Dirk Wagner stand selbst oft an den Plattentellern. Diesmal schlendert er durch die Ausstellung »Nachts«.

Nachts. Clubkultur in München

Von wegen fade!

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Vintage, bevor es Mode wurde: das Atomic Café | © Tina Weber

»Besonders in München, der Stadt der Hochkultur und schönen Künste, findet die subversive Kraft der Nacht oft nur wenig Beachtung und Raum«, schreiben Ursula Eymold und Christoph Gürich im Katalog zu ihrer derzeitigen Ausstellung »Nachts« im Stadtmuseum über die Clubkultur in München. In der Ausstellung selbst wird man dann aber mit einem Münchner Nachtleben konfrontiert, das sehr wohl über die Stadtgrenze hinaus gepriesen wurde. So darf man hier einmal mehr durch die originale Eingangstür jenes Atomic Cafés gehen, das auch in einer New Yorker Zeitung empfohlen wurde, und in dem sich nicht selten auch Britpop-Stars wie Pete Doherty zu seiner prominentesten Zeit als Quasi-Stammgäste erwiesen. Aber auch das Ultraschall respektive dann Ultraschall II im Kunstpark Ost war in den Technoszenen mindestens deutschlandweit bekannt. Im hinterletzten Winkel des Vergnügungsparks namens KPO versteckt, der an besonders überfüllten Wochenenden fast schon einem Ersatzballermann mit Table Dance und Wiesn World glich, war das Ultraschall dennoch ein Hotspot des Techno.

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Da bedurfte es wie so oft im Münchner Nachtleben einer unerschütterlichen Zuversicht, dass irgendwo hinter all diesen Ravegurken und Landeiern eine Party fernab von allen zugkräftigen Saisonmoden stattfand. Wo man am Detroit Techno festhielt, während andernorts massenkompatiblere Spielarten ausprobiert wurden. Wo aber auch im grünen Raum oder im Flokati-Raum Schorsch Kamerun von den Goldenen Zitronen einen Auftritt als Silvesterboy hatte. Oder wo die Polizei kam, weil die damals aufstrebenden Musiker:innen Peaches und Gonzales ein gemeinsames Konzert gaben, das in die österliche Tanzverbotphase rückte. So genau weiß keiner mehr, ob das in der Nacht auf Karfreitag, auf Karsamstag oder auf Ostersonntag geschah. Obwohl weit und breit keine Kirchengemeinde in ihrer Andacht hätte gestört werden können und man am Eingang zum Kunstpark Ost nicht einmal erahnen konnte, dass irgendwo auf dem Gelände ein Konzert stattfinden würde, geschweige denn, dass man dergleichen jenseits des Geländes hätte mitkriegen können: Die Obrigkeit sah die Osterruhe gestört, was Gonzales damit kommentierte, dass man statt zu tanzen nur noch die Finger rhythmisch bewegen solle, oder war das hier auch schon verboten?

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echno, legendär: Industrieästhetik im Ultraschall | © Marcus Zumbansen

Wenig Beachtung findet das Münchner Nachtleben also eigentlich nicht, möchte ich der Einlassung von Eymold und Gürich entgegnen. Selbst Deutschlandfunk Kultur rühmte dereinst die »Feierbanane« in der Münchner Innenstadt, derweil ähnliche Einrichtungen in anderen Städten eher an deren Stadträndern zu finden seien. Vielleicht müsste die Frage nach der Wertigkeit solchen Münchner Nachtlebens also eher lauten: Wie kann sich eine Münchner Subkultur gegen das Oktoberfest-Image, die Hofbräuhaus- und Biergartenerwartungen seiner Touristen und dieses ständig wiedergekäute Schickimicki-Gefasel durchsetzen? Und welche Unterstützung erfährt eine solche Subkultur in einer Stadt, in der der Mietspiegel schon seit Jahrzehnten zu den Bundesspitzen zählt? Denn da kostet dann auch die Miete für einen Club etwas mehr. Zieht man daraus allerdings den Schluss, dass die Clubbetreiber:innen entsprechend nur solche Veranstaltungen anbieten, die den höchsten Umsatz garantieren, wären auch diese längst von den nicht minder umsatzgetriebenen Unternehmen der anderen Städte übernommen worden. Eintrittspreise und Getränkepreise scheinen da eher einen Unterschied zu machen. Womit möglicherweise eine betuchtere Klientel in die hiesigen Clubs gelockt würde. Die Outfits vieler Stammgäste des Atomic Café hätten dies auch leicht vermuten lassen können.

Wer die Menschen in diesen Outfits aber näher kennenlernte, erfuhr bald schon, dass auch Stil nicht nur eine Frage des Geldes ist. Auch wenn der eine oder die andere dann das Ersparte in angesagte Klamotten investierte. Ein Garant, damit am Türsteher vorbeizukommen, war das übrigens nicht. Zwar war die Tür zum Atomic Café nicht gar so streng wie bei anderen Clubs der Stadt, aber selbst Bandmitglieder von Jack Whites zweiter Band nach den damals so erfolgreichen The White Stripes, nämlich The Raconteurs, wären nach einem Gig in der Muffathalle einmal fast nicht zu dem bereits vorausgeeilten Teil der Band ins Britpop- und Mod-Paradies der Stadt eingelassen worden. Im Stadtmuseum ist nun das gesamte Interieur des 2014 nach 18 erfolgreichen Jahren geschlossenen Atomic Cafés ausgestellt. Davon ausgehend zeichnet die Ausstellung »Nachts« die Entwicklung des Münchner Nachtlebens seit der Nachkriegszeit nach. Und sie geizt nicht mit spannenden Exkursionen wie etwa über die Bedeutung amerikanischer Jazzlegenden und ihrer München-Besuche für den Kalten Krieg. Dabei wird auch der einst in München eingerichtete US-amerikanische Propagandasender Radio Free Europe erwähnt, dessen rumänischer Star-DJ Cornel Chiriac 1975 nach
einem Schwabing-Besuch ermordet wurde.

Andreas Ammers Erinnerungen an das Nachtleben der Achtziger

Nachtarbeitende Frauen von der Toilettenaufsicht bis zur Hebamme sind auf Fotos dabei und besonders witzige Arbeiten des Fotografen Volker Derlath präsentieren ein Munich Nightlife auch jenseits der Clubs, auf dem Heimweg etwa oder auf dem Weg zur nächsten Einkehr. Selbst dem leider einen Tag vor Ausstellungseröffnung verstorbenen VJ Autopilot alias Peter Becker ist eine Wand gewidmet, auf der Ausschnitte seiner legendären VJ-Sets zu sehen sind, live manipulierte Videos, die Becker einst zur Illuminierung der Tanzflächen und Konzertbühnen einsetzte und die mit ihren rasanten Schnitten und Überblendungen den Rhythmus der dort gebotenen Musik visuell nachzeichneten. Schon im Ultraschall probierte Becker diese von ihm mitentwickelte neue Kunstform aus, die er letztlich dann auch an der Ludwig-Maximilians-Universität lehrte. Als Bildforscher der ersten Stunde, der die Musik regelrecht mit Licht und Farben visuell neu zu komponieren verstand.

Schräg gegenüber im Raum des Stadtmuseums steht entsprechend zugehörig ein Schallplattenkoffer, dem DJ Hell ein paar Vinyls beifügte, die den Sound of Munich ausmachen. So war jedenfalls die Anfrage vom Museum. Dass sich der berühmte DJ dann hauptsächlich für sein eigenes Werk zu begeistern scheint, spricht für sein Ego. Ganz verkehrt ist es ja auch nicht, zumal eine Donna Summer-LP mit Unterschrift als Leihgabe des Münchner DJs Mirko Hecktor ohnehin einen anderen Bereich krönt, der dem Erfinder des Sound of Munich gewidmet ist: Giorgio Moroder und seinen Musicland Studios im Arabellahochhaus. Ihm ist schließlich auch der Aufenthalt des Queen-Sängers Freddy Mercury in der Landeshauptstadt zu danken, dokumentiert unter anderem durch eine Einladungskarte von Mercury zu einem Black And White Drag Ball anlässlich seines Geburtstags. Kurz: Von Tickets über Flyer bis Konzertposter, Schallplatten, Klamotten und Merchandise-Artikel, wie etwa einem T-Shirt der Undergroundkneipe Substanz, gibt es in der thematisch sortierten Ausstellung so vieles zu entdecken, dass sich hier gleich mehrere Besuche empfehlen. Selbst einige illegale Partys sind in dieser Ausstellung dokumentiert. Und wer einigermaßen aktiv im Nachtleben Münchens unterwegs war, wird so manches ausgestellte Detail wiedererkennen. Von wegen: Wer sich erinnert, war nicht dabei gewesen. »Nachts« wird von einem umfangreichen Rahmenprogramm mit Führungen, Filmen, Veranstaltungen begleitet. ||

Dirk Wagner über die Probleme der Münchner Clubszene

NACHTS. CLUBKULTUR IN MÜNCHEN
Münchner Stadtmuseum | St.-Jakobs-Platz 1
bis 1. Mai 2022 | Di bis So 10–18 Uhr
Tickets: 089 233 22370

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