Beim Zwischennutzungs-Projekt #wurzelspitzen tummeln sich 30 Künstler und Künstlerinnen auf einem ehemaligen Gärtnereigelände mitten in Seeshaupt.

#wurzelspitzen in Seeshaupt

Wilde Gewächse

#wurzelspitzen

Blick über das Gelände mit »Sequoioideae« von Daniel Bräg, »Radix« von Marco Schuler, im Hintergrund die »Bank für die Zeit des Virus und danach« von Anke Mellin und eine von fünf »Wurzelspitzen«-Figuren von Josef Lang | © Foto: heiders büro

Beim ersten Blick fällt erst mal die Blumenwiese ins Auge: Hornklee, Lichtnelken, Kornblumen, Barbarakraut und vor allem gelbe Färberkamille, wohin das Auge reicht – die Wildblütenpracht auf dem Gelände der ehemaligen Gärtnerei Demmel mitten in Seeshaupt ist eine ernst zu nehmende Konkurrenz zur Kunst, die sich ebenfalls rund um die aufgelassenen Beete angesiedelt hat. Der Ort zwischen jahrhundertlanger Gärtnerei-Tradition, Verwahrlosung und Zukunftsvision hat etwas Magisches. Genau das war auch den beiden Besitzern bewusst, als sie ihr Kunstprojekt gestartet haben: 30 Künstler*innen, die sich ein Jahr lang auf dem Gelände abseits der Blumenwiese tummeln dürfen und ganz nach Lust und Laune, ohne jegliche Vorgaben, Werke kreieren, pflanzen, installieren, bauen und gestalten können. Ein Zuckerl in Zeiten von Corona für die Künstler*innen, ein inspirierendes Vergnügen für die Gäste, eine sinnvolle Zwischennutzung für ein brach liegendes Gelände und eine geniale Idee, um ein Bauprojekt ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu bringen, das schon lange darauf wartet, genau dort umgesetzt zu werden.

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Die beiden Personen hinter alledem sind Katharina Heider, ausgebildete Gärtnerin, Architektin und Erbin des Gärtnereigeländes in vierter Generation, sowie ihr Mann Michael von Brentano, bildender Künstler. Bereits 2011 entwarf Katharina Heider mit weiteren Architekturbüros einen Bebauungsplan für das 12000 qm große Gelände. Es soll ein soziales und umweltgerechtes Wohnprojekt werden, ganz in Achtsamkeit und Wertschätzung im Umgang mit dem Erbe. Ein »gemeinschaftliches Wohnen, das seine Wurzeln hat an einem Ort, an dem eine Familie über Generationen hinweg gemeinsam gearbeitet hat, und das ein Zeichen setzt für Wohn- und Lebensqualität für zukünftige Generationen«, heißt es auf der Homepage des Büros Heider. Seither prüft die Gemeinde das Vorhaben – kein widerstandsfreies Unterfangen. Als der langjährige Pächter 2020 die Gärtnerei endgültig verließ, entstand die Idee der Zwischennutzung mit Kunst. Michael von Brentano entwarf das Konzept für das Projekt #wurzelspitzen, lud 30 Künstler*innen ein, sich auf dem Gelände mit seiner Geschichte und mit seinen Materialien auseinanderzusetzen: »Ich kann hier nicht nur etwas hinstellen, ich kann auch etwas wegnehmen, umbauen, ausgraben und umwidmen.«

Seit März 2021 sind die Künstler*innen am Werkeln, im Juni war dann die offizielle Eröffnung, was nicht heißt, dass alles fertig war, sondern es kann jederzeit weitergestaltet werden. Jedes Wochenende steht das Gelände zur Besichtigung und Teilnahme am Programm offen. Ein »Hygieneweg« führt durch die Gebäude und die Außenanlagen hin zu den Kunstwerken, ein multimedialer Erlebnisparcours von Malerei, Skulptur, Video bis hin zu Installation und Land-Art, von der musealen Präsentation an der Wand und in der Vitrine bis hin zu künstlerischen Interventionen und Transformationen mit vorgefundenen Materialien.

#wurzelspitzen

Nicht immer ist das fertige Kunstwerk als solches zu erkennen und von den alten Gärtnereirelikten zu trennen, aber genau das machte den Reiz für eine ganze Reihe von Künstler*innen aus: Die Bildhauer Nikolas und Andrea Kernbach etwa haben Gehwegplatten herausgelöst und durch Umschichtung und Stapelung zur dreidimensionalen Plastik umfunktioniert – einen Hinweis auf die künftige Bebauung des Geländes. Ömer Faruk Kaplan verarbeitet die alten Wasserrohre zu einem weitläufigen Geflecht, so wie auch Camill von Egloffstein, der diese zum kinetischen Würfel zusammengeschweißt hat, der sein Innenleben aus Stuhlflechtrohr in Bewegung versetzt.

Viele Künstler nahmen sich die aufgelassenen Beete vor: Martin Schmidt legte darin ein Weizenfeld an, Christoph Scheuerecker schichtete Erde zu geometrischen Formationen um. Ein Highlight sind die Arbeiten von Barbara Christine Hennig, Land-Art im klassischen Sinn, die eigentlich aus der Luft betrachtet werden müsste: In den Sand von drei Beeten hat die Künstlerin im Rahmen einer Performance die japanischen Schriftzeichen für Wind, Weg und Wasser eingeschrieben und eine Art Zen-Garten gestaltet. Im Kontrast dazu führt sie durch die drei angrenzenden zugewucherten Beete einen diagonalen Trampelpfad, der durch aufgemalte Zebrastreifen auf den Wegen dazwischen zusätzlich kenntlich gemacht ist. Zu einem ästhetisch reizvollen Objekt ist auch die dichte Holzschichtung geworden, die Daniel Bräg aus einem zersägten Baum hergestellt hat. Geflochtene Drahtobjekte von Brigitte Schwacke scheinen sich in ein Gewächshaus eingesponnen zu haben. Das Kontrastprogramm zu diesen natursymbiotischen Werken bildet die Gruppe figurativer Skulpturen: mit der Kettensäge geschnitzte überdimensionale Menschenwesen von Josef Lang sowie eigenwillige pastellfarbene Gestalten aus Metall von Marco Schuler, die »strahlend freundliche Geister für jeden Garten« vorstellen sollen. Und ein riesiger Gorilla aus Unkrautschutzfolie von Gregor Passens bewohnt ein Gewächshaus.

Den veritablen Gruselfaktor steuert Herbert Nauderer bei: Durch einen Schlitz kann man in eine dunkle Kammer und auf eine beklemmende Rauminszenierung aus Objekten und Videos blicken – eine Weiterführung seines groß angelegten Projekts »Das Haus des Erfinders«. Hervorzuheben sind auch die faszinierenden Animationsfilme des jungen Filmkünstlers Arne Hain, die allein schon einen Besuch der Gärtnerei wert sind. In den beiden Gebäuden geht es eher museal zu: Zu sehen sind u. a. subtile Fotoarbeiten von Susanne Kohler, Fundstücke und Zeichnungen von Heike Jobst, ein Memory mit stilisierten Motiven aus der Gärtnerei von Michaela Johanne Gräper. Der Initiator der #wurzelspitzen selbst Michael von Brentano, hat sich das riesige Einbaumöbel im Verkaufsraum vorgenommen und in ein Objekt mit visionärem Charakter umgestaltet: »Im übertragenen Sinn kann das auch für ein Bauvorhaben gelten, dessen Gewinn für die Allgemeinheit größer sein kann, als es die Vorstellungskraft eines politischen Entscheidungsgremiums zulässt«, so der begleitende Kommentar. Gemeint ist natürlich das Bau-Projekt seiner Frau, dem das Gärtnereigelände, die Kunst und die wunderbare Blumenwiese zwar zum Opfer fallen werden, das aber eine zukunftsweisende Vision für Seeshaupt bedeutet. ||

#WURZELSPITZEN
Gelände der ehemaligen Gärtnerei Demmel
Baumschulenstr. 3, 82402 Seeshaupt | bis März 2022 | Sa und So 14–18 Uhr | Zum umfangreichen Veranstaltungsprogramm mit Kuratorenführungen, Künstlergesprächen, Performances und Musik sowie den jeweils geltenden Hygieneregeln siehe heiders büro und Instagram

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