Martin Kušejs und Albert Ostermaiers Projekt »Phädras Nacht« wütet durch den antiken Mythos.
Albert Ostermaier und Martin Kušej haben sich den antiken Phädra-Stoff vorgenommen und ein »Projekt« daraus gemacht. Das beginnt damit, dass Bibiana Beglau als Phädra ingoldenen Cowboystiefeln über die mit dicken Eisplatten bedeckte Bühne des Residenztheaters stolpert, hinter ihr eine graue Türrahmenflucht (Bühne: Annette Murschetz), die von Trostlosigkeit kündet. Notdürftig bedeckt sie ihre Nacktheit, die aussieht, als hätte jemand versucht, sie in der Körpermitte anzuzünden, mit einer Steppdecke und verkündet: »Nacht für Nacht erwache ich in einem Bett aus Asche.« Ähnlich pathetisch geht es dann weiter in antikisierendem Tragödienton. In seiner Gewolltheit schwappt er gelegentlich ins Lächerliche und driftet dann unversehens in Gossenjargon ab.
Wie ein Netz liegt eine zweite Ebene über dem Text: ein Sammelsurium an Schlagworten, Zitaten und Zeitungsschlagzeilen zum Thema Flüchtlinge, als ob Ostermaier und Kušej alles gesammelt und reingepackt hätten, was ihnen so untergekommen ist. Leider macht das den Text nicht aufklärerisch, sondern nur zeigefingernd.Hippolyt (Nils Strunk) ist in dieser Inszenierung ein afghanischer Dolmetscher und Abgesandter von Phädras Mann Theseus, der als Soldat in Afghanistan stationiert ist. Phädra verliebt sich rasend in Hippolyt. Doch der weist sie ab und verguckt sich in ihre Tochter Aricia (Pauline Fusban). Aus Rache bezichtigt Phädra ihn der Vergewaltigung. Theseus, inzwischen zurückgekehrt, schmeißt Hippolyt raus und den tobenden Nazihorden zum Fraß vor. Wie Regisseur Martin Kušej seine Schauspieler dem selbstgefälligen Text.
Die Plumpheit, mit der hier rechte Strömungen ausgestellt werden, macht fassungslos. Strukturen der Macht, wie das Programmheft behauptet, werden hier nicht vorgeführt, sondern verschleiert. Denn dargestellt wird nur ein dumpfer Skinheadzombiemob. Der Bürger aus der Mitte der Gesellschaft kann sich also gemütlich zurücklehnen und muss seine eigenen Vorbehalte nicht hinterfragen: Er kann ja schließlich nicht gemeint sein. Die Schauspieler trotzen dem Text jeder auf seine Art: Pauline Fusban und Nils Strunk versuchen es mit Vernunft, nehmen sich zurück, als würden sie den Textschwulst auswaschen wollen. Aurel Mantheis’ Afghanistanheimkehrer Theseus wirkt eher lustlos als ausgebrannt. Gunther Eckes liefert eine Nazikarikatur mit Hitlerfrisur ab. In Thomas Gräßles Arzt Asklepios, der die ganze drogensüchtige Bagage mit Heroin versorgt, erkennt man am ehesten die eiskalte Rationalität eines Machtträgers. Und Phädra? Bibiana Beglau hebt vom ersten Auftritt an mit inbrünstigem Körpereinsatz das ganz schön selbstsüchtige Schmerzensweib hervor, das beherrscht sie vortrefflich – im Lauf des Abends wird einem aber auch das zu viel. ||
PHÄDRAS NACHT
Residenztheater| 5. Juni| 18 Uhr
12., 15. Juni| 19 Uhr | Tickets: 089 21851940
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