Der isländische Film »Lamb« bewegt sich zwischen Familiendrama und Folkhorror.

Lamb

Flauschiger Familienhorror

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Noomi Rapace spielt in Valdimar Jóhannssons »Lamb« eine besonders hingebungsvolle Mutter, ihr Spross aber ist kein gewöhnlich menschlicher © kinofreund eG 2021

Es mag an der isländischen Einöde liegen, dass etwas zu fehlen scheint, hier mitten im Nirgendwo auf der kleinen Farm des Ehepaars María und Ingvar. Ihre Tage sind ereignislos und gleichförmig – Felder bestellen, Schafe versorgen, Essen machen. »Es läuft besser als im letzten Jahr«, stellen die beiden zwar fest, doch so richtig mag man es ihnen nicht glauben. Ein leeres Kinderzimmer klafft wie eine Wunde in ihrem Haus. Als eines der Schafe einen Zwitter aus Mensch und Lamm zur Welt bringt, sind die beiden weder geschockt noch verwundert, sondern schalten instinktiv in den Elternmodus um. »Ein Segen!« sei das Baby. Sie nennen es Ada, wickeln es in eine Decke und legen es in ein Kinderbettchen. Das Familienleben auf der Farm lässt sich beinahe märchenhaft an, und bald springt die flauschige Ada wie ein Kleinkind in Latzhosen und gelbem Pullover hinter ihren Eltern her.

Der isländische Filmemacher Valdimar Jóhannsson gibt mit »Lamb« ein fulminantes Debüt, irgendwo zwischen Familiendrama, Fabel und Folkhorror. Der Film feierte 2020 in Cannes Premiere und ist der diesjährige Oscar-Beitrag aus Island. Jóhansson hat sichtlich Freude daran, das vermeintliche Monster als liebenswertes, ja niedliches Wesen zu inszenieren. In einer Mischung aus Special Effects und Puppenspiel entsteht ein idyllisches Gegengewicht zur lakonischen Schwere der düsteren Berglandschaft – irgendwo zwischen der fröhlichen Leichtigkeit, mit der »Stuart Little« eine sprechende Maus zum Familienmitglied machte, und der fragilen Dystopie, in der »Sweet Tooth« ein Kind mit Geweih ums Überleben kämpfen ließ. Ingvar und María blühen mit Ada auf, und die wie ein Nebel über der Farm hängende Melancholie ist bald verflogen.

Erst als Ingvars Bruder Pétur zu Besuch kommt, dringt die Realität in diese Utopie ein. Aus ihm platzt bei einem Besuch die naheliegende Frage heraus: »Was zur Hölle ist das?« Doch er ist selbst das schwarze Schaf der Familie, weil sein Traum vom Rockstarleben nicht wahr werden wollte und er immer nur vorbeikommt, wenn er Schulden hat – seine Zweifel finden nicht gleich Gehör. Doch das Familienglück ist fragiler als gedacht, und vor allem María wird deshalb immer besitzergreifender. Noomi Rapace spielt ihre Mutterliebe unnachgiebig und doch mit Leichtigkeit: Ausgelassen tanzt sie mit Ada zu einem alten Musikvideo von Péturs Band, badet das Schäfchen liebevoll und unternimmt mit ihm Ausflüge in die Berglandschaft. Unterbewusst scheint sie jedoch mit einem Angriff von außen zu rechnen, sie träumt von Böcken mit glühenden Augen und wird immer unruhiger, weil Adas leibliche Mutter jeden Tag stur blökend unter dem Kinderzimmerfenster steht.

Wessen Trauer und wessen Glück haben hier Vorrang? Marías Mutterinstinkt ist stärker als jeder rationale Gedanke, und so nimmt sie diese Unstimmigkeit selbst in die Hand. In statischen Bildern und nahezu ohne Handlungsbogen fragt Jóhansson nach den finsteren und brutalen Folgen von eigennütziger Liebe. Wieder ist es Pétur, der die richtige Frage stellt: »Weiß Ada, dass du ihre Mutter hinter dem Haus begraben hast?« Die alles überziehende Melancholie ist doch nicht verflogen, sondern hat sich unmerklich in ein unheimliches Dräuen verwandelt. Unausgesprochen stehen Trauer, Mutterinstinkt, Dominanz und natürliche Ordnung zur Disposition. Die unschuldige Ada ist Auslöser und Katalysator all dieser Emotionen und sozialen Reflexe zugleich und bald wird deutlich, dass ihre drollige Schutzbedürftigkeit den Horror kaum verscheuchen kann. ||

LAMB
Island, Schweden, Polen 2021 | Regie: Valdimar Jóhannsson | Mit: Noomi Rapace, Hilmir Snær Guðnason | 106 Minuten | Kinostart: 6. Januar
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