Der Klarinettist David Orlowsky widmet sich im Trio synästhetischen Erfahrungen. Das wird spannend.

David Orlowsky

Musik mit Duft

david orlowsky

David Orlowsky Trio | © Felix Broede

Die Nase wird unterschätzt. Die physikalischen Sinne Sehen, Hören und Tasten kommen mit relativ wenig Rezeptoren aus, um Informationen aufnehmen und verarbeiten zu können, die auf den Körper des Menschen einwirken. Bei den chemischen Sinneswahrnehmungen Riechen und Schmecken wird es ungleich komplizierter. Man geht inzwischen davon aus, dass es mindestens 400 Rezeptoren zum Entschlüsseln chemischer Botschaften gibt, die in der Regel als komplexe Verbindungen die Nase reizen. Zwei Prozent des menschlichen Genoms sind für die Baupläne der Riechrezeptoren reserviert, eine stattliche Menge, die die Natur dafür bereithält. Vor allem aber ist da noch etwas. Die Nervenbahnen der Nase führen direkt ins limbische System, das für Erinnerungen, Gedächtnis und viele Emotionen zuständig ist. Sie sind nicht gekreuzt und umgehen damit außerdem den Thalamus, das Kontrollzentrum für Informationsrelevanz im Gehirn. Was man riecht, kann man nicht ausschalten. Und es ist oft besonders ungefiltert mit Gefühlen verbunden. Die Nase wird daher unterschätzt, und erst langsam finden Neurologen wie Johannes Frasinelli, die sich dem vernachlässigten Organ widmen, Aufmerksamkeit in der Forschung.

Manchmal sind es außerdem Künstler, die sich mit den Querverbindungen der Sinne beschäftigen. Musik, die vom Geruch handelt, zum Beispiel. Das klingt ungewöhnlich. Und doch, so findet der Tübinger Klarinettist David Orlowsky, spielt der Geruch für die Stimmung beim Spielen ein große Rolle. Der 53-Jährige, der sich über 20 Jahre mit seinem Klezmertrio Renommee verschafft hatte, hat nach dessen Ende 2019 wieder ganz neu mit zwei Trio-Kollegen angefangen. »Petrichor« heißt der Titel des neuen Albums, mit dem Orlowsky zusammen mit dem Schlagzeuger Tommy Baldou und dem Gitarristen Daniel Stelter im April in Deutschland auf Tour ist. Der Titel benennt den Geruch, der entsteht, wenn Regen auf trockene Erde fällt. Der Grund, warum sich David Orlowsky ein Programm zum Geruch ausgedacht hat, ist: Er ist Synästhetiker. Musik, sagt er, wirke auf den ganzen Körper. Einzelne Sinnesreize werden von ihm nicht getrennt, sondern als ineinander verwoben wahrgenommen. Und der Klarinettist, der eine klassische Ausbildung an der Folkwang-Hochschule in Essen absolviert und später die Manhattan School of Music in New York besucht hat, weiß, mit wem er sein spezielles Gespür teilen kann. Bei Konzerten und Festivals ist er backstage auf seine Kollegen Tommy und Daniel aufmerksam geworden.

Und hat sofort gewusst, mit denen kann er kleine Geschichten erzählen, Stimmungen schaffen. Den Partnern ging es ebenso. Er habe David beim Rheingau-Musikfestival erlebt, sagt etwa Daniel Stelter. Seine Klarinette sei ihm so eindringlich erschienen wie der Sound einer E-Gitarre. Das habe ihn fasziniert. Weitere Gerüche, die auf dem Album »Petrichor« musikalisch verhandelt werden, sind der von Lavendel oder der vom Zirkus – Zirkus? Ja, sagt David Orlowsky, das sind Erinnerungen an den Geruch der Tiere oder an Zuckerwatte. Er selbst versteht sich dabei als Seiltänzer, der vielleicht auch mal im Übermut ins Netz fällt, das dann hoffentlich vorhanden ist. Den Gitarrenkollegen Daniel sieht der Klarinettist dabei als den Zirkusdirektor. Und der schelmische Tommy? Der könnte ein freundlicher Clown sein. Das bei Warner Classics erschienene Album zur Tournee beeindruckt durch ein reiches Spektrum an Farben und Zwischentönen. Angenehm außerdem: Die drei Musiker wissen professionell zwischen authentischem Feinsinn und unpassendem Kitsch oder Gefühlsduselei zu unterscheiden. Live ist das Trio am 5. April ab 20 Uhr in der Münchner Allerheiligen-Hofkirche zu Gast. ||

DAVID ORLOWSKI TRIO
Allerheiligen-Hofkirche | Residenzstr. 1 | 5. April | 20 Uhr | Tickets: 089 54818181 | Website

Weitere Vorberichte finden Sie in der aktuellen Ausgabe. Hier geht es zum Kiosk.

 


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