Mit der Haruki-Murakami-Verfilmung »Drive My Car« gelingt dem japanischen Regisseur Ryusuke Hamaguchi einer der bezauberndsten Filme des Jahres.

Drive My Car

Anschnallen, bitte!

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Hidetoshi Nishijima (links) und Toko Miura mitsamt einem ungewollten Handlungsvehikel | © kinofreund eG 2021

»Wenn wir hoffen, einen anderen Menschen wirklich zu sehen, müssen wir damit beginnen, in uns selbst zu schauen.« Haruki Murakamis weise Worte ziehen sich leitmotivisch durch die sehenswerte Literaturadaption des japanischen Regie-Asses Ryusuke Hamaguchi (»Happy Hour«), dem in diesem Jahr das filmemacherische Kunststück gelungen ist, gleich in die Wettbewerbe zweier renommierter A-Filmfestivals eingeladen zu werden und von dort mit jeweils einem Hauptpreis nach Hause zu fahren. Nachdem der 1978 in Kanagawa geborene Filmemacher, der zuvor unter anderem das Drehbuch zum Silbernen-Löwen-Gewinner »Wife of a Spy« (2020) geschrieben hatte, zuerst im Februar bei der Berlinale für seine Frauenhommage »Wheel of Fortune and Fantasy« mit dem Großen Preis der Jury prämiert wurde, folgte im Sommer als i-Tüpfelchen der Preishattrick in Cannes: Bestes Drehbuch, FIPRESCI-Preis sowie der Preis der ökumenischen Jury für »Drive My Car«, der zweifelsohne zu den bezauberndsten Filmen des Jahres gehört. Dabei taucht man in diesem ausgesprochen clever wie überbordend poetisch erzählten Drama, das obendrein mit raffinierten Dialogen aufwartet und in dem trotz einer Laufzeit von drei Stunden fast keine Einstellung zu viel ist, sehr rasch sehr tief in das Leben des Schauspielers und Theaterregisseurs Yusuke Kafuku (Hidetoshi Nishijima) ein.

Zwei Jahre nach dem plötzlichen Tod seiner Frau Oto (Reika Kirishima), die als Drehbuchautorin fürs japanische Fernsehen gearbeitet und ihn offensichtlich mit dem Jungdarsteller Koshi Takatsuki (Masaki Okada) betrogen hatte, beginnt der ausgebrannte Künstler mit einer »Onkel Wanja«-Inszenierung für ein Theaterfestival in Hiroshima, die in verschiedenen Sprachen entstehen soll, wofür er ein umfangreiches Casting anberaumt. Doch anstatt als erfahrener Beckett-Darsteller selbst die Hauptrolle zu übernehmen, wählt er ausgerechnet den jugendlichen Ex-Liebhaber seiner Frau, der ebenfalls vorspricht, für den Titelpart aus. Das ist nur einer der vielen Dualismen in diesem zarten wie betörenden Schicksalskarussell, das beständig zwischen sexuell flüchtig aufgeladenen und impulsiv aufbrausenden Momenten mäandert. In für japanische Verhältnisse auffällig offenem Gesprächsduktus, in dem im Wortsinn die Theatermasken fallen, sowie in dezidiert geheimnisvoll verzahnter Erzählweise wartet dieser außergewöhnliche Film mit einer Reihe narrativer Minicoups auf.

Zugleich treibt im übertragenden Sinn auch die Automatikschaltung des roten Saab-900-Turbo-Modells, das Yusuke mitsamt Fahrerin Misaki Watari (Toko Miura) plötzlich als ungewolltes Handlungsvehikel zur Verfügung steht, den magisch-realistischen Plot voran. Denn jede(r) fährt in diesem Zweitürer (s)ein(e) Seelenpäckchen mit sich herum, egal ob vor oder hinter dem Lenkrad. Vorbei an Hiroshimas mahnender wie erhabener Architektur, vorbei am Meer wie an Mülldeponien und im Rückspiegelblick auf alte psychische Narben wie neue überraschende Koinzidenzen. Das gebiert, wie so oft beim Autor der Vorlage, einerseits einen kunstvoll verschachtelten Mysteryplot, der um Identitätssuche und allzu (Zwischen-)Menschliches kreist.

Zum anderen aber auch in der leisen wie poetisch überhöhten Bildsprache Hidetoshi Shinomiyas ein intellektuelles Fest für alle, die Lebensweisheiten aus dem Kino aufsaugen und in selbstreflexiver Weise mit dem Betrachteten nach Hause gehen. In galanter Mixtur aus angedeuteten »Was wäre, wenn …«-Szenen und im faszinierenden Sprachmischmasch aus Japanisch, Koreanisch, Englisch, Mandarin, Deutsch plus Gebärdensprache untermauert Ryusuke Hamaguchi seinen Status als wegweisende Stimme des japanischen Gegenwartskinos. Im erkennbaren Rekurs auf die persönlichen Filmemacherlieblinge, namentlich Éric Rohmer und John Cassavetes, findet er auch in seinem jüngsten Meisterwerk eine absolut eigenständige Regiehandschrift mit hoher Sogkraft. Am Ende gleicht »Drive My Car« selbst einem Archipel des Lebens. Zwischen Sinn und Unsinn, Scharfsinn und Nachlässigkeit, Warmherzigkeit und Arroganz driftet am Ende jede(r) durch (s)eine Existenz: »We’re on a road to nowhere« … please don’t stop! Oder noch einmal in Tschechows Worten: »All das Kleinliche, Trügerische abstreifen, das uns hindert, glücklich zu sein – das ist der Sinn und das Ziel unseres Lebens. Nur vorwärts!« ||

DRIVE MY CAR
Japan 2021 | Regie: Ryusuke Hamaguchi
Mit: Hidetoshi Nishijima, Toko Miura u.a.
179 Minuten | Kinostart: 23. Dezember
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