Thomas Meinecke ist vielseitig unterwegs: Als DJ, Autor und nicht zuletzt als Mitbegründer der Kult-Band FSK. Für unser Punk-Special hat er sich an die Achtziger und seine Ankunft in München zurückerinnert.

Thomas Meinecke:
Ab in den Süden

thomas meinecke

Thomas Meinecke, damals | © Thomas Meineck

Thomas Meinecke (* 1955, Hamburg) ist Autor, Musiker, DJ, Kulturschaffender. Er studierte Theater-, Kommunikationswissenschaft und Literatur, landete als Journalist in Kulturressorts etwa bei der »Zeit«, gehört seit dessen Anfängen 1980 zum musikalischen Versuchslabor FSK, legt seit Jahrzehnten im Zündfunk des Bayerischen Rundfunks wundersame Platten auf und ist als Roman-, Theater- und Hörspielautor auf zahlreichen Gestaltungsterrains zu erleben. Er lebt heute im Süden von München und erinnert sich mit viel Schmunzeln an seine Anfänge als Hanseat im Bayerischen.

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Protokoll: Ralf Dombrowski

»Ich bin 1977 von Hamburg ganz bewusst nach München gegangen und wurde dann manchmal mit dem interessanten Vorwurf konfrontiert, ich wäre von Punk nach Disco gezogen. Das war einerseits richtig, auch wenn ich in Punk und Disco nie einen Antagonismus gesehen habe. Beide Musikrichtungen waren Mobilmachungen gegen die Chimären des Authentischen. Denn die waren das Geschäft der Rockmusik und sowohl Punk wie auch Disco waren eigentlich Kunststoff, Plastik. Die Subjekte, die in diesen Formen agierten, waren sich aber über das Hybride ihrer Verfasstheit im Klaren. Zumindest wussten sie, dass es nicht darum ging, geschlossene phallologisch-männliche Modelle umzusetzen – was Punk dann allerdings irgendwann doch tat. Disco und New Wave wahrscheinlich weniger …

Es war eine Zeit, wo ich von Hamburg aus eine große Sympathie für München hatte, weil ich es zum einen als die Stadt sah, wo – außer in Barcelona – zum einzigen Mal auf diesem Planeten versucht worden war, Anarchie als Gesellschaftssystem zu praktizieren. Stichwort Räterepublik. Das hatte mich schon in der Schule begeistert und ich wollte unbedingt dorthin, wo es diese Revolution gegeben hatte. Es war die Vorstellung einer Stadt, wo man in ein Café gehen kann und an einer Ecke sitzt Marcel Duchamp, an der anderen Lenin und dazwischen weilen die Rätetypen, die ja alle auch Künstler und Bohemiens waren. Außerdem hatte ich ein Faible für Underground-Filme aus München, der frühe Syberberg, Werner Schröter und auch Fassbinder, damals in aller Munde. Wobei ich ihn gar nicht so aufregend fand wie andere. Im Hamburger Abaton-Kino hatte ich mir zum Beispiel die ganzen frühen Filme von Herbert Achternbusch angeguckt. So etwas habe ich gesucht, und das gab es nicht im homogenisierten Liberalismus einer Kaufmannsstadt.

Da wollte ich eher zu einem wilderen Denken … Ok, es gab in München eine Polizeistunde, wo man in Hamburg erst anfing auszugehen. Aber das konnte den interessanten Geist nicht kaputt machen, den es hier in Disco, in Achternbusch, im Prozessionstheater von Alexeij Sagerer gab. Ich hatte das Gefühl, ich bin nach Roxy Munich gezogen, und als wir dann ›Mode und Verzweiflung‹ als Literaturzeitschrift gründeten, die nicht wie eine solche wirken sollte, merkte ich schnell, dass etwas funktionierte. Die Leute haben uns beim Direktverkauf einen Vogel gezeigt, dass wir den Begriff ›Mode‹ überhaupt in den Titel aufgenommen haben. Ein No-Go, damals. Für uns war es ein New-Wave-Titel, ein bisschen eben wie aus einer Roxy Music-Platte, und unsere Attitude – die hatte ich vielleicht auch ein wenig aus Hamburg mitgebracht – war irgendwie Schnöseltum. Das war hier gar nicht so willkommen, aber vergleichbar mit der Haltung, die zum Beispiel in den Filmen wie »Zur Sache, Schätzchen« vorkam. Die Schnöselimporte aus dem Norden haben sich hier gerieben mit einer eher ›liaben‹ Art. Aber ich habe mich dann, in den späten Siebzigern, an der Münchner Uni sehr wohl gefühlt …

Ralf Dombrowski über Punk, München und die Achtziger

Musikalisch gab es in Sachen avantgardistischer Underground nicht so viel. Andererseits eine verrückte Geschichte: Als ich noch in der Schule war, hatte ein Freund von mir ein Mitglied von Embryo beim Trampen auf der Interzonenstrecke eingesammelt. Wie üblich haben sie danach Telefonnummern ausgetauscht. Als ich nach München zog, meinte der Freund, er habe da eine Nummer von Embryo für mich: ›Da kannste doch sicher erst einmal schlafen, wenn du kein Zimmer hast‹. Ich bin also mit meinem vollbepackten Käfer in der Edlingerstraße angekommen, wo auch Schneeball seine Zentrale hatte, die die Platten von Ton Steine Scherben herausbrachten, April Musik und die Anfänge dieser selbst organisierten Musikproduktionen. Dort wohnte die Band Embryo in einer Kommune. Ich habe einfach geklingelt und gesagt: ›Ich bin jetzt mal da! Ein Freund von mir hat mal einen von euch beim Trampen mitgenommen.‹ Die Band war auf Tournee, nur die Frauen waren da und haben das ganze Haus renoviert. Sie konnten daher gerade jemanden brauchen, der mit anpackt. So waren ich und ein gestrandeter Nordafrikaner, der auch untergeschlüpft war, ein paar Wochen lang die einzigen männlichen Bewohner im Haus. Ich habe mich dort durch die tolle Plattensammlung von Embryo gehört, Charles Mingus, Yusef Lateef, solche Sachen. Kurz darauf habe ich dann über das ›Blatt‹ einen eigenen WG-Platz gefunden, im selben Haus mit den Leuten, mit denen ich dann ›Mode und Verzweiflung‹ und später auch FSK gegründet habe. Das war mein Einstieg in die Münchner Musik, auch wenn ich mich eigentlich anders verstand. Kurze Haare, ich trug komische Anzüge vom Flohmarkt, und war für die wiederum ein seltsamer Vogel. Aber das war aber kein Feindbild. Embryo waren cool als Jazzband … Wir waren als Schnösel eher mit Punk-, New-Wave- und Disco-Leuten zusammen. Lustigerweise kann man alle drei in einem Atemzug nennen, das ging ineinander.

Allerdings musste ich erst lernen, dieses München zu handlen. Ich kam einmal beim P1 an, hatte meine gelbe Öljacke an und eine Luftpumpe in der Hand. Der Türsteher hat mich erst einmal wieder zurückgeschickt. Ok, dachte ich, ich lass das Ölzeug auf dem Gepäckträger und auch die Luftpumpe am Rad. So habe ich gelernt, wie man an Münchens Türsteher vorbeikommt – indem man das Tempo beim Reingehen nicht einmal verlangsamt. So etwas gab es in Hamburg nicht, das waren andere soziale, unsichtbarere Schwellen, die da im Nachtleben überschritten wurden … « ||

Thomas Meinecke bei Suhrkamp

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