Jessica Glause stellt in »Bayerische Suffragetten« Vorkämpferinnen der Emanzipation in Bayern vor.

»Bayerische Suffragetten« an den Münchner Kammerspielen

Nur Kinder, Küche, Kirche?

bayerische suffragetten

Dass Ehe kein Beruf ist, wussten schon die bayerischen Suffragetten (Ensemble) | © Julian Baumann

127 Jahre Frauenbewegung scheinen spurlos an der bayerischen Staatsregierung vorbeigegangen. Söder beharrt verstockt auf Ehegattensplitting und Herdprämie, als ob das wilhelminische Credo Kinder, Küche, Kirche nicht schon längst auf den Abfallhaufen der Geschichte gehörte. Dabei wurde 1894 in München von Anita Augspurg die »Gesellschaft zur Förderung geistiger Interessen der Frau« gegründet, die als Verein für Fraueninteressen fortbesteht. Gebildete Frauen galten damals als verdächtig, kluge werden heute oft noch diffamiert. Da stellt sich die Frage: Wie viel hat sich denn wirklich geändert? Die stellt Jessica Glause in ihrer Stückentwicklung zur Geschichte der Münchner Frauenbewegung nicht, sie zeichnet vielmehr ein unterhaltsames Tableau, für das sie schillernde Figuren der bürgerlichen Frauenbewegung des 19. Jahrhunderts ans Licht holt (gerne in Pollesch-Manier in versteckten Räumen gefilmt), die sich im Fotoatelier Elvira von Augspurg und Sophia Goudstikker zusammenfanden.

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Wie Gespenster schleicht das Ensemble anfangs auf die Bühne, als seien sie Untote, die aus dem Nebel kommen. Das jugendstilschwungvolle Drachenmotiv des Fotostudio Elvira prangt an der Rückwand der Bühne und wird später aus fahrbaren Podesten zu einer Art Flaggschiff zusammengesetzt (Bühne: Jil Bertermann). Zum wabernden Sound von Eva Jantschitsch, dem im Laufe des zweistündigen Abends klassenkämpferisch anmutende Lieder folgen, wollen sie Spuren finden, bewegen sich dabei wie mechanische Puppen und formulieren pathetisch: Erinnern heißt Kämpfen. Die Nude-Overalls von Alexandra Pavlovic zitieren ebenfalls das Drachenmotiv des Fotostudios. Als neuer Berufszweig war die Fotografie nicht reglementiert und stand auch Frauen offen. Augspurg (Annette Paulmann) und Goudstikker (Katharina Bach) spezialisierten sich auf die schwierige Kinderfotografie und wurden bei Boheme und Adel beliebt. Das Paar trug Hosen, ritt im Herrensitz und schwamm in der Isar. Um sie herum bildete sich ein Kreis von Künstlerinnen und Frauenrechtlerinnen, die mittels ihrer Schriften und Briefe vorgestellt werden.

Da ist Gabriele Reuter (Julia Gräfner), die erste Bestsellerautorin des Fischer-Verlags. Die Schriftstellerin Emma Haushofer-Merk (Thomas Hauser) gründete mit der erfolgreichen Autorin Carry Brachvogel (Lucy Wilke) den Verein Münchner Schriftstellerinnen und führte einen Salon. Ihre Stieftochter Marie Haushofer (Luisa Wöllisch), eine Malerin und Dichterin, schrieb zum ersten bayerischen Frauentag das Festspiel. Elsa Bernstein (Edith Saldanha) war eine viel gespielte Dramatikerin, Ika Freudenberg (Jelena Kuljic) eine politische Netzwerkerin und Helene Böhlau eine kosmopolitische Schriftstellerin. Ob verheiratet, hetero, lesbisch, mit oder ohne Kinder, gemeinsam war ihnen die Haltung, dass Ehe kein Beruf ist. Tatsächlich wurde man durch Heirat bis in die 1970er Jahre als Frau nahezu rechtlos. Heute haben wir nicht nur das Wahlrecht, doch tun sich in dieser freundlichen Geschichtsstunde unerwartet unangenehme Parallelen mit der Gegenwart auf. Der Kampf ist noch nicht vorbei. ||

BAYERISCHE SUFFRAGETTEN
Kammerspiele | 26., 31. Okt. | 20 Uhr
Tickets: 089 23396600

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