Christopher Wheeldons Choreografie des populären Märchens »Cinderella« ist nun beim Staatsballett zu sehen.

Cinderella

Das Küchenmädchen und der Zauberbaum

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Probe zu »Cinderella«, vorne Jinhao Zhang und Madison Young | © Carlos Quezada

Armes Mädchen in stiefmütterlich lieblosen Verhältnissen findet seinen Prinzen – ein Topos, ein Wunschtraum, ein Märchen, und damit für Literatur, Kunst, Musiktheater, Film und Ballett ein immer wieder fruchtbares Thema. Ja, richtig: »Aschenputtel« oder »Aschenbrödel« ist gemeint. Bei der NetzRecherche entdeckt, dass dieser Archetypus in Spuren schon bei den Griechen und Römern zu finden ist, ebenfalls im Kaiserreich China des 9., in Persien des 12. Jahrhunderts. Es soll 400 zirkulierende Varianten geben.

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Hier interessiert nun das vertanzte Märchen. Maßgebliche Vorlage für unsere Zeit wurde die »Aschenputtel«-Fassung Charles Perraults in seinen »Histoires ou contes du temps passé« von 1697 und die der Gebrüder Grimm in ihren von 1812 bis 1858 herausgegebenen »Kinder- und Hausmärchen«. Zum Namen der Titelfigur: »putteln« und »brödeln« sind regionale Verben für das Rühren und in Wallung Halten einer erhitzten Flüssigkeit. Beide Namen sind imgrunde abschätzige Bezeichnungen für Küchenhilfen im Kindesalter. Das französische »Cendrillon« ist gleichermaßen eine angestellte Person, die ihren Arbeits- und Schlafplatz direkt am Herd und seiner Asche (»cendre«) hatte. Die Handlung in nuce: Aschenputtel wird von der Stiefmutter und den beiden Stiefschwestern als Dienstmagd behandelt, aber durch den schützenden Geist der früh verstorbenen Mutter und/oder mit Hilfe einer guten Fee aus der Erniedrigung befreit. Ihr beim Hof-Ball verlorener Schuh führt den Prinzen am Ende zu seiner künftigen Prinzessin.

Von Fittingow-Schell bis Prokofjew

Das erste international anerkannte »Aschenbrödel«-Ballett (russisch heißt es »Soluschka«) choreografierten 1893 für das St. Petersburger Mariinsky Theater: Marius Petipa, Lew Iwanow und Enrico Cecchetti gemeinsam nach dem Textbuch von Lydia Paschkowa zur Musik von Baron Fittingow-Schell. Überlebt hat diese Trias-Schöpfung offensichtlich nicht, ist jedoch in die Ballettgeschichte eingegangen durch die italienische Prima Ballerina Assoluta Pierrina Legnani mit ihrem Rekord von 32 Fouettés (Drehungen mit jeweils seitwärts »gepeitschtem« Spielbein).

Weitere Beispiele im frühen 20. Jahrhundert waren unter anderen Joseph Haßreiters »Aschenbrödel« 1908 zu Musik von Johann Strauß für die Wiener Hofoper und 1938 Michail Fokines »Cendrillon« zu Musik von Frédéric d’Erlanger für die Ballets Russes de Colonel de Basil. 1945 dann die Uraufführung von Prokofjews »Soluschka« op. 87 vom Moskauer Bolschoi Ballett. Endlich! Das Libretto hatte der Dramatiker und Theaterwissenschaftler Nikolai Wolkow angelehnt an Perrault verfasst. Rostislaw Sacharow hatte choreografiert.

Der Entstehungsprozess war allerdings schmerzvoll. Die 1940 begonnene Arbeit an der Komposition wurde ab Juni 1941 durch die Kriegswirren unterbrochen und erst 1944 zu Ende geführt. Ursprünglich war die Uraufführung für das Kirow-Ensemble geplant – welches jedoch wegen der gegen Leningrad vorrückenden deutschen Truppen nach Perm evakuiert wurde. Nach dortigem ersten Ausprobieren folgte dann 1946 Konstantin Sergejews neue Bearbeitung am Kirow-Theater. Prokofjews Ballettmusik sollte in der Folge maßgebend sein für künftige Bearbeitungen des Stoffs. Schon 1948 brachte Federick Ashton mit dem Londoner Sadler’s Wells Ballet seine eigene Version heraus. Späterhin versuchten Choreografen auch formale Neuerungen: sei es durch eine neue optisch-choreografische Ausgestaltung oder eine andere psychologische Gewichtung.

Die Französin Maguy Marin choreografierte 1985 für das Theater in Lyon ein »Cendrillon«, das durch starre Masken für alle Mitwirkenden und eine intendierte hölzerne Bewegungssprache ein surreales PuppenBallett entstehen ließ. Der Mensch eine Marionette – letztlich ein Klischee, aber in der Form zugleich faszinierend. Rudolf Nurejew verlegte als Ballettchef der Pariser Oper 1986 sein »Cendrillon« ins Hollywood-Milieu der 30er Jahre: Seine Protagonistin, auf der Flucht vor einer kaputten Familie, wird für einen Film entdeckt. Der Prinz ist in diesem neuzeitlichen Fall: der Hauptdarsteller. Die Kreation war mutig – aber Nurejews Begabung lag doch eher im Fach des traditionell neuinszenierten Klassikers.

»Aschenbrödel« in München

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Christopher Wheeldon | © Angela Sterling

Machen wir einen Sprung direkt nach München. 1951 choreografierte Victor Gsowksky für das Ballett der Bayerischen Staatsoper ein »Aschenbrödel«-Ballett, in den Hauptrollen Irene Skorik und Münchens damaliger Primo Ballerino Heino Hallhuber, der im März dieses Jahres 94-jährig verstarb. Ivan Sertic (1927–2020), ab 1973 Tanzchef des Münchner Gärtnerplatztheaters, re-inszenierte dort sein »Aschenbrödel« von 1970. Und das Bayerische Staatsballett übernahm im Jahr 2000 John Neumeiers für sein Hamburg Ballett kreiertes »A Cinderella Story« von 1992 in Jürgen Roses feinsinnig reduziert gehaltener Ausstattung.

Neumeier selbst charakterisiert seine Version sehr treffend als »ein Ballett über Selbstfindung und Erwachsenwerden«. Nun bringt das Staatsballett »Cinderella« des stellvertretenden künstlerischen Leiters des Londoner Royal Ballet Cristopher Wheeldon aus dem Jahr 2021. Mit Wheeldons »Alice im Wunderland«, seit 2017 im Münchner Repertoire, ist man schon eingestimmt auf seinen Stil. Der weltweit gefragte Choreograf erzählt farbig, sinnlich und lässt bei Märchen seine Fantasie lustvoll von der Leine. »Ich war verliebt in Frederick Ashtons Fassung«, bekennt Wheeldon. »Und Prokofjews BallettPartitur ist eine der komplexesten und schönsten überhaupt. Rhythmisch fordert sie einen ganz schön heraus. Aber sie ist eben auch so herrlich tanzbar und düster und voller Magie.« Zur tieferen Bedeutung des Märchens meint er: »Ich denke, dass Geduld und Güte am Ende immer siegen können. Und übrigens: die Stiefschwestern sind nicht von Natur aus böse, sondern auf Grund der familiären Umstände. Andererseits muss Cinderella kein schwaches geschundenes Mädchen sein. Gerade wegen ihrer Situation kann sie einen starken entschlusskräftigen Willen haben.« ||

CINDERELLA
Nationaltheater | Premiere: 19. November, 19 Uhr | auch am 21.11., 18 Uhr | 25.11./3.12./12.12./26.12, 19.30 Uhr | 12.12./26.12., 14.30 Uhr | Tickets: 089 21851920

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