Das Kloster Beuerberg wird 900 Jahre alt. Deshalb kann man im oberbayerischen Idyll noch bis Oktober in die Idee der Kommune eintauchen.

Kloster Beuerberg: »Kommune 1121«

Anders leben

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Kloster Beuerberg | © Thomas Dashuber

Schon allein der Weg von Wolfratshausen über Eurasburg nach Beuerberg, über kleine Straßen, durch grüne Wiesen, die Alpenkette immer im Blick, ist ein kontemplativer Genuss. Kloster Beuerberg ist seit 900 Jahren ein Rückzugsort. Auch wenn heute dort keine Chorherren oder Nonnen mehr leben, weht den Besucher noch immer der Geist der Kommune an. Denn nichts anderes ist eine klösterliche Gemeinschaft. Was zunächst im Ausstellungstitel wie eine ironische Reminiszenz an die Kommune 1 der 68er-Hippies um Rainer Langhans und seine Mitbewohnerinnen klingt, entpuppt sich als ernsthafte Annäherung an die Möglichkeite nalternativer Lebensgemeinschaften. Wenn man das Glück hat, eine Führung der versierten Mitarbeiterinnen mitzumachen, erfährt man in etwa 90 Minuten eine Unmenge: Die Idee, bestehende Lebensformen zu verlassen und mit neuen Varianten von Gemeinschaft zu experimentieren, entspringt meist einem radikalen, manchmal revolutionären Anliegen, gesellschaftliche Missstände zu verändern und verkrustete Strukturen aufzubrechen. Im Schutz einer Kommune können unbequeme Fragen diskutiert werden, die sich zu Impulsen für notwendige Reformen entwickeln können.

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C.H. Beck

Die Gründung von Kloster Beuerberg im Jahr 1121 fiel in eine Zeit großer sozialer, demografischer und politischer Umwälzungen. Es wurde um geistliche und weltliche Macht gerungen, ein Höhepunkt im Investiturstreit zwischen Kaiser und Papst war Heinrichs legendärer Gang nach Canossa, jahrhundertelang wurde um Ländereien gestritten, auf Reformen folgten Gegenreformen, meist auf Kosten der Bevölkerung. Während des Investiturstreits starb Adalbert von Iringsburg (das heutige Eurasburg) als Anhänger des Kaisers im Kirchenbann. Seine Söhne stifteten das Kloster Beuerberg für die Augustiner-Chorherren als Sühneleistung, um trotz der Exkommunikation das Seelenheil des Vaters zu sichern. In dem kleinen Augustiner-Chorherrenstift lebten um die 15 Augustiner, die aber dank Zustiftungen ihren Grundbesitz vermehren konnten und die Betreuung weiterer Pfarreien in der Umgebung übernahmen. 1332 wurde Beuerberg zur landständischen Klosterhofmark erhoben und verfügte somit über alle Rechte, die auch ein adeliger Grundherr innehatte. In weltlichen Dingen unterstand das Kloster der Familie von Iringsburg. 1544 ging die Vogtei auf die Wittelsbacher über. Das Augustinerstift wurde 1803 im Zuge der Säkularisation aufgelöst.1835 zogen die Salesianerinnen ein, 2013 wurde das Kloster aufgegeben. Seit 2016 finden unter der Ägide von Christoph Kürzeder regelmäßige Themenausstellungen zum Klosterleben statt.

Ein Herz und eine Seele

Die Augustiner in Beuerberg waren eine Gemeinschaft geweihter Priester. Wie die Mönche verrichteten sie auch gemeinsam das Chorgebet, daher stammt die Bezeichnung »Chorherren«. Sie lebten nach der Augustinusregel, die auf »Liebe und Gemeinschaft« basiert: Oberstes Ziel der Gemeinschaft ist es, »wie ein Herz und eine Seele auf dem Weg zu Gott zu sein«. Alle sollen mit allem versorgt sein, was individuell nötig ist; gebetet wird nach einem festen Stundenplan; alle sorgen fürs gemeinsame leibliche Wohl, übernehmen die Verantwortung und behandeln einander »im Geist der Liebe«, um den »lebensweckenden Wohlgeruch Christi« zu verbreiten, wie man in der »Augustinusregel« nachlesen kann (Übersetzung nach Tarsicius Jan van Bavel, Augustinusverlag Würzburg). In Beuerberg wurde nach den Statuten von 1727 von 4 Uhr bis 9.45 Uhr gebetet, um 10 Uhr gab es Frühstück, danach im Gemeinschaftsraum »Rekreation« bei Gesprächen oder Spielen, von 12 Uhr bis 14 Uhr Freizeit in der Mönchszelle, nach der Vesper um 15 Uhr war Lektüre- und Studienzeit, um 17 Uhr Essen, danach Erholung, Vorbereitung auf die Aufgaben des nächsten Tages und »Gewissenserforschung«, bevor um 20 Uhr die Nachtruhe begann.

Die Ausstellung versäumt es nicht, auch auf andere alternative Lebensformen aufmerksam zu machen, die je nach Zeit und kulturellem Umfeld anders geprägt sind: Seien es die Shaker, die im 18. Jahrhundert in Amerika nicht nur als außergewöhnliche Möbelschreiner berühmt wurden. Oder das sozialistisch geprägte Leben im Kibbuz, wo nahezu alles geteilt wurde. Oder der indische Ashram, in dem sich auch westliche Besucher Erleuchtung durch Meditation erhoffen. Oder schließlich die 68er-Wohngemeinschaft, in der Studenten antibürgerliche Möglichkeiten der Freiheit neu definierten.

Heitere Einkehr

Kloster Beuerberg ist ein Ort, an dem man sich immer gern einbildet, dass man persönlich erwartet wird. Dass der Garten extra dafür angelegt wurde, damit man entzückt ruft, schau, der Salat, und die Stockrosen, und die vielen Bienen auf dem Sonnenhut! Wenn dann noch die Laufenten mit ihren Küken vorbeirennen, ist das Szenario perfekt, während man selbst mit den Genüssen aus der Klosterküche beschäftigt ist. Jeder Teller ist liebevoll mit essbaren Blüten geschmückt, die Limonade kommt im tönernen Krügerl auf den Tisch, und wenn man den gemauerten Brunnen im Blick hat, kann man sich vorstellen, wie die Prinzessin hier ihre goldene Kugel ins Wasser warf. Ob in der Küche oder in der Vorratskammer, ob im Kapitelsaal oder auf dem kleinen Friedhof der Salesianerinnen, überall kann man sich sehr plastisch vorstellen, wie das klösterliche Leben in sicher auch heiterer Einkehr ablief. Vor der ehemaligen Klosterbackstube sind im historischen Mobiliar Briefe des Bamberger Erzbischofs Bonifaz Urban, eines der letzten Beuerberger Augustiner-Chorherren, ausgestellt. Mit seiner Schülerin, der späteren Erzherzogin Sophie, also Sisis Schwiegermutter, tauschte er sich zeitlebens aus, auch über die Liebe zwischen Sophies Sohn und der bayerischen Prinzessin. Nicht ganz zeitgemäß, aber sehr charmant ist der historische Fernsehapparat im Holzkorpus, auf dem im Loop Ausschnitte aus den Sisi-Filmen laufen. Die Vorstellung, eine Zeitlang in dieses Kloster einzuziehen, fällt nicht schwer. Auch ohne Chorherren. ||

KOMMUNE 1121. VISIONEN EINES ANDEREN LEBENS
bis 3. Oktober | Mi-So und feiertags 10-18 Uhr
Kloster Beuerberg | Königsdorfer Str. 7, 82547 Beuerberg | öffentliche Führungen durch die Ausstellung: Sa, So und Feiertags, 15.00 Uhr || Führungen durch Garten und Kirche, Workshops und Schulprogramm

Weitere Ausstellungen in und um München finden Sie in der aktuellen Ausgabe. Hier geht es zum Kiosk.