Think Big! #8 liefert internationale TanzGastspiele nach, die das Festival seinem jungen Publikum 2020 coronabedingt schuldig bleiben musste. Der Fokus aber liegt auf Münchner Künstler*innen und Theater, das zu seinem Publikum kommt.

Think Big! #8

Alles geht, wenn frau will!

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Nicole Beutler Projects: »DOX – Role Model | © Anja Beutler

»Cellosturm« klingt nach Musiktheater. Und Musiktheater klingt nach der Schauburg Andrea Gronemeyers, mit der Simone Schulte-Aladag das Think Big!-Festival seit einigen Jahren gemeinsam kuratiert. Wer im letzten Jahr aufgepasst hat, konnte die niederländischen Theatermacher der Compagnie Oorkaan in dem Film sehen, in dem alle Künstler einen Kurzauftritt hatten, die aufgrund der Pandemie nicht nach München kommen konnten. Think Big! #7 2020 war ein Rumpffestival, auf kleinsten Raum und nur wenige Liveereignisse zusammengepresst von den Hygienemaßnahmen im Schlepptau des Virus. Think Big! #8 2021 ist nun zum Teil Think Big! #7 reloaded – normalerweise findet das Internationale Tanz-, (neuerdings auch:) Musiktheater- und Performance-Festival für Kinder und Jugendliche nur jedes zweite Jahr statt. Nun holt es außerplanmäßig Versäumtes nach und geht in die Offensive nach dem Motto: »Wenn das Publikum nicht ins Theater kommen kann, kommt das Theater eben zum Publikum«.

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Und zur Eröffnung am 27. Juni geht es gleich los: Mit »Stadt Tanz Fluss«, einem Stationen-Walk der Münchner Choreografin Simone Lindner durch die Au, der hoffentlich auf dem Mariahilfplatz endet, falls Spaziergänge mit künstlerischer Intention bis dahin wieder erlaubt sind. Sonst sähe es für einen Teil des »Think Big! Reach Out«-Schwerpunktes schlecht aus, der sich mit finanzieller Unterstützung des Corona-Sonderprogramms Tanzpakt Reconnect in Richtung Stadtraum, Schulhof und Klassenzimmer hin öffnet und auf Zielgruppen und Orte hin maßgeschneiderte Performances anbietet. Rund zwanzig Vorstellungen an Schulen gehören dazu, deren Leitungsteams zumal bei sinkender Inzidenz etwas größere Entscheidungsbefugnisse haben als Theater. Eine tanzhistorische Audio-Tour von Ligna aus Frankfurt lädt zum Sich-Gemeinsam-Bewegen ein, und aus München kommen Ceren Orans »Fliegende Wörter«, Alfredo Zinolas brandneue Installation »Other World« und Sabine Karbs »Ich war das nicht!« direkt zu den Kindern. Karb tanzt hier selbst neben Barbara Galli-Jescheck und Lisa Lugo, die gemeinsam danach fragen, ob wir – groß oder klein – wirklich in jeder Situation zu dem stehen, was wir verbockt haben. Ihr Tanztheaterstück für Kinder ab acht Jahren strahlt eine große Leichtigkeit aus; auch deshalb, weil es trotz des Themas weitgehend auf pädagogische Messages verzichtet und stattdessen mit der Lust an der Grenzüberschreitung spielt und der mindestens ebenso großen Freude an einer Vielzahl auf der Bühne vorhandener Materialien, ohne deren ergebnisoffene Erkundung es weder Wissenschaft gäbe noch Kunst noch das, was wir Kindheit nennen.

Die seltsame Libelle

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Nicole Beutler Projects: »DOX – Role Model | © Anja Beutler

Auch eine der drei eingeladenen, im Rahmen des Produktionsnetzwerks explore dance – Tanz für junges Publikum (Tanzpakt Stadt Land Bund) entstandenen Produktionen ist für Schulen gedacht, während Sebastian Matthias’ Jugendstück »xoxo« (14+) und die in München erarbeitete Premiere von May Zarhys »Libelle« im HochX gezeigt werden. In Zarhys erstem Kinderstück erwecken zwei Tänzerinnen eher mit Windmaschinen, Stoff und glitzernden Folien als mit ihren Bewegungen das Fragile, Schwebende und Irisierende dieses faszinierenden Geschöpfes zum Leben. Die israelische Choreografin hat anlässlich der für sie ganz neuen Herausforderung an das angeknüpft, was sie selbst als Kind interessiert hat – und viel gelesen: Die Libelle, weiß sie, war schon vor den Dinosauriern auf der Erde und hat sich seither kaum verändert. Das hat ihr in der Mythologie verschiedener Völker die erstaunlichsten Zuschreibungen eingebracht. Mal wird ihr Auftauchen als schlechtes Vorzeichen gelesen, mal als Gruß von den Ahnen, einige Kulturen nennen sie laut Zarhy »die Nadel des Teufels«, während andere in ihr eine Vorbotin für Veränderungen und Wachstum sehen. Nach dem ersten Probeneindruck schlägt sich letzteres weniger in einer linearen Dramaturgie als im Spiel mit Farben und Verkleidungen nieder. Die Musik, die Zarhy mit mundgemachten Tönen und Geräuschen mixt, kommt coronabedingt aus der Konserve. Ein schräges Libellenlied ist darunter, aber auch eine Reihe monotoner Beats, die für sie ungewöhnlich seien, wie Zarhy sagt: »Die Arbeit mit Beats hat mir aber geholfen, mit der kürzeren Aufmerksamkeitsspanne von Kindern umzugehen.«

Wichtig beim diesjährigen Think Big!-Festival ist für seine Leiterin Simone Schulte-Aladag vor allem, dass die von der Politik komplett vergessenen Kinder und Jugendlichen und die fast ebenso vergessenen Künstler endlich wieder sichtbar werden und zusammenkommen. Auf möglichst alle Weisen, die derzeit umsetzbar sind. Deshalb geselle sich zu ihrem »generellen kuratorischen Prinzip, die Vielfalt der künstlerischen Ästhetiken zu zeigen, in diesem Jahr coronabedingt ein Fokus auf Münchner Künstler*innen«. So wird unter anderem Ceren Orans wunderbares »Schön Anders« wieder zu sehen sein – das erste abstrakte Kinder-Tanzstück der Münchner Choreografin. Aber auch drei hochkarätige Produktionen aus Belgien und den Niederlanden kommen erstmals nach München: »10 : 10« von der Company Nyash schlägt mit Livemusik, drei Performern und einem wilden tänzerischakrobatischen Panorama von Schul- und Hinterhofspielen im HochX auf. »Role Model« von Nicole Beutler und dem Utrechter Tanzhaus DOX firmiert als »Upbeat-Tanz-Konzert« und weibliches Empowerment gleichermaßen: Sechs starke Frauen machen in dem Stück der aus München stammenden, zwischen Tanz, Theater und bildender Kunst situierten Künstlerin unter Zuhilfenahme von Urban Music, Voguing, Martial Arts und sehr unterschiedlichen Backgrounds und Persönlichkeiten ihr Ding und wirbeln lustvoll die Kategorien durcheinander: Maskulin oder feminin, tough oder schüchtern, wütend oder sanft? Alles geht, wenn frau will! Und endlich wird auch der »Cellosturm« in der Schauburg lostoben dürfen. Mit acht Celli, einer Geschichte ohne Worte und einer einsamen Taube, die Freunde sucht. ||

THINK BIG! #8
Tanz- und Musiktheater für junges Publikum in Schulen, auf Plätzen und in Theatern
27. Juni bis 7. Juli 2021

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