Einst Medizin, bis heute Genussmittel: Eine Ausstellung im Nationalmuseum widmet sich bis Januar nächsten Jahres dem Schnapstrinken.

Schnapstrinken. Mit Stil. Aus Spaß. Als Droge

Der Geist in der Flasche

schnapstrinken

Spirituosengarnitur in Gestalt von Fischen Russland oder Ukraine, um 2020 | Steingut, gegossen, glasiert, bemalt

Wer sich dem Thema »Schnapstrinken« widmet, wird nur nüchtern auszuführen haben, »was er immerhin nach alter deutscher Art im Rausche beschlossen haben möchte«, wie schon Georg Gottfried Gervinus in seiner »Geschichte der Zechkunst« (1836) mahnt. Wenn gar »der Gegenstand von einer wissenschaftlichen Seite aufgefaßt werden sollte«, verbiete sich »jede frivole Behandlung«. Das Bayerische Nationalmuseum schlägt nun, der Unterstützung durch die Kötztinger Bärwurzquelle wie zum Trotz, von vornherein einen Bogen um den hochgeistigen Inhalt und nähert sich ihm in einer kleinen, von Thomas Schindler und Angelika Schuster-Fox kuratierten Studioausstellung allein über die kulturgeschichtlich bemerkenswerten Gefäße, die ihn einst in sich bargen.

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C.H. Beck
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die älteste Schnapsflasche Deutschlands: Branntweinflasche in Form eines bauchigen Krugs | 1618 Birnbaumholz, gedrechselt, graviert; Messing |

Fünfeinhalb Liter Hochprozentiges konsumiert der Deutsche derzeit im Jahr, wie die knappe, doch instruktive Begleitpublikation informiert. Rang acht in Europa, doch weit hinter Russland (13 Liter) oder gar Südkorea (26,5 Liter, das sind erstaunliche drei bis vier Schnapsgläser pro Nase und Tag). Gesellschaftliche Relevanz ist diesen Werten kaum abzusprechen, und sie bildet ein Kontinuum durch die Zeitläufte, wie es die stets zeichenhaften Exponate der vielgestaltigen Gestaltgefäße, Liebes- und Hochzeitsgaben, Flaschen, Krüge, Gläser und Becher aus dem Museumsfundus dokumentieren. Eines der ältesten Objekte, eine hölzerne Branntweinflasche mit umlaufender Beschriftung, stammt von 1618, als das ursprüngliche medizinische Privileg des Destillierens längst an gewerbliche Brenner weitergegeben worden war und sich durch die damit sinkenden Preise eine rituelle Trinkkultur bis hin zur alltäglichen Berauschung der sozialen Unterschicht, nun ja, herausdestilliert hatte.

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Birnenförmige Nabelflasche | Süddeutschland oder Tirol, 18. Jhdt. | Glas, geblasen © Bayerisches Nationalmuseum, München / Foto: Bastian Krack

Von sonderbarem Humor zeugen nicht nur an Gaskartuschen angelehnte, hochprozentige Werbegeschenke, sondern auch die Adaption kapitalistisch-bürgerlicher Trinkgarnituren im Sozialismus: Nach Luft schnappende Fische aus russisch-ukrainischer Produktion lechzen ebenso nach Füllung wie die einer Kalaschnikow nachempfundene Karaffe mit den dazugehörigen Trink-Patronenhülsen aus chinesischer. Die Männlichkeitsrituale, die man sich dazu vorstellen mag, sind aber kein Symptom der Moderne, wie Trinkbecher in Pulverfassoder auch Phallusform aus der ersten Hälfte des 16. bis zum 18. Jahrhundert zeigen. Ritualisierte Gemeinschaftsstiftung jedenfalls ist hier ebenso das Ziel wie bei Gefäßen aus dem Zunftkontext mit Handwerkszeichen oder in Werkzeugform. Verschütten und Verschwenden des kostbaren Inhalts galt es jedenfalls zu vermeiden.

Branntweinflasche, sog. Liebesgabe Süddeutschland oder Böhmen, 18. Jhdt. Glas, geblasen, bemalt; Zinn, gegossen, geschnitten; Emailmalerei

Über dessen selbstverständlich stets segenbringende Wirkung wissen nicht nur bekannte Werbeslogans aus der Wirtschaftswunderzeit zu berichten (»Wenn einem also Gutes widerfährt …«, »Man sagt, er habe magische Kräfte«), sondern auch Verse und Trinksprüche, zu deren Vermehrung die Ausstellungsbesucher selbst beitragen sollen. Dass alkoholhaltige Getränke hygienische Vorteile gegenüber dem oft hygienisch bedenklichen Wasser haben, ist von alters her populäres Wissen. Ein Trinkspruch aus dem Chiemgau belegt es: »Also lehrt uns die Wissenschaft / wie Durst ist gut zu stillen: / Im Wein liegt die Weisheit/im Bier die Kraft,/im Wasser die Bazillen.« Über den Durst hinaus freilich empfiehlt sich ein Geist oder Digestiv. ||

Gestaltgefäß in Form eines Schuhs | wohl Deutschland, 1723 | Leder, verleimt, kalt bemalt; Holz; Hanf; Messing || © Bayerisches Nationalmuseum, München / Foto: Bastian Krack

SCHNAPSTRINKEN. MIT STIL. AUS SPASS. ALS DROGE
Bayerisches Nationalmuseum | Prinzregentenstr. 3
bis 30. Januar 2022 | Di bis So/Feiertag 10–17 Uhr, Do bis 20 Uhr | Führungen (begrenzte Teilnehmerzahl, Anmeldung: 089 21124317):  14. Nov./5. Dez., 11 Uhr | Das illustrierte Begleitheft (64 S.) kostet 5 Euro

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