Irmbert Schenk gelingt ein kundiger Übersichtsband zur Geschichte des Italienischen Films – mit kleinen Abstrichen.

Geschichte des italienischen Films

Paradiesisches Kino

Geschichte des italiensichen Films

Eigentlich ist es ein Skandalon. Noch nie hatte sich jemand aus der deutschsprachigen Filmwissenschaft an einer möglichst umfassenden Geschichte des italienischen Films versucht. Trotz teilweise wunderbarer Aufsatzsammlungen, brillanter Analysen zu einzelnen Filmklassikern und einer überschaubaren Reihe an Monografien zu internationalen Regiestars wie Federico Fellini, Pier Paolo Pasolini, Bernardo Bertolucci, Luchino Visconti oder Vittorio de Sica hat sich nun erst in Irmbert Schenks gleichnamigem Buch dieser filmpublizistische Traum endlich erfüllt. Der 1941 in Stuttgart geborene Professor im Ruhestand lehrte nach Studien in Mailand und diversen Lehraufträgen südlich des Brenners hierzulande selbst als Erster Filmgeschichte aus Bella Italia. Der lange an der Bremer Universität wirkende Schenk war nicht nur Mitbegründer des hiesigen kommunalen Kinos und Filmpreises, sondern ist bereits seit Jahrzehnten ein ausgewiesener Spezialist für das »Cinema Paradiso«, das sein voluminöser Band im Untertitel trägt: Fragezeichen inklusive.

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C.H. Beck

Denn ähnlich wie in Deutschland, Polen oder Spanien war beileibe nicht jedes Kinojahrzehnt von Glanz und Gloria durchzogen. Vom Kino als sanftem Kampf- und Indoktrinationsmittel unter Mussolinis Diktatur (1922–1943) über formal wie inhaltlich reichlich belangloses und schnell heruntergekurbeltes »cinema popolare« aus den 1980ern bis hin zu einer weitgehend zersplitterten Produktions- und Festivallandschaft im Italien der Gegenwart reicht Schenks unprätentiös formulierte Rundumschau. Mit Neugier und in wohlwollendem Duktus, guter Rechercheleistung und geballtem Sachverstand, gerade im Blick auf die Stummfilmära sowie die Zeit des italienischen Kinos vor dem Aufstieg der Faschisten, blickt er in sieben chronologisch arrangierten Blöcken auf 125 Jahre Filmgeschichte zwischen Südtirol und Sizilien zurück. Dass ihm dabei die revolutionäre Kinosprache des Neorealismo sowie die bedeutende Aufbruchsphase des italienischen Films zu Beginn der 1960er Jahre besonders nahe ist, spürt man auf jeder Seite dieser en gros runden und leicht konsumierbaren Fachlektüre, die sowohl Filmstudenten als auch Kinemathekengänger anspricht.

Dementsprechend ausführlich widmet sich Irmbert Schenk der ewigen Trias dieser ruhmreichen Periode. Namentlich: Fellini (»La dolce vita«), Antonioni (»L’avventura – Die mit der Liebe spielen«) und Visconti (»Rocco und seine Brüder«), von denen jeder auf seine Art schon zu Lebzeiten Filmgeschichte schrieb und deren Hauptwerke wie » 8 1/2«, »Die rote Wüste« oder »Die Erde bebt« bei Neusichtungen immer noch und immer wieder verblüffen können.

Erfreulicherweise werden auch die heute leider bereits in Vergessenheit geratenen Genrekino-Afficionados Damiano Damiani (»Der Clan, der seine Feinde lebendig einmauert«/»Allein gegen die Mafia«) und Marco Ferreri (»Das große Fressen« / »Die letzte Frau«) wenigstens auf einigen Seiten gewürdigt. Beide Filmemacher waren analog zum ewig widerspenstigen Pier Paolo Pasolini zwei ausgewiesene Professionals mit Mut zum Experiment, ohne Angst vor Polit- oder Gesellschaftsskandalen und immer an der Neuauslotung italienischer Zensurvorschriften interessiert. Überraschend dagegen ist Schenks spartanisch kurze, auffällig unauffällige Analyse des Italo- und Spaghettiwesterns, der nicht nur numerisch, sondern auch im Rekurs das weltweite Bild des italienischen Kinos der mittleren 1960er Jahre irreversibel prägte.

Weitere Genrekunsthandwerker wie Elio Petri, Liliana Cavani oder die einzigartige Lina Wertmüller werden in der Gesamtschau etwas zu knapp gewürdigt. Und schillernde Giallo-Ikonen wie Sergio Martino (»Der Killer von Wien«), Mario Bava (»Blutige Seide«), Lucio Fulci (»Quäle nie ein Kind zum Scherz«) werden entweder gar nicht aufgeführt oder nur in zwei Absätzen erwähnt, was schlichtweg schmerzt. Denn schließlich hatte gerade das italienische Genrekino in puncto Abenteuer-, Superhelden-, Jugendwie Kriminal- und »Hau-drauf«- Actionfilmen in den frühen 1970ern bis späten 1980ern einiges zu bieten. Und das waren beileibe nicht nur Spencer-/Hill-Produktionen, sondern auch rüde »Poliziottesco«-Fantasien eines Enzo G. Castellari, Umberto Lenzi, Sergio Sollima, Carlo Lizzani, Duccio Tessari oder Fernando Di Leo, deren Werke leider allesamt ausgespart wurden, obwohl sie seit Jahren ein Revival unter Cinephilen rund um den Globus erleben.

Ergänzt durch sorgsam eingearbeitete Hintergrundinformationen zur italienischen Politik- und Gesellschaftsgeschichte zu Beginn jedes Kapitels sowie einen aufschlussreichen Ausblick ins italienische Kino der Jetztzeit, das von Autorenfilmern wie Nanni Moretti (»Habemus Papam«), Unikaten wie Roberto Benigni (»Das Leben ist schön«), A-Filmfestival-Darlings wie Alice Rohrwacher (»Glücklich wie Lazzaro«) sowie einem international agierenden Paolo Sorrentino (»La grande bellezza«/»The Young Pope«), ist Irmbert Schenk in der Summe ein gut lesbarer, aber spärlich illustrierter Übersichtsband gelungen. Bedauerlicherweise ohne abschließende Filmografie, dafür aber weitgehend frei von klassischem Fachwissenschaftsvokabular hat diese Geschichte des italienischen Films schon jetzt das Zeug zum Standardwerk. Trotz kleinerer Makel wird sie so in vielen filmpublizistischen Hausapotheken sicherlich einen Stammplatz finden. ||

IRMBERT SCHENK: DIE GESCHICHTE DES ITALIENISCHEN FILMS. CINEMA PARADISO?
Schüren Verlag | 334 Seiten | 34 Euro

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