Ute Gröbel und Antonia Beermann, die Programmmacherinnen des HochX, positionieren sich als Produktionshaus der freien Szene Münchens.

Fünf Jahre HochX

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Der Saal des HochX wartet mit neuer Technik auf Publikum | © Jean-Marc Turmes

Vor fünf Jahren übernahm ein neues Team den ehemaligen Kolpingsaal in der Au, nannte ihn HochX und verschrieb sich der Netzwerkarbeit für die freie Szene. Das hat ziemlich gut geklappt, auch wenn die Voraussetzungen für die »ensemblefreie Infrastrukturmaßnahme« der Stadt München nicht ideal waren und sind. Seit fast dreißig Jahren beherbergt der Theatersaal nahe dem Kolumbusplatz die freie Szene Münchens, hieß erst NT – Neues Theater, dann i-camp und seit 2016 unter neuer Leitung HochX. Geblieben aber ist ein altes Problem. Als Infrastrukturmaßnahme erhält das HochX keinen Etat, um als Produktionshaus fungieren zu können.

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Während die städtische Kulturpolitik und ihre Referenten seit Jahrzehnten von einem Performing Arts Center fabulieren und geradezu fahrlässig die Gelegenheit vorbeiziehen ließen, die um die Jahrtausendwende für die Kammerspiele ertüchtigte Jutierhalle dafür in Betrieb zu nehmen, wird übersehen, dass es seit ebenso vielen Jahrzehnten mit dem HochX und seinen Vorgängern eine Einrichtung gibt, die diese Funktion erfüllen könnte. Mit einem Produktionsetat von null Euro funktioniert das nur leider nicht. Im Prinzip kann das HochX nur Live Art bei sich aufnehmen, die ihren eigenen Etat mitbringt, also Gruppen, die städtische Förderung erhalten haben. Die Möglichkeit, ein eigenes Programm zu gestalten, entfällt so vollkommen.

Deswegen ist das künstlerische Leitungsteam, Ute Gröbel und Antonia Beermann, nun mit seiner Vision HochX 2025 an die Öffentlichkeit gegangen, in der sie die organische Entwicklung zusammen mit der freien Szene zu dem lange beschworenen Performing Arts Center für sich reklamieren. Oder wie Ute Gröbel sagt: »Uns ist ein bisschen der Geduldsfaden gerissen.« Überregionale Expertise und Vernetzung des Theaters sind durch ihre Initiative in den letzten Jahren enorm gestiegen. Seit 2019 sind sie in der Doppelpassförderung der Bundeskulturstiftung. Dabei kooperiert ein Haus mit einer freien Gruppe, in diesem Fall das HochX mit dem O-Team, das im letzten Herbst anlässlich des Rodeo-Festivals noch einmal seine lustige Autocrash-Selbsterfahrungsperformance »Hard Drive« in Riem zeigte. Zur Spielzeiteröffnung im September ist das O-Team mit seiner neuen Produktion »Hibernation« eingeplant.

Seit 2020 ist das HochX außerdem kleinster und ärmster Partner im Freischwimmen-Netzwerk, zu dem die etablierten Produktionshäuser brut Wien, FFT Düsseldorf, Gessnerallee Zürich, LOFFT – Das Theater Leipzig, Schwankhalle Bremen, Sophiensæle Berlin und Theater Rampe Stuttgart gehören. Früher eine Art Wanderfestival, ist Freischwimmen nun eine Künstlerförderung, bei der die acht Häuser je ein Team oder eine Künstlerin aufstellen. Die Künstler*innen erarbeiten dann ihre Projekte auch in Residenzen an anderen Häusern. Fürs HochX war Sandra Chatterjee bereits im Brut und in den Sophiensälen. Ihre partizipativ-performative Installation »Smells of racism« setzt sich mit der olfaktorischen Seite von Rassismus auseinander und soll im Juli Premiere haben. Im Rahmen von Freischwimmen wird auch eine andere Produktion der Reihe als Gastspiel ins HochX kommen. Mit einer dritten Vernetzung, der Förderung durch die Kulturstiftung des Bundes für Tanz-Koproduktionen, sind sie mit dem Theater Weimar und Göttingen verbunden. In diesem Rahmen wird Taigue Ahmeds »The Drying Prayer«, die Eröffnungsproduktion des Spielart-Festivals, im Oktober im HochX herauskommen.

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Antonia Beermann und Ute Gröbel (v.l.) © Jean-Marc Turmes

Gerade als Münchner Institution ist es extrem schwierig, Bundesmittel zu erhalten, da diese fast immer an Gelder vom Land gebunden sind und der Freistaat Bayern Münchner und Nürnberger Künstler*innen praktisch von Kulturförderungen ausschließt. Die Corona-Mittel von Neustart Kultur, einem Konjunkturprogramm der Bundesregierung, verlangen keine Landesmittel. Da stellen sechs Unterprogramme Produktions-, besonders aber auch Strukturförderung für die freie Szene bereit. Und die haben Ute Gröbel und Antonia Beermann genutzt, um ihren Laden ordentlich aufzurüsten. Die Infrastruktur wurde auf den neuesten Stand gebracht. So konnten sie umsetzen, wovon sie schon seit Jahren träumten, z.B. eine neue LED-Lichtanlage, Equipment für 360°-Theater oder Tanzböden für die Probenräume. Die Technik kommt allen zugute, die am Haus arbeiten, und kann auch anderen zur Verfügung gestellt werden. So haben sie jetzt ein Scheinwerferaustauschprogramm mit dem Pathos. Und so konnten digitale Produktionen ermöglicht werden, deren Erlöse zu hundert Prozent an die Künstler gehen. Außerdem bekamen sie durch die technische Aufrüstung die Möglichkeit, ein paar Mitarbeiter weiterzubeschäftigen. Schließlich wirken am HochX übers Jahr gesehen normalerweise 450 Soloselbstständige. Über eine Spendenaktion mit der Staatsoper im letzten Jahr, konnte der Trägerverein des HochX auch 200.000 Euro an die Szene ausschütten.

Coronabedingt gab es tatsächlich auch positive und amüsante Entwicklungen: Über die theatertechnische Gesellschaft läuft ein Förderprogramm für ausgeklügelte Lüftungsanlagen. Da saßen Gröbel und Beermann plötzlich in Zoom-Treffen mit Kollegen von Dinner- und Mundarttheatern oder einem Theaterschiff. Eine andere Runde, mit der sie sonst nichts zu tun haben, waren die Onlinetreffs mit den Staats- und Stadttheatern, in denen man zum Beispiel erfuhr, dass Hygienerahmenkonzepte für Kultureinrichtungen vom Gesundheitsministerium erarbeitet, aber die Herausgabe von der Staatskanzlei blockiert wurde, weshalb keiner weiß, was drinsteht, und man sich auch nicht darauf vorbereiten kann. Natürlich fragen Gröbel und Beermann sich, ob andere »Betriebe« auch so ausgeklügelte Konzepte und Lüftungsanlagen vorweisen müssen.

Im Juli soll es losgehen mit den Jubiläumsprogrammen. Live. Das ist die Hoffnung. Davor geht es weiter mit Onlineformaten. Sabine Karb zeigt ein Tanzprojekt für Kinder über das Lügen mit dem Titel »Ich war das nicht«. Die Choreografin Ceren Oran streamt im Rahmen des Festivals DANCE »The Urge« (siehe hier). Ein Doppelabend verbindet Oliver Zahns »Lob des Vergessens II« mit Magdalena Kozłowskas »Exercise in Empathy«, zwei Performances über Flucht und Vertreibung.

Kontinuität ist ein Lieblingswort von Ute Gröbel. Das ist in ihren Augen auch das Tolle am Freischwimmen-Netzwerk. Künstler wollen dauerhaft inhaltliche Partner, ist sie überzeugt, und das HochX will dauerhaft dramaturgischer Spielpartner sein, auch außerhalb von Projektstrukturen. Die Anfänge sind gemacht. Anders als Wien und Hamburg hat die Stadt München jedoch kein zusätzliches Geld für die gebeutelte freie Szene übrig. Da sollte sie noch mal drüber nachdenken. ||

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