Christian Stückl zeigt den spanischen Hof in Schillers »Don Karlos« als Intrigenstadl mit schrägen Figuren.

Don Karlos

Infant terrible

don karlos

Zwei, die es gut mit Karlos meinen: Posa (Noah Tinwa) und Elisabeth (Lena Brückner) © Arno Declair

In schwarzer Unterhose fläzt er auf einer der ebenso schwarzen Ledersitzgruppen unter einem gigantischen schwarzen Adler, der seine Krallen ausgefahren hat, als wolle er ihn sich jeden Moment schnappen. Diesen Don Karlos, diesen »Infant von Spanien«, dieses dünne Bürschlein mit den langen strähnigen Haaren und der hohen Stirn, die ihn älter wirken lässt als er mit seinen 23 Jahren ist. Aber zum einen scheint das der gängige Look zu sein an diesem spanischen Hof, den Bühnen- und Kostümbildner Stefan Hageneier am Volkstheater als düstere Machtzentrale zeigt. Und zum anderen hat er durchaus schon einiges durchgemacht, dieser Don Karlos: Seine Mutter ist bei seiner Geburt gestorben, was sein Verhältnis zum Vater, König Philipp II. von Spanien, nicht eben einfacher macht. Und jener Vater hat nun auch noch ausgerechnet die ehemalige Verlobte seines Sohnes, Elisabeth, geheiratet.

Da kann man schon mal schlecht drauf sein, und Max Poerting spielt einen, der so gar keinen Bock auf gar nichts hat, spätpubertierend gegen alles revoltiert, halb nackt Kopfstand macht und vor dem Beichtvater schon mal die Unterhose runterlässt. Dieser Karlos provoziert, schmeichelt im einen Moment wie ein zahmes Kätzchen und spuckt im nächsten mit Schnaps. Kein Wunder, dass Vater Philipp, wunderbar unsympathisch gespielt von Pascal Fligg, zur Überzeugung gekommen ist, dass sein Sohn nicht alle Tassen im Schrank hat und einfach irgend so ein spinnerter (vielleicht gar linker) Revoluzzer ist. Dass der Sohnemann trotz all seiner Macken durchaus auch inhaltlich Kritik anzubringen hat am autoritären System des Vaters, lässt dieser nicht gelten.

Regisseur Christian Stückl hat sich Friedrich Schillers »Don Karlos« vorgenommen, und natürlich geht es ihm um mehr als schräge Figuren. Um den Konflikt der Generationen und Wertevorstellungen, um konkurrierende Vorstellungen von Macht und Freiheit. An Karlos’ Seite steht der Marquis von Posa, der eigentliche politische Kämpfer für Toleranz und »Gedankenfreiheit«, der auch den Infanten hin zu den existenziellen Fragen stupst. Noah Tinwa unterscheidet sich schon optisch vom Rest dieser verkommenen königlichen Gesellschaft: Als Einziger sieht er natürlicher aus, ohne die langen Haarsträhnen und die hohe Nicht-Denker-Stirn. In klaren Worten formuliert er seine Ideale – und wird vom König direkt als Gefahr identifiziert und in seine Dienste gestellt, um ihn kontrollieren zu können.

Die Themen sind aktuell, keine Frage. Und ja, das Ensemble arbeitet die Charaktere auch der Nebenfiguren klar heraus, man sieht ihnen gerne zu. Und doch: Der Schiller’sche Hang zu verworrenen Intrigen und Missverständnissen macht das Ganze hie und da etwas schwerfällig. Den Überblick zu behalten, wer gerade wem warum Briefe klaut und sie wem zeigt, um was zu bewirken, bleibt ebenso eine Herausforderung wie die Frage, wer nun hier eigentlich wen begehrt. Denn in dieser Hinsicht ist einiges los an diesem spanischen Hof, und das liegt nicht nur an Karlos, diesem Infant terrible, der ohne Schuld in eine Situation geraten ist, in der er die eigene Stiefmutter begehrt. Christian Stückl und sein Dramaturg Nicholas Zöckler haben den überlangen Text großzügig gestrichen und ihm wenig hinzugefügt. Sie lassen den Kampf des Posa (und in Teilen auch des Karlos) für Freiheit für sich stehen. In Tagen, in denen uns Donald Trump live vorführt, wie schnell sich demokratische Werte und Errungenschaften pulverisieren lassen, wirkt das. Trotz und vielleicht sogar wegen des verwirrend intriganten Reigens. ||

DON KARLOS
Volkstheater | Tumblingerstr. 29 | 30. März, 8., 21., 25. April, 10. Mai | 19.30 Uhr | Tickets: 089 5234655

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