Die Bairishe Geisha feiert ihren 21. Geburtstag als Aufbruch und Austausch zwischen Jung und Alt.

Die Bairishe Geisha

Was kann weg?
Was soll bleiben?
Wo soll’s hingehen?

bairishe geisha

Die Bairishe Geisha im legendären »Stüberl« …

Eine wundersame weibliche Dreifaltigkeit, in anarchischer Eleganz und widerständigem Charme vereint – so schlug die Bairishe Geisha zu Beginn des Millenniums in der Münchner Theaterszene auf. Forsch und hingebungsvoll, mit Witz und unbeugsamer Euphorie jede Peinlichkeit frontal ansteuernd, Genre und Kultur wechselnd, manchmal bis an den Rand der Selbstauflösung, jedoch immer wieder auferstehend in zarter Bodenständigkeit …

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C.H. Beck

Ungewollt, aber sehr willkommen, so beschreibt die Performerin Judith Huber im Rückblick die Schwangerschaft mit diesem vogelwilden und dabei hochkultivierten Kunstwolpertinger, den sie zusammen mit der Musikerin Marianne Kirch und ihrer Schauspielkollegin Eva Löbau vor 21 Jahren im Kunstsalon Ohm erstmals auf die Bühne brachte. Ausgangsidee war im Vorfeld ein klassischer Liederabend mit Hackbrettbegleitung und einer Geisha als interessantem Accessoire gewesen. Daraus wurde dann erst mal eine Kunst-Brief-Aktion – jeden Monat über 80 handgebastelte und auf dem Postweg verschickte poetische Anschreiben – und im Anschluss daran unter dem Titel »Mein Gastspiel« eine Geishaparty als Dank für die treuen Abonnent*innen. Zu der kam Eva Löbau zunächst als beratende Regiebeobachterin dazu und sah sofort, dass dem Duo auf der Bühne noch eine Dritte im Bunde guttun würde, die das (Arbeits-) Verhältnis der beiden Artworkerinnen zueinander inspirieren und für kreative Unruhe sorgen könnte. Als Frauen zwischen allen Künsten, als Schreiberinnen, Musikerinnen, Performerinnen, unermüdliche Knödelköchinnen und immer formvollendete Gastgeberinnen waren sie seitdem viel unterwegs.

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und in »Mein München« als Botschafterinnen ihrer Heimatstadt © Daniel Kraus (3)

»Das ist ein Konzept, das uns total gut gefällt,« beschreibt es Huber, »der Gedanke, dass Theater ein Ort der Gastlichkeit und des Willkommens ist, das ist uns wichtig und durchzieht unsere Arbeit bis heute«. Denkwürdige Höhepunkte waren die stoisch-rauschhafte Einkehr in die »Stüberl – Eingänge zur Hölle« (2005 mit dem AZ-Stern des Jahres ausgezeichnet) oder das Reisestück »Mein München – Was haben wir hier verloren«, mit dem sie 2007 in Berlin und Hamburg gastierten und zum Impulse-Festival eingeladen wurden.

Sich nicht auf eine Schiene festlegen wollen – auch nicht auf ein komplexes Figurenkonzept wie das der Geisha, das in der heutigen Diskussion um kulturelle Aneignung noch andere Fragen aufwirft, die mitargumentiert werden müssen – gehört dabei als Grundkonstante ebenso dazu wie das Einweben persönlicher und beruflicher Entwicklungsschritte: die Film- und Fernsehkarriere und ein Engagement an den Münchner Kammerspielen bei Löbau und die Übernahme der künstlerischen Leitung des Pathos München als performativen Projektraum durch Huber.

So entstand der Wunsch, anlässlich des 21-jährigen Jubiläums ganz explizit mit einer jüngeren Generation von Künstlerinnen in Kontakt zu treten. Dabei geht es beiden – Marianne Kirch war bereits 2006 zu unbekannter Destination aus dem Dreigestirn entschwunden – nicht nur ums Feiern, sondern um eine künstlerisch-kritische Bestandsaufnahme und Zwischenbilanz, auch mit dem Blick auf das eigene Altern und ein verändertes Selbstverständnis der nachfolgenden jüngeren Generation. Für Löbau ist es ein guter Zeitpunkt, aber auch ein ungeheuer intensiver Prozess, nach so vielen Jahren des Machens und Voranschreitens einmal zurückzuschauen und das alte Material mit dem Wissen von heute zu sichten: »Wir lernen dadurch total viel«, stellt sie fest, »wie wir in Zukunft weitermachen und von was wir uns vielleicht verabschieden möchten«. Zum Beispiel die humorvolle Reproduktion schlimm beschämender Situationen auf der Bühne sieht Huber heute durch die Augen jüngerer Kolleginnen durchaus kritisch: »Das Prinzip, sich so richtig dick in den Kakao zu tunken, das kann man mal machen, aber vielleicht muss man’s auch nicht mehr so oft wiederholen.«

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Judith Huber und Eva Löbau (v.l.) inmitten ihres Fundus

Als fernöstliche Inspirationsquelle dient die Erzählung »Schwierigkeiten beim Verständnis der Narayama-Lieder« von Shichiro Fukazawa, eine fiktive ethnologische Untersuchung aus den Fünfzigern über ein entlegenes Dorf mit der Tradition, alle 70-Jährigen zum Sterben auf einen Berg zu schicken, von dem sie nicht mehr zurückkehren dürfen. »Die Hauptfigur will alles richtig machen, obwohl sie eigentlich noch eine kraftvolle Person ist, aber ihr ist es ganz wichtig, die Regel einzuhalten«, erklärt Löbau. »Das Buch nimmt da keine Haltung ein. Und darin liegt seine Kraft. Natürlich gibt es den Moment, wo man sich fragt, warum muss sie das eigentlich? Und warum gibt es nicht eine Möglichkeit wegzugehen aus dieser Situation?«

Konfrontiert mit dieser zynisch zugespitzten Entsorgungsfantasie stellten sich in Gesprächen mit gleichaltrigen, aber auch älteren und jüngeren Künstlerkolleginnen viele drängende Fragen auf einmal: »Zuerst haben wir das so halb humoristisch auf unsere eigene Situation und die der freien Szene bezogen«, erzählt Huber. »Wann ist es Zeit, sterben zu gehen? Hört man auf, gute Kunst zu machen, wenn man über ein bestimmtes Alter hinaus ist?« »Geht es überhaupt darum, Anschluss zu halten?«, bezweifelt Löbau. »Müssen wir uns nach Moden richten oder immer Neues produzieren? Oder gilt es vielmehr, eine Art Meisterschaftsgedanken zu verfolgen, der auch etwas mit Nachhaltigkeit zu tun hat? Warum gibt es nicht so etwas wie Stipendien für Senior Artists?«

Gedanken, die sie auch in Zukunft zusammen und im Austausch mit älteren Mitstreiterinnen weiterspinnen wollen. »Wir befinden uns immer noch in einem Lernprozess, ziemlich weit von der Meisterschaft entfernt«, meint Löbau lachend und Huber ergänzt: »Erleuchtung ist ja kein Zustand, der bleibt.« Vom 24. bis 27. Juni soll es nun zunächst jeweils eine Pilgerreise auf den Olympiaberg mit wechselnder vorangehender Installation – live oder gestreamt – im Schwere Reiter geben, in der junge Künstlerinnen auf ihre Art mit einem Werk der Geisha in Dialog treten. Und so viel sei schon mal verraten: Huber und Löbau haben nicht vor, auf dem Berg zu bleiben, sondern auch schon ein Folgeprojekt in Planung. Eventuell könnte das erwachsen gewordene Kind dann allerdings einen neuen Namen tragen. ||

SCHWIERIGKEITEN BEIM VERSTÄNDNIS. DIE BAIRISHE GEISHA WIRD 21.
INSTALLATION UND PILGERREISE
Schwere Reiter | Dachauer Str. 116
24.–27. Juni | 20 Uhr | Tickets und Infos

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