Das Oktoberfest fiel aus, dafür gibt es den fulminanten Bildband von Volker Derlath mit Wiesn-Fotos aus 35 Jahren. Wer Münchens fünfte Jahreszeit verstehen will, muss nur seine Bilder anschauen. Wir freuen uns über Karl Forsters Gastbeitrag, der den Fotografen seit Jahrzehnten kennt.

Volker Derlath

Rausch

Volker Derlath

Wiesngäste: glückselig besoffen, …

»Ein guter Fotograf nutzt die Kamera als Auge seines Herzens«, schrieb die philosophierende Fotografin Judith Urmes. Es ist nicht klar, ob sie ihren acht Jahre älteren Kollegen Volker Derlath kennt. Aber ihr Satz trifft in seiner ganzen Kraft und Kitschigkeit auf den Münchner Fotografen zu, was auf ganz spezielle Weise nachprüfbar ist, seit sein Buch »Oktoberfest 1984–2019« erschienen ist. Welche Seite auch immer man aus diesem gewichtigen, opulent und liebevoll gestalteten Bildband aufschlägt, so nimmt einen eben nicht nur die oft leise, manchmal auch derbe Skurrilität gefangen; man spürt auch das Gefühl, dass der Fotograf ein Herz hat für seine Motivmenschen, dass er sie versteht in ihrem Rausch, dass er auch den Rausch versteht und kennt. Dass er in diesem seinem Opus magnum mit den Augen seines Herzens nicht nur 35 Jahre Wiesn dokumentiert, sondern 35 Jahre Wiesn-Menschen.

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Man muss schon ein bisschen eigen sein, um mit Bildern eine solche Wucht zu schaffen, eigen genug zumindest, um sich selbst ganz und gar dem Thema hinzugeben und es nicht nur »von außen« zu betrachten und abzulichten, sondern ein quasi unsichtbarer Teil des Geschehens sein. Derlath sagt, er könne auch einhändig die Kamera bedienen und in der anderen den Krug halten. Denn: »Wo ein Maßkrug steht, da ist ein Stück Heimat für mich«, so überschreibt Volker Derlath das kurze, eher nüchtern gehaltene Vorwort von Christian Topp. Der erinnert gleich zu Anfang an Volker Derlaths erste Kontaktaufnahme mit dem Maßkrug und wie die Liebe begann zwischen dem damals 14-Jährigen und dem berauschenden Inhalt des schweren Steins. Vielleicht kann es deshalb auch nicht schaden, sich dem Phänomen Derlath über seine Lebensgeschichte zu nähern, die ganz zweifelsohne mit dazu geführt hat, dass Derlaths Bilder so einzigartig sind und in ihrer Wundersamkeit sofort den Fotografen verraten.

Volker Derlath

… in Nähe verschlungen | © Volker Derlath (2)

Die Faszination der Arbeit in der Dunkelkammer erfasste Volker Derlath schon im Alter von vier Jahren. Da durfte er mit seinem Vater in dessen professionelles Fotolabor am Gärtnerplatz, wo Derlath senior seiner Profession als Medizinfotograf nachging, also die ganzen grausigen Bilder über die Leiden der Menschheit wissenschaftsfest für Fachzeitschriften und Fachbücher entwickelte. Der kleine Volker war fasziniert. Die Familie lebte damals in Oberschweinsbach, gelegen zwischen Fürstenfeldbruck und Augsburg, zur Schule ging Volker in Günzelshausen, sein Lehrer, das nur nebenbei, war Herrmann Well, Vater der legendären Musikerfamilie, was aber zu keinen weiteren Auswirkungen auf Volker Derlaths Leben geführt hat. Dieses war eher gezeichnet durch ein paar Katastrophen, von denen die eine der sich stets einmischende, alles besserwissende und somit »höchst übergriffige« Vater war, als andere listet Volker Derlath auf: Magersucht, Bulimie, eineinhalb Jahre Jugendpsychiatrie bei Stuttgart. Derlath über diese Lebensphase: »Da war schon klar, dass ich eine Katastrophe werde.«

Die diversen seelischen und körperlichen Läsionen führten dann zum Schulabbruch in der elften Klasse, ausgelöst ausgerechnet durch einen Fünfer in Kunst. Da war aber auch noch nicht klar, dass die Kunst der Lichtbildnerei sein Lebensinhalt werden würde. Obwohl er sich schon als Zwölfjähriger einen Spaß daraus gemacht hatte, einen Totenkopf aus der Motivsammlung seines Vaters, garniert mit Messer und Gabel als Besteck, abzulichten. Der Hang zum Skurrilen zeigte erste Symptome. Der Beruf des Vaters übertrug sich auf geradezu revolutionär gegensätzliche Weise auf den Sohn. Statt wissenschaftlich korrekte, aber letztendlich ziemlich langweilige Fotodokumentationen zusammenzustellen, wurde es Volker Derlaths Leidenschaft und Profession, die Seelen von Menschen und ihrer Umgebung zu suchen. Anfang der Achtzigerjahre startete er das Projekt »Straßenfotografie«, was bedeutete, Menschen mit dem 50-Millimeter-Objektiv in die Augen und ins Herz zu schauen. Bald erweiterte Derlath solche Suche auf Gebäude, Straßen, Räume, Stadtzustände. Und weil er 1982 dann im Pathos Transport-Theater fotografieren durfte und weil diese Bilder dann die legendäre AZ-Theaterkritikerin Ingrid Seidenfaden in die Hände bekam und weil ihr nicht minder legendärer Feuilletonchef Helmut Lesch sie als ganz wunderbar lobte, wurde Volker Derlath Theater-und-noch-vielmehr-Fotograf. »Es ist ja eigentlich nichts anderes, als Dreidimensionalität zweidimensional darzustellen«, sagt er, legt dabei die Stirn in Quer- und Vertikalfalten und schaut etwas spitzbübisch dabei. Natürlich weiß er, dass nun Widerspruch kommt, bei dem man feststellt, dass eben diese Reduktion seine große Kunst ist. Und er weiß auch um das Außergewöhnliche am Erfolg seines Berufslebens, denn wenn man den Niedergang der professionellen Fotografie nach dem Einzug des Digitalen in die Bilderwelt betrachtet, ist es fast ein Wunder, dass ein Fotograf heute noch von Fotografie leben kann.

Volker Derlath

Volker Derlath | © Oliver Kuhn

Vielleicht liegt das Spezielle an seiner Arbeit auch darin begründet, dass er in sehr viel mehr Dingen als üblich ein penibler, weil von Ängsten getriebener Mensch ist. So hat er sich früh um eine heute abbezahlte Wohnstatt samt Labor gekümmert. Er führt ein gewaltiges Archiv, das ihm diverse Großbestellungen für Ausstellungen und Bücher beschert. Und er weiß um die Kraft analog entwickelter Schwarzweißbilder, seine eigentliche ganz Derlathsche Spezialität. Auch wenn er diese zeitaufwendige und Sorgfalt erfordernde Arbeit nicht apodiktisch verteidigt. Doch wenn’s um die Seele geht, hat das Analoge absolute Priorität. So wie seine Bilder sich dank ihrer Einzigartigkeit selbst dem Künstler zuordnen, strahlt auch der Mensch Volker Derlath eine sehr exklusive, höchst sympathische, ab und an aber auch anstrengende Aura der Gefühle in den Raum. Und man kann und will sich des Gefühls nicht erwehren, als blicke Volker Derlath, auch ohne Kamera, einem direkt ins Herz. ||

VOLKER DERLATH:
OKTOBERFEST 1984–2019. HEARTFELT ENCOUNTERS
Slanted Publishers, 2021 | 208 Seiten | 38 Euro

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