Zwei Ballettklassiker der Moderne von Léonide Massine, inszeniert an geschichtsträchtigem Ort.

Léonide Massine

Kubismus und Commedia

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Léonide Massines »Parade« mit Bühnenbild und Kostümen von Picasso | © Luciano Romano

Skandale in der Kunst sind komplexe Phänomene. Sie spiegeln die Verunsicherung des Zuschauers bei einer Neuheit, seine Angst vor dem Verlust einmal gewonnener Maßstäbe. Einer der größten Theaterskandale überhaupt war 1913 die Pariser Uraufführung von Nijinkys »Le Sacre du printemps« durch Diaghilews Ballets Russes. Ein heidnisches Frühlingsritual und Strawinskys exzessiv rhythmische und oft geballt dissonantische Komposition, das war ein Schock. Unterschwellig entlädt sich in einem Skandal jedoch oft auch eine prekäre gesellschaftliche Situation. So bei der Pariser Ballets-Russes-Uraufführung 1917 von Léonide Massines »Parade«.

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Der Tumult im Théâtre du Châtelet entzündete sich da nicht nur an Picassos kubistischem Dekor und Erik Saties mit Alltagsgeräuschen befremdlich aufgemischter Komposition. Auf dem Hintergrund des 1917 noch wütenden Krieges mit Deutschland wurde zudem alles »Nicht-Französische« als Provokation empfunden. Die aufgebrachten Zuschauer (so unsere Recherche) schrien »Tod den Russen! Picasso ist ein Boche! Die Russen sind Boches!« – »Boches« war das Haßwort für die Deutschen. Anderswo, später, wurde »Parade« bejubelt: Ende 1917 in Barcelona und 1919 in London.

Nun ist diese 15-Minuten-Choreografie bei Arthaus Musik auf Blu-ray erschienen, kombiniert mit Massines »Pulcinella« von 1920 unter dem Titel »Pablo Picasso at Pompeii« – zu Ehren des großen Malers, der beide Ballette ausstattete. Die Wiederaufnahme 2018 der beiden Werke, getanzt vom Ballettensemble des Teatro dell’ Opera di Roma, fand im römischem Amphitheater von Pompeji statt. Just dort hatten sich vor einem Jahrhundert Picasso und Librettist Jean Cocteau für »Parade« künstlerische Inspirationen geholt. Picassos wohl speziell dafür konzipierter 187 Quadratmeter großer Bühnenvorhang mit mythischen Tieren und Artisten-Volk fungiert hier als wuchtiger bildnerischer Auftakt des Zweiteilers. Für die Inszenierung auf der Freilichtbühne verantwortlich zeichneten Eleonora Abbagnato, Erste Solistin des Balletts der Pariser Oper, und Choreograf Lorca Massine, Sohn von Léonide Massine.

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Die tänzerische Aktion in »Parade« ist eher schlank, was offensichtlich Cocteaus librettistischer Absicht entsprach: Varieté-Künstler geben in einer Pariser Straße Kostproben aus ihrer Vorstellung: Auftritte eines Pantomimen, eines luftig-ballettigen Matrosen-Girls, eines neoklassischen Paares und eines Beine schwenkenden rosa Pferdes mit kantig kubistischem Kopf. Die beiden Manager der Truppe, bis zur Taille in einer hoch aufragenden kubistischen Collage steckend, agieren als lebende Reklame-Schilder. Picassos Dekor und Kostüme und Eric Saties mit Gerassel von Schreibmaschinen und Motoren versetzte Komposition sind der modernistische Clou.

Letztlich wurde das »Skandal«-Stück zum theatralischen Manifest des Kubismus. »Pulcinella«, nach einer neapolitanischen Stegreifkomödie aus dem 18. Jahrhundert, zu Musik von Strawinsky (nach Pergolesi), ist eher traditionell gehalten. Dafür ist diese dem Stil der Commedia dell’arte verpflichtete Liebesgeschichte inhaltlich schön verrückt verschraubt, trotzdem choreografisch schlüssig erzählt und anmutig getanzt: Pulcinella, längst verbandelt mit Pimpinella, wird von zwei Bürgerstöchtern angeschmachtet und deshalb von deren eifersüchtigen Freiern erstochen. Der Listige, der sich nur tot gestellt hat, inszeniert nun mit seinem Freund Furbo als Fake-Leiche eine Beisetzungsprozession, begleitet von einer Schar kleiner Pulcinellen.

Vortäuschung und Verkleidung ist das lavierbare »Commedia«-Mittel. Sogar die beiden ausgetricksten Liebhaber nutzen es: In Pulcinella-Tracht können sie nun bei ihren abtrünnigen Angebeteten punkten. Am Ende natürlich dreifaches Happy End. Bei all dem Geplänkel zwischen Liebe, Eifersucht und Intrige tanzt und tänzelt die Komödie unentwegt, jeweils klassisches Ballettvokabular verschränkend mit komödiantischer Gestik. Das Stück ist unterhaltsam, klanglich abwechslungsreich durch die mit italienischen Liedern ergänzte Strawinsky-Komposition. Und nicht zuletzt wirbt es optisch für sich mit VollmondKulisse, fescher bourgeoiser Mode und den weiß-roten Harlekin-Kostümen. ||

PABLO PICASSO AT POMPEII
Zwei Ballette aus dem römischen Theater von Pompeii | 63 Minuten
Blu-ray Disc | Arthaus Musik, 2021

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