Das Literaturhaus München zeigt eine bemerkenswerte Ausstellung über Hannah Arendt als öffentliche Intellektuelle.

Hannah Arendt

»Denken ohne Geländer«

hannah arendt

Hannah Arendt an der University of Chicago, 1966 | © Art Ressource, New York, Hannah Arendt Bluecher Literary Trust, Fotograf: unbekannt

»Das Wagnis der Öffentlichkeit«, so ist die Ausstellung über Hannah Arendt im Literaturhaus überschrieben. Von größerer Aktualität könnte ein Thema im Zeitalter von Hatespeech, Shitstorm und Debatten über die Angemessenheit des Sprechens zwischen Cancel Culture und Gendern kaum sein. Das Diktum stammt aus dem berühmten und unbedingt nachhörenswerten Interview mit Hannah Arendt, das Günter Gaus 1964 mit ihr führte und das auf Youtube mehr als eine Million Aufrufe verzeichnet. Dieses Wagnis, so sagt Arendt da, sei nur möglich im Vertrauen auf die Menschen, denn man exponiere sich der Öffentlichkeit als Person. Doch Arendt bezieht Stellung, keines der großen Themen des 20. Jahrhunderts lässt sie aus, und so verzeiht man denn den allzu großspurigen Untertitel der Ausstellung, der nicht weniger verspricht als »Hannah Arendt und das 20. Jahrhundert«. Die Art und Weise, wie Arendt als öffentliche Intellektuelle auftritt, in dieser denkwürdigen Ausstellung nachzuvollziehen, führt zu aufschlussreichen Erkenntnissen und zu so manchem Aha-Effekt.

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»Vertrauen auf die Menschen«: Wie fremd uns heute diese Tugend als Voraussetzung für eine Teilnahme am öffentlichen Diskurs erscheint, ist die erste verblüffende Einsicht, die man aus dieser Ausstellung mitnimmt. Womöglich liegt darin auch der Schlüssel zu Arendts grandioser Fähigkeit, in aller Öffentlichkeit offene Gespräche zu führen, sich zu korrigieren, die Argumente anderer in ihr Denken einzubeziehen und ihre Thesen gegebenenfalls zu korrigieren. Man kann ihr beim Denken regelrecht zuschauen. Was für eine Freude in den sechs Hörcollagen, solchen Auseinandersetzungen zu folgen, auch wenn bald das Erschrecken darüber folgt, wie weit heutige Diskurse von einer solchen Haltung entfernt sind.

Verblüffend aktuell aber sind auch die Themen selbst, die Hannah Arendt als »public intellectual« verhandelt: Antisemitismus, der Umgang mit Flüchtlingen, Rassentrennung, Feminismus, Atomkraft oder die juristische Aufarbeitung der NS-Vergangenheit. Womit wir bei ihrem berühmten und umstrittensten Beitrag wären, »Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen«. Arendt war 1961 für die Zeitschrift »The New Yorker« als Prozessbeobachterin nach Jerusalem gereist. Der Beitrag erschien am 16. Februar 1963. In der Ausstellung hängt über der Vitrine mit der ersten Seite einer Originalausgabe des »New Yorker« ein Bildschirm mit einem Video, das nacheinander Seite für Seite des Artikels zeigt. Der sechsspaltigen Aufmacher-Doppelseite, einer Bleiwüste nur mit Text, folgen Seiten mit immer weniger Textspalten. Sie werden abgelöst von Luxus-Werbung, lachenden Gesichtern, Schmuck, Mode, turtelnden Paaren. Dazwischen ein, zwei Spalten mit Arendts Prozessbericht und ihrer These von der »Banalität des Bösen«. Man stutzt zuerst, dann stockt einem der Atem. Der Skandal, den diese Arbeit ausgelöst hat, in diesem Kontext betrachtet, erhält eine völlig neue Basis.

Und weiter führt einen die Ausstellung zu den Ereignissen in Little Rock, wo nach der Aufhebung der Rassentrennung Mitte der 50er Jahre Bundestruppen aufmarschierten, zum Schutz der schwarzen Schüler vor den Weißen, die sie am Betreten der Schule hindern wollten. Hier geht Arendt ihrer eigenen These der strikten Trennung von Politik und Gesellschaft, bzw. privater Freiheit in die Falle und stellt sich nicht etwa auf die Seite der liberalen Intellektuellen, die diesen Einsatz befürworteten. Man kann hier mitverfolgen, welche Argumente sie schließlich überzeugen und mit welcher Klarheit sie ihr Urteil revidiert: »Ich habe einfach die Komplexität der Sache nicht verstanden.«

Über jedes der zehn hier verhandelten Themen ließe sich Spannendes erzählen. Eine unbedingt sehenswerte Ausstellung, bei der es sich gewiss lohnt, an einer Führung teilzunehmen, um auch wirklich nichts zu übersehen. Erwähnenswert vielleicht noch die wenigen persönlichen Gegenstände, die man am Ende der Ausstellung zu sehen bekommt. Dass sie nicht als Devotionalien inszeniert werden, sondern in Kontexte eingebettet – ein Pelz-Cape etwa neben einem Filminterview mit der Modetheoretikerin Barbara Vinken und der Feministin Stefanie Lohaus – nimmt man mit dankbarem Vergnügen zur Kenntnis.

Geglückt auch die stete Präsenz dessen, was »hätte nie geschehen dürfen«, so Arendt im besagten Gaus-Interview: Denn über all dem, quer über den gesamten Raum, wie ein Keil hineingetrieben, schwebt die dokumentarische Filminstallation zum Modell des Krematoriums II Auschwitz-Birkenau von Mieczyslaw Stobierski aus dem Deutschen Historischen Museum in Berlin. ||

BEGLEITPUBLIKATION ZUR AUSSTELLUNG
Dorlis Blume, Monika Boll, Raphael Gross (Hrsg.): Hannah Arendt und das 20. Jahrhundert | Piper, 2020 | 288 Seiten | 22 Euro

15. Oktober 2021–24. April 2022
»DAS WAGNIS DER ÖFFENTLICHKEIT«HANNAH ARENDT UND DAS 20. JAHRHUNDERT
Eine Ausstellung des Deutschen Historischen Museums, Berlin, in Kooperation mit dem Literaturhaus München | Kuratorin: Monika Boll | Literaturhaus, Galerie (EG) | tgl. 11–18 Uhr Eintritt 7 Euro / 5 Euro (montags für Studierende, Auszubildende und Schüler 2 Euro) | Kuratorenführungen mit Monika Boll: 27.1., 6.4., jeweils 18 Uhr | Ausstellungsführungen mit Anna Seethaler: 8.12., 17.1., 17.2., 14.3., jeweils 18 Uhr, 20.11., 10 Uhr

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