Markus Schubert arbeitet an der Schnittstelle von Digitalem und Theater. Mit Aufmerksamkeit wird man dort oft nicht gesegnet. Höchste Zeit also für ein Gespräch über Hacker und Künstler.

Ein Gespräch mit Markus Schubert

»In meiner Vorstellung ist jeder Hacker auch ein Künstler«

Hacker

Markus Schubert | © Helene Altenstein

An den Münchner Kammerspielen wird eine Performance über Pflegeroboter gezeigt, in der Pinakothek der Moderne ist eine Ausstellung zu KI, Robotik und Design zu sehen. Und das Staatstheater Augsburg eröffnet die nächste Spielzeit mit einer Produktion der neuen Digitalsparte, dem Virtual-Reality-Ballett »kinesphere«, in dessen Mittelpunkt ein riesiger, leuchtend orangefarbener Industrieroboter von KUKA steht. Das Ballett wurde in einem leeren Halle auf dem Gelände des Augsburger Gaswerks im Frühsommer 2021 mit einer 360-Grad Kamera aufgezeichnet. Die Choreografie der Tänzerinnen und Tänzer stammt von Ballettdirektor Ricardo Fernando. Dem Industrieroboter aber hat der Berliner Programmierer, Hacker und Creative Technologist Markus Schubert die Bewegungsabläufe »einstudiert«. Schon viele Jahre ist er im Grenzbereich zwischen Informatik und Kunst, Robotik und Theater, Games und Erinnerungskultur unterwegs. Der Diplom-Informatiker, aufgewachsen während der Wendejahre im deutsch-polnischen Grenzgebiet im Osten Brandenburgs, ist Gründer des IT-Startups Nebelflucht GmbH und langjähriger Kollaborateur des Game-Theaterkollektivs Prinzip Gonzo.

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Mit der digitalen Transformation und nicht erst seit der Pandemie sind neue Berufsfelder am Theater entstanden. Techno-kreative Kompetenzen werden benötigt, die über Licht-, Ton- und Videoabteilungen weit hinausgehen. Diese neuen Technik-Expert*innen sehen sich durchaus selbst als Kreative und Teil der Regie- und Konzeptionsteams, was bisweilen zu Konflikten oder Irritationen innerhalb der althergebrachten Strukturen und Hierarchien an den Theatern führen kann.

Das Gespräch mit Schubert findet über Zoom statt. »kinesphere« ist frisch abgedreht, der KUKA-Roboter wurde wieder abgebaut, verpackt und abgeholt. Schubert hat ein paar Tage Urlaub gemacht. Seit einer Burn-out-Erfahrung 2017 ist ihm eine ausgewogene Work-Life-Balance wichtig, auch um den Spaß an der Arbeit nicht zu verlieren. Das Gespräch ist von einer in sich ruhenden, manchmal radikalen Offenheit gekennzeichnet, die bisweilen etwas abschweift, doch immer wieder zur Ausgangsfrage zurückkehrt, ergänzt, korrigiert. Einschätzungen sind um Fairness und Ausgewogenheit bemüht. Mit seiner Haltung verkörpert er authentisch das, was er im Gespräch immer wieder als Hacker-Ethos umschreibt. Trotz vieler Jahre in Dresden und Wien ist sein Berlin-Brandenburger Dialekt unüberhörbar. »Hacker« spricht er aus wie das Münchner Bier oder die gleichnamige Brücke. »Ein Hacker ist für mich jemand, der nachfragt. Jemand, der sich Systeme anschaut, mal Sachen aufmacht und reinguckt und wissen will, wie das funktioniert. Für mich hat das nicht immer was mit Computern zu tun. Für mich sind auch Leute wie das PENG! Kollektiv oder das Zentrum für politische Schönheit ganz klar Hacker. Die hacken halt die Gesellschaft.«

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Gabriela Zorzete Finardi mit KUKA Iontec KR30R2100 © Jan-Pieter Fuhr

Die Pandemie-Monate haben wider Erwarten viele Projekte gebracht. Mit der von ihm entwickelten Game-App toto.io hat er für das Borgtheater von Rolf Kasteleiner an den Performances von »Customerzombification« mitgewirkt. Am Schauspiel Leipzig entwickelt er eine neue Produktion gemeinsam mit Chris Kondek und Christiane Kühl von doublelucky productions. Jetzt aber wartet sein nächstes Roboterprojekt in der Steiermark. Aufgrund der Corona-Verzögerungen fand das von ihm gemeinsam mit der Regisseurin Elsa-Sophie Jach und der Bühnenbildnerin Thea Hoffmann-Axthelm geplante Projekt »Nessun Dorma« erst vom 5. bis 12. August im Grazer Forum Stadtpark statt. Dort begegnen sich die beiden von ihm programmierten Roboter Arka und Putzini in einem musikalischen Liebesdiskurs. Ähnlich wie bei »kinesphere« geht es auch hier um Mensch-Maschine-Interaktionen. Doch sollen Arka und Putzini direkt aufeinander reagieren und auch mit dem Publikum interagieren, was einer komplexeren technischen Umsetzung bedarf.

Was sind nun die größten Unterschiede zwischen der Theaterwelt und der Welt der Algorithmen, Codes und lernenden Maschinen? Markus Schubert kennt sowohl die Freie Theaterszene wie auch die Arbeit an Stadt- und Staatstheatern. Er hat als Softwareentwickler für IT-Unternehmen gearbeitet, an einem Fraunhofer-Institut und am kanadischen National Research Council geforscht. Er ist aktiv beim jährlichen Chaos Communication Congress und engagiert sich bei diversen Hackspaces und Festivals – während seiner Studienjahre in Dresden beim CYNETART Festival, später in Wien im legendären monochrom-Umfeld des Netzkünstlers und -theoretikers Johannes Grenzfurthner und im Hackspace Metalab, wo er 2007 Tina Lorenz kennenlernte, die ihn nun zu »kinesphere« brachte.

»Die größten Unterschiede sind im jeweiligen Mindset zu finden«, sagt er, und beschreibt irritierende Erfahrungen an Stadttheatern, wo Hausdramaturg*innen statusorientiert mit den Gastregisseur*innen über die neue Produktion plaudern. Dabei wird der danebenstehende »Techniker« Markus Schubert einfach übersehen, da sie nicht realisieren, dass die Programmierung der App wesentlicher künstlerischer Teil der Konzeption des Game-Theater-Abends ist. Oder wohlmeinende Häuser, die Theaterwohnung und Probebühne zur Verfügung stellen, aber auf die Frage nach dem WLAN-Key passen müssen, da das vom Datenschutzbeauftragten nicht abgesegnet wurde. Noch gravierender sind die Unterschiede, wenn es um Austausch und das Teilen von Wissen geht. »Da wird oft die Hand draufgehalten«, sagt er, und äußert zugleich Verständnis, da die Knappheit an verfügbaren Ressourcen und institutionelle Hierarchien eben andere Rahmenbedingungen für Theaterarbeit stellen. »In der Nerdszene, wenn da jemand was Tolles gemacht hat, geht man hin und fragt nach. Welche Technologie hast du verwendet und welche Programmiersprache? Dann schnappt man sich die Tastatur, schreibt etwas Code, kompiliert, zeigt und probiert was aus.«

Das Theater spielt für Markus Schubert jedoch eine wesentliche Rolle, um die gesellschaftlichen Debatten von Technologieentwicklungen zu begleiten. »Diese Systeme sind da und die werden viel zu schnell viel zu gut. Wir brauchen einen Diskurs über deren Implikationen.« Dazu ist es aus seiner Sicht auch nötig, sich aktiv mit Technik auseinanderzusetzen und beispielsweise Programmieren zu lernen. »Nicht jeder wird am Ende Software schreiben, aber ein Verständnis von Technik und Algorithmen zu haben, ist sinnvoll.« ||

KINESPHERE
Staatstheater Augsburg | Premiere/Veröffentlichung: 10. September | 19.30 Uhr

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