagen. Doch die Solidarität, die Jochen Schölch derzeit gegenüber seinem Ensemble, beweist, erklären sie einstimmig, sei großartig. So zahlt er seinen Schauspielern ein Puffergeld, das er aus der eigenen Tasche und aus Spenden finanziert. Wie lange das noch möglich sein wird, ist ungewiss. Die Krise, betonen sie, mache erschreckend die prekäre Lage und Fragilität der freien Theaterszene deutlich, deren Finanzierung dringend neu geregelt werden müsse. Erst einmal aber können sie nur warten, auch wenn es schwerfällt. Bis zum 30. Juni hat das Metropoltheater seinen Spielbetrieb eingestellt. Vorerst. ||

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