Das Meta Theater in Moosach begleitet zwölf Künstler*innen im Rahmen der #TakeCareResidenzen bei ihren Recherchen.

Meta Theater: #TakeCareResidenzen

Der Weg ist das Ziel

meta theater

Das Kollektiv I.L.Y.A. macht Tabus und Privilegien sichtbar © Kollektiv I.L.Y.A.

Das Meta Theater beherbergt seit Dezember 2020 die zwölf Künstler*innen Judith Rautenberg, Kollektiv I.L.Y.A. (Sahra Al-Yassin, Theresa Eirich, Franziska Glatt, Gladys Mwachiti), Gaston Florin, Marja Burchard und Anna Orkolainen, Andrea Kilian, Chantal Maquet, Steffen Wick und Nicole Kleine. Bis März 2021 beschäftigen sie sich mit sechs theatralen Recherchen. Einmal im Monat tauschen sie sich bei einem öffentlichen Werkabend via Zoom über ihre Vorhaben aus. Warum ausgerechnet in Moosach?

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1977 entwarf der Architekt und Theatermann Axel Tangerding in einem Dorf bei München ein Gebäude, das kein normales Wohnhaus war, sondern viel mehr: Von außen ein weißer Kubus, sehr große Fenster, Hanglage, rundum bepflanzt von der Künstlerin Cornelia Melián, die seit 15 Jahren mit Axel Tangerding hier lebt. Offene Treppen führen auf großzügige, lichtdurchflutete Galerien, von denen viele kleine Zimmer zur Außenwand abgehen. Hier wohnen der Hausherr und seine Lebensgefährtin, und hier werden auch die Künstler untergebracht, die regelmäßig im Meta Theater zu Gast sind. 1980 wurde im Erdgeschoss das Meta Theater mit einem weißen, variablen Bühnenraum und Platz für 99 Zuschauer eröffnet, als Ort der größtmöglichen Freiheit. Arbeit und Freizeit, Denken und Machen, Gestalten und Scheitern, alles sollte unter einem Dach stattfinden. Versuchsanordnungen, hierarchiefreie Diskurse, interdisziplinäre und internationale Zusammenarbeiten werden hier seit über 40 Jahren gepflegt. Bei Ellen Stewart in Rotterdam machte Tangerding erste Erfahrungen im Kollektiv, bei Jerzy Grotowski lernte er den Purismus des »Armen Theaters« kennen. Die Reduzierung auf das Wesentliche wiederum führte ihn nach Japan, wo er sich eingehend mit dem Nô-Theater auseinandersetzte. Mit Yoshi Oida brachte er 1984 erstmals fernöstliches Theater nach Moosach. Der Spielplan des Meta Theaters war von Anfang an eine Melange aus außereuropäischen Gastspielen und Auftritten regionaler Künstler. »Das Meta Theater bietet Raum, Zeit und Ruhe, um Kunst zu entwickeln«, sagt Tangerding über sein Haus. »Die Künstler aus Indien und China, aus Japan und den USA und aus vielen anderen Ländern begegnen sich in Moosach zunächst ganz absichtslos. Der Zweck ergibt sich dann von selbst. Es ist gut, wenn man Dinge macht, ohne sofort nach dem Nutzen zu fragen.«

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»Spiderweb« nennen Burchard und Orkolainen ihre Recherche im Raum © Marja Burchard & Anna Orkolainen

Das passt zu den #TakeCareResidenzen: »Es geht nicht darum, ein fertiges, präsentables Kunstprodukt zu entwickeln und herzustellen, sondern um freies Recherchieren im Rahmen einer Fragestellung, ohne vorgestecktes Ziel, ohne zu wissen, wohin einen der künstlerische Forschungsprozess führt. Ein Vorgehen, das für die Weiterentwicklung künstlerischer Ideen, Prozesse und Ästhetiken von größter Bedeutung ist, aber leider in der regulären Förderlandschaft mit ihrem hohen Produktionsdruck zu wenig berücksichtigt wird.« Die beteiligten Künstler*innen können im Rahmen ihrer gemeinsamen Residenz Erfahrungen Raum geben, die im normalen Produktionsprozess meist nur kurz aufflackern dürfen: das Erlebnis, Pläne über Bord zu werfen, Unsicherheit und Irritation auszuhalten, gewohnte Sehweisen aufzugeben und blinde Flecke aufzuspüren, der Spannung zwischen Distanz und Nähe, zwischen Virtualität und Realität, zwischen Klang, Körper und Raum mit Bildern zu begegnen. »Kunst ist ein Prozess, kein Produkt«, sagt Tangerding. Judith Rauterberg versucht, sich einem Lichtkunstwerk zu nähern. Die Tänzerin Andrea Kilian fragt, wer heute als Heldin ernst genommen wird und ob sie es aushalten würde, selbst eine zu sein.

Gaston Florin exerziert die Kunst des Nichtkönnens, und Nicole Kleine, Chantal Maquet und Steffen Wick entwerfen eine Echokammer für eine Welt nach Covid-19. Am 8. März berichteten die Musikerin Marja Burchard und die Tänzerin Anna Orkolainen sowie das Kollektiv I.L.Y.A. darüber, wie sie Möglichkeiten und Grenzen im Verhältnis von Mensch und Natur, Tradition und Neuerfindung, Raum und Körper ausloten, und I.L.Y.A. setzt humorvoll Brillen auf und ab und untersucht, mit welchen künstlerischen Mitteln Tabus und Privilegien sichtbar gemacht werden können. In einem großen Finale am 12. April präsentieren alle Beteiligten ihre Rechercheprozesse der Öffentlichkeit. Das Bundesnetzwerk Flausen+ hat mit dem Fonds Darstellende Künste im Rahmen von NEUSTART KULTUR 2020 das Programm #TakeCareResidenzen aufgelegt. »Ziel des Programmes ist es, die berufliche Existenz von professionellen Künstler*innen, die durch die Covid-19-Pandemie und die Einschränkungen im kulturellen Sektor existenziell betroffen sind, zu stabilisieren«, heißt es in der Ausschreibung. Mit 80.000 Euro ist das Projekt vergleichsweise gut aufgestellt: Alle zwölf künstlerisch Beteiligten bekommen jeweils 5000 Euro für den Arbeitszeitraum, dazu gibt es 20.000 Euro für Mentoren, Techniker und infrastrukturelle Unterstützung. Jede Form der Zusammenarbeit und Begegnung hat derzeit zudem einen Mehrwert, der kaum hoch genug geschätzt werden kann. Wenn sie dann auch noch einigermaßen vernünftig finanziert ist, umso besser. ||

#TAKECARERESIDENZEN
Meta Theater | Osteranger 8, Moosach bei Grafing

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