Raimund Hoghe

Raimund Hoghe in »Meinwärts« © Rosa Frank

Im Oktober 2020 wurde Raimund Hoghe in Essen der Deutsche Tanzpreis verliehen, die höchste Auszeichnung der Sparte hierzulande. Denn er gehört, wie die Jury formulierte, »seit Jahren international zu den wichtigsten Choreograph*innen, die sowohl ästhetisch als auch politisch Maßstäbe setzen«. Fast dreißig Produktionen hat Hoghe, gemeinsam mit außerordentlichen Tänzer*innen, kreiert. In Essen zeigte er Ausschnitte aus seinem Duett »Canzone per Ornella« (2018) für die und mit der italienischen Tänzerin und ehemaligen Béjart-Ballerina Ornella Balestra, das beide nun live auf der Bühne beim Festival DANCE präsentieren wollten.

Jedes Mal wieder ein Wunder war es, wenn Hoghe auf der Bühne in den Blickraum trat, um etwas zu tun, was man sonst auch allein tun kann: Musik zu hören. Um mit solcher Fokussierung der Wahrnehmung auf Klänge und Stimmen, Menschenleben und Sehnsüchte, sich, seine Tänzerinnen und Tänzer mit dem Publikum auf wundersame Weise zu verbinden. »Musik, die man durch den Körper gehen lassen und spüren soll«, sagte er einmal. »Das ist die einzige Regieanweisung, die ich gebe: Jeder muss für sich die Musik spüren.« Ebenso wie seine faszinierende Musikdramaturgie komponierte Hoghe die Bühnenaktionen: mit kleinsten Gesten, Augenblicken ohne Bewegung, mit einfachem Gehen, elegantester, schönster Tanzpräzision und stürmischen Ausbrüchen, mit Wiederholungen und Variationen, mit poetischen und politischen Texten.

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»Den Körper in den Kampf werfen«, mit diesem Motto von Pier Paolo Pasolini war Hoghe angetreten, als er 1994 – zuvor erfolgreicher und einfühlsamer Journalist und Buchautor sowie von 1980 bis 1989 Dramaturg bei Pina Bausch – mit 44 Jahren selbst auf die Bühne ging. Mit einem Körper, der nicht gängigen Schönheitsidealen entsprach, schon gar nicht den normierenden Konventionen des Theaters und des Tanzes. Mit dem Solo »Meinwärts«, das mit »Chambre séparée« (1997) und »Another Dream« (2000) eine Trilogie bildete zur Geschichte der Bundesrepublik und der ideologischen Kämpfe des 20. Jahrhunderts. Und mit seiner eigenen Geschichte. Der damit nicht sich selbst in den Mittelpunkt stellen wollte, sondern ein Beispiel geben für andere Körper. Den Blick verändern, indem er andere Körperlandschaften zeigte, unterschiedliche Körper mit ihrer je eigenen Schönheit. Und der die Erinnerung wachhielt: an Opfer des Nationalsozialismus, an Menschen, die durch AIDS starben, an Menschen ohne Papiere, an Flüchtlinge, die auf dem Weg nach Europa starben. Eine brennende Kerze, auf der Bühne sorgsam ausgelegte Fotos oder Steine, duftende Kaffeebohnen, ein Glas Milch, eine flüchtige Pinselspur, um den liegenden Körper gezogen: Dass Erinnerung nicht endet, ist ein zentraler Punkt in Hoghes Poesie der Wandlungen und des genauen, hingegeben Blicks.

Statt mit »Canzone per Ornella« sollte Hoghe bei DANCE nun mit einem Gespräch und Filmbeispielen in München präsent sein. Doch auch dazu kam es nicht. Raimund Hoghe ist am 14. Mai, zwei Tage nach seinem 72. Geburtstag, in Düsseldorf verstorben. Der Titel eines in tiefer Schwärze, mit dem Trauermarsch von Purcell beginnenden, leuchtend farbigen Stückes lautet »Si je meurs laissez le balcon ouvert«. ||

Beim Festival DANCE sind noch bis 16. Mai auf der Homepage ein Interview mit Raimund Hoghe (unter: Magazin #3) sowie eine Einführung von Katja Schneider und Hoghes Film »Die Jugend im Kopf« zu sehen: www.dance-muenchen.de

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