Wie geht es dem freien Theater in München seit dem Corona-Shutdown? Sabine Leucht fragte bei einer Reihe von Spielstätten und Einzelkünstlern nach. Hier können Sie den ersten Teil des Textes nachlesen.

Keine Rücklagen, keine Einnahmen

Die Situation einzelner freier Theaterkünstler
Ist es schon für manche Häuser schwer, wird es für einzelne Künstler schnell prekär. Sind sie im laufenden Jahr in städtisch geförderte Produktionen eingebunden, hat das Münchner Kulturreferat die Gelder zugesichert – pluseine gewisse Kulanz. Die Regisseurin Gesche Piening, deren »Requiem für Verschwundene« im Juni im HochX herausgekommen wäre:»Die Stadt hat die Fördergelder ausgezahlt und ist gesprächsbereit. Um das Geld in voller Höhe an die Kolleg*innen weitergeben zu können, die zum Teil von der Hand in den Mund leben, muss aber selbstverständlich ein Endprodukt abgeliefert werden. In welcher Form auch immer.« Dass diese »Form« dannvom künstlerischen Gesichtspunkt aus nicht unbedingt ideal ist, scheint klar. Ob das gegebenenfalls Auswirkungen auf die finanzielle Unterstützung von Folgeprojekten hat, für die der Sänger, Autor und Regisseur Stefan Kastner ohnehin schwarz sieht? »Meine Sorge ist, dass – falls die Stadt nicht mehr die gewohnten Gewerbesteuereinnahmen hat, wovon auszugehen ist – bei der freien Szene zuerst gespart wird. Ob dann überhaupt für 2021 Fördergelderzur Verfügung stehen, ist die Frage.«

Kastner hat das Spielverbot während der Wiederaufnahmeproben für seine »Haltestelle« im Schwere Reiter ereilt. Da er noch eine Teilzeit-Festanstellung hat und danach ALG-1-berechtigt ist, hat er keine Soforthilfen beantragt. Sein Kollege Emre Akal, dem alle Veranstaltungen weggebrochen sind, an denen er oder sein Projekt Ayse X-Staatstheater beteiligt gewesen wäre, hat auch fast noch Glück: »Die Kammerspiele, bei denen ich im April einen kleineren Job gehabt hätte, zahlen immerhin die Hälfte des Ausfalls.«

Christiane Ahlhelm freut sich als Leiterin des Kindertheaters Kunstdünger über die Soforthilfe und wie viele andere über die Beihilfe für die freien darstellenden
Künstler*innen Münchens, die auf eine Spendenaktion zurückgeht: »Diese solidarische Aktion ist toll und dankend auf Augenhöhe anzunehmen!«

Gerade die Solidarität geht vielen allerdings nicht weit genug. Emre Akal macht es
Sorgen, »dass die lautesten Künstler*innen momentan die abgesicherten ›privilegierteren‹ sind«. Und Regiekollege Karnik Gregorian schreibt: »Gerade zeigt sich, dass die meisten vor allem mit sich selbst beschäftigt sind. Das ist einerseits verständlich, aber gleichzeitig führt das zu ›Soforthilfen‹, bei denen Einzelne Glück haben, etwas zu bekommen, aber nicht grundlegend Künstler*innen gesamtgesellschaftlich unterstützt werden.«

Es ist klar: Langfristig tut »eine echte Fachmeinung und Lobby in der Bundes- und
Landespolitik« Not, »die die Interessen und Nöte der freien Künstler*innen vertritt«, wie sie nicht nur Gregorian fordert. Dass sie fehlt, sieht man schon daran, dass Kulturstaatsministerin Monika Grütters alle, die nicht ins Raster der Bundesförderung passen, auf das sogenannte »Sozialschutzpaket« verweist, das faktisch eine Zugangserleichterung zu Hartz IV bedeutet, bei der die Überprüfung von Privatvermögen und Wohnungsgröße für sechs Monate wegfällt. Das bringt viele zu Recht in Rage. Denn – so Ahlhelm: »Ich bin nicht arbeits-, sondern einkommenslos.«

Außerdem ist es nicht der »Fehler« der Künstler, sondern ein blinder Fleck im System, wenn nicht gesehen wird, dass Lebenserhaltungskosten bei einem selbstständigen Künstler faktisch (Eigen-)Betriebskosten und die Gagenausfälle oft sehr kleinteilig und schwer zu beziffern sind.

Wenn etwa Judith Gorgass von ihren vielen Standbeinen berichtet, kann einem schwindeligwerden: So hätte die Schauspielerin, die auch bei Produktionen von Alexeij Sagerer mitspielt, in den Monaten März bis Juni mit Dinnershow-, Clowns- und Stelzentheater-Auftritten, Workshops, Theaterunterricht und als Schauspielpatientin an Unis und auf Ärztekongressen in ganz Deutschland ein Polster für weniger lukrative Monate anlegen müssen – und für ein eigenes Mozart-Projekt. Nun steht lediglich hinter drei Theater-Workshop-Tagen für das Goethe Institut in Italien (sic!) noch ein Fragezeichen. Ausfallhonorare? Fehlanzeige!

Versprechungen für Nachholtermine gibt es offenbar bislang nur im Kindertheaterbereich. Doch je mehr Künstler beteiligt sind, umso mehr Terminkollisionen drohen. Und vollends unkalkulierbar wird es, wenn Akteure aus dem Ausland anreisen müssen wie drei südafrikanische Tänzerinnen in Anna Konjetzkys zwei Wochen vor der Premiere abgebrochener Produktion »Dive«. Dabei sind internationale Koproduktionen für viele eher die Regel als die Ausnahme. ||

Statement von Ute Gröbel und Benno Heisel vom Theater HochX
theater

Ute Gröbel / Benno Heisel | © Jana Erb

Ist im HochX eine Verschiebung abgesagter Veranstaltungen möglich?
Das muss für jede Produktion einzeln beantwortet werden. Was zum Beispiel die Situation für Taigué Ahmeds nächstes Stück bedeutet, steht in den Sternen, weil die Coronakrise in Zentralafrika gerade starke Auswirkungen auf die Verbreitung der Boko Haram hat. Und die theoretisch als Nächstes anstehende Premiere »apocalisse nova« wäre als deutsch-italienische Koproduktion darauf angewiesen, dass sich sowohl in Italien als auch in Bayern die Situation komplett ändert. Ist sie verschiebbar? Vielleicht. Nur, das Produktionsbudget ist bis dahin sicherlich aufgebraucht.

Wie ändert sich durch die derzeitige Lage Ihre finanzielle Situation?
Wir engagieren ja keine Künstler*innen, sondern sind Plattform für frei produzierende Gruppen. Die fehlenden Einnahmen sind natürlich ein Problem für das HochX, aber wir erhalten – noch – unseren städtischen Zuschuss und können so den Betrieb hinter den Kulissen aufrechterhalten. Schwierig ist es für unsere freien Mitarbeiter*innen in der Technik: Auch ihnen sind von einem Tag auf den anderen die Einkünfte weggebrochen – das wird in der Öffentlichkeit bei aller berechtigten Aufmerksamkeit für die Künstler*innen gerne übersehen.

Was tragen Sie selbst zum Überleben dieser Künstler bei?
Wir haben zusammen mit der Staatsoper, dem Netzwerk Freie Szene und dem Verband Freie Kinder- und Jugendtheater zu einer Spendenaktion aufgerufen und damit über 70 000€ gesammelt, die wir so schnell es geht auch ausschütten werden. Planmäßig Anfang Mai. Es ist schön zu sehen, dass sich so viele für die Situation der Freien interessieren. Dadurch kann natürlich nicht die fehlende Unterstützung von öffentlicher Seite kompensiert werden, aber sowohl die Szene als auch ihre Unterstützer*innen setzen so ein klares Zeichen: Freie Kunst ist wichtig, auch nach der Krise.

Was beschäftigt Sie und was fehlt Ihnen während des verordneten Stillstandes am meisten?
Es gibt dieses Bonmot von Heiner Müller, dass man alle Theater erst einmal ein Jahr schließen müsse, um zu wissen, warum Theater notwendig sei. Der Shutdown hat uns aus unserer (Über-)Betriebsamkeit gerissen und zwingt uns vielleicht dazu, einmal darüber nachzudenken, was wir, was die Gesellschaft an diesem Medium hat. Und ganz konkret denken wir darüber nach, wie – vorausgesetzt, wir eröffnen in ein paar Monaten wieder – ein Theater der sozialen Distanz aussehen könnte. Welche »pandemiefreundlichen« Spielformen gibt es? Mit wenigen oder gar nur einem einzigen Zuschauer, im öffentlichen Raum, installativ, digital? Es zeichnet die freie Szene aus, auf derartige Herausforderungen flexibler, schneller und kreativer antworten zu können als ein Staatstheater mit seinen 800 Plätzen. Von daher freuen wir uns schon auf den Einfallsreichtum der freien Theatermacher*innen dieser Stadt. ||

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