Christoph Dallach lässt in seinem neuesten Werk »Future Sounds« über Krautrock sprechen.

Christoph Dallach: »Future Sounds«

Das Erbe der Freaks

future sounds

Mitte der Neunziger war das neu. Legs McNeil und Gillian McCain hielten damals ihre Mikrofone zahlreichen ehemaligen Protagonist:innen des popmusikalischen Aufbruchs unter die Nase und kompilierten daraus »Please Kill Me – The Uncensored Oral History of Punk«. Der eine war lange Jahre Redakteur mehrerer Fanzines, die andere gab Prosagedichte in Anthologien heraus. Das Projekt selbst war konsequent postmodern in seinem Anspruch, die einzelnen Interviewstatements thematisch beliebig anzuordnen und damit eine Chronologie zu behaupten, die es in dieser Form nie gegeben hatte. Und es war ansteckend, denn es deutete die Autorität des Zeit bezeugenden Schwarms an, losgelöst von den Verbalblähungen besserwissender Musikjournalisten, eine Art effektvoll zugespitzte Graswurzelauthentizität aus der Mitte des Geschehens.

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Die Form machte auch hierzulande Schule. Jürgen Teipel montierte nach diesem Muster »Verschwende Deine Jugend – Ein Doku-Roman über den deutschen Punk« (2001), Felix Denk und Sven von Thülen versuchten in geklitterten Gesprächen mit »Der Klang der Familie – Berlin, Techno und die Wende« (2012) einem Initiationsmoment der trancepoppenden Moderne auf die Spur zu kommen, Rüdiger Esch schob mit »Electri_City – Elektronische Musik aus Düsseldorf« (2014) einen Interview-Sampler zum Phänomen Kraftwerk und deren klangkultureller Erbmasse hinterher. Allen Projekten gemeinsam war der feldforschende Fleiß der Autor:innen, möglichst viel erzählendes Material herbeizuschaffen, außerdem die sich daraus ergebende Redundanz der vermittelten Meinungen, die sich oft nur in den Details persönlicher Erlebnisse und Wertungen unterschieden, und vor allem die Beharrung auf der Normaktivität des Narrativs. Ein bequemes Format für die Kompilator:innen, denn Analyse fand nicht statt. Man konnte sich raushalten, die Zeitzeug:innen vom Hintergrund aus durch die Anordnung der Zitate lenken und Meinung als Wirklichkeit stehen lassen, die nur durch die Meinung anderer ergänzt wurde. Das Prinzip Filterblase, übertragen auf das System des Musikjournalismus.

Christoph Dallach macht da im nächsten Anlauf keinen Unterschied. »Future Sounds – Wie ein paar Krautrocker die Popwelt revolutionierten« ist die Wiederauflage des imaginären Gesprächsformats, diesmal mit Beteiligten aus dem Umfeld experimenteller Klangformen der frühen Siebziger. Man erfährt viel Anekdotisches und Erinnertes über die Flaggschiffe der Avantgarde wie Can, Tangerine Dream, Wallenstein, über Pulthelden wie Conny Plank, über die künstlerisch nur mäßig effektive Wirkung bewusstseinserweiternder Substanzen, das swingfreie Selbstverständnis deutscher Musiker und die Geringschätzung des Begriffs »Krautrock« im Speziellen und »Rock« im Allgemeinen. Man liest auch, dass München im Kommunardenumfeld von Embryo oder Amon Düül und deren Derivaten einst musikkulturell Bedeutung gehabt haben soll. Daraus folgt aber nichts. Denn bis auf ein dünnes Bekenntnisvorwort zur eigenen Begeisterung und eine dezent chronologisch vorsortierte Auswahl der Zitate enthält sich Christoph Dallach der Einordnung des Gesagten. Was im Kontext der Postmoderne noch als Widerstand von unten gegen die Meinungsmonopole von »Spex«, »Tempo«, »The Wire« & Co interpretiert werden konnte, ist im Zeitalter von Social Media aber ein Zeichen der Mutlosigkeit. Einer der erfahrensten Musikjournalisten der Republik hält mit seiner Analyse und seinem Wissen hinterm Berg und wagt Urteile, Einschätzungen, Ausblicke nur durch die Worte anderer. Der Experte verstummt in der Blase. ||

CHRISTOPH DALLACH: FUTURE SOUNDS – WIE EIN PAAR KRAUTROCKER DIE POPWELT REVOLUTIONIERTEN.
Suhrkamp, 2021 | 511 Seiten | 18 Euro

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