Begleitend zur Ausstellung in der Bonner Bundeskunsthalle erscheint der Band »Methode Rainer Werner Fassbinder«, eine Buchpublikation fernab gängiger RWF-Klischees.

Methode Rainer Werner Fassbinder

Chaos und Struktur

fassbinder

»Die Gesamtheit des Werkes muss etwas Spezielles aussagen über die Zeit, in der sie entstanden ist.« Was Rainer Werner Fassbinder (1945–1982), das »Herz des Neuen deutschen Films« (Wolfram Schütte) 1977 über sich selbst zu Protokoll gab, könnte ebenso als Motto für die seit Anfang September laufende Retrospektive in der Bonner Bundeskunsthalle dienen, zu der im Hatje Cantz Verlag eine höchst lesenswerte Publikation erschienen ist: nicht nur für RWF-Exegeten, sondern erst recht auch für ein jüngeres wie breiteres Publikum, das viele seiner Film-, Fernseh- und Theaterklassiker vielleicht nur vom Hörensagen kennt. Für alle, die dagegen in den 1960er bis 1980er Jahren zur Welt kamen, ist der Name Rainer Werner Fassbinder, obwohl schon zum Mythos geworden, im kulturellen Langzeitgedächtnis längst noch nicht zu toter Materie erstarrt. Trotzdem stellte sich auch für die Kurator*innen Hans-Peter Reichmann, Isabelle Bastian (beide vom DFF in Frankfurt am Main) und Susanne Kleine (Bundeskunsthalle Bonn) in der Vorbereitung und Auswahl der Ausstellungsgegenstände wie Textbeiträge zwangsläufig die Frage, wie man einer Legende, über die angeblich alles schon gesagt und geschrieben wurde, noch einmal neues Leben einhaucht und sie vor allem zeitgemäß ausstellt sowie mit einer Buchpublikation fernab gängiger RWF-Klischees würdigt.

Was da nun auf 272 umfangreich bebilderten Seiten in einer Vielzahl von Kapiteln, Beiträgen, Zitaten und Querverweisen entstanden ist, kann sich auf jeden Fall sehen lassen. Denn abseits erwartbarer Rekurse auf den einzigartigen Karriereweg des »German Wunderkind«, das vom »anarchischen Bürgerschreck« über den »manischen Regieberserker« 1982 zum international gefeierten Berlinale-Gewinner avancierte, den selbst Andy Warhol am Set von »Querelle« besuchte, legt dieser Band bereits im Titel den Fokus auf die Fassbindersche Arbeitsweise: »Was das Filmemachen anbetrifft oder das Arbeiten an sich, da bin ich ein ordentlicher Mensch, ja.« Schließlich werkelte der genialisch veranlagte Autodidakt (»Als wahres Lernen des Filmemachens allerdings betrachte ich das systematische Sehen von etwa drei bis vier Filmen pro Tag«) trotz massiver Drogen- und Beziehungsprobleme wie öffentlicher und juristischer Auseinandersetzungen im Rückblick als regelrechtes Arbeitstier, das weder sich selbst noch die Kernzelle seines langjährigen Mitarbeiterstabs von Peer Raben über Harry Baer bis zu Kurt Raab oder Irm Hermann schonte: regelmäßiger Liebesentzug inklusive.

Höhepunkte dieses absolut lesenswerten und optisch hochwertig aufbereiteten Bandes stellen die Texte Barbara Vinkens (»Die Passio des jungen Fassbinder«), Michael Tötebergs (»Zur besten Sendezeit«), ein Interview mit Udo Kier (»Don’t act!«) sowie die für Fassbinder-Routiniers längst überfällige Zusammenstellung vieler Musikstücke dar, die RWF in seinem gewaltigen Œuvre oft genug kongenial einsetzte und deren Bandbreite von Mahler, Donizetti und Strauss über Kraftwerk, Roxy Music und Fleetwood Mac bis hin zu Roy Black, Zarah Leander oder Leonhard Cohen reichte. Zwischen diesen Seiten wird er wieder höchst lebendig, der pausbäckige Mann mit offenem Hemd und Hut, Lederstiefeln und schwarzer Lederjacke, »der nicht stillsitzen kann, der sich fieberhaft verzehrt wie der Rauch einer Zigarette« (Barbara Vinken) und dem es, einmalig in der Filmgeschichte, ab 1966 gelang, in einem unfassbaren Schaffensrausch alleine 45 Filme zu drehen. Dazu 37 eigene Drehbücher und vier Hörspiele zu schreiben, 40 Mal als Schauspieler zu agieren, 14 Theaterstücke zu verfassen und 25 in Szene zu setzen. Welcher deutsche Autorenfilmer außer Werner Herzog kann diesem radikal subjektiven, ewig provokativen Universalgenie je das Wasser reichen? ||

METHODE RAINER WERNER FASSBINDER. EINE RETROSPEKTIVE
Hrsg. v. Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, Bonn, und dem DFF – Deutsches Filminstitut & Filmmuseum, Frankfurt am Main, in Kooperation mit der Rainer Werner Fassbinder Foundation, Berlin | Hatje Cantz Verlag, 2021 272 Seiten | Halbleinenband, 350 Abb. | Museumsausgabe: 34 Euro / Buchhandelsausgabe: 48 Euro