Mit »Es waren ihrer sechs« hat der polnische Regisseur Michał Borczuch für das Residenztheater einen Film über die »Weiße Rose«, den Widerstand und das Theater inszeniert.

Residenztheater: »Es waren ihrer sechs«

Was bedeutet Widerstand?

es waren ihrer sechs

Valentino Dalle Mura und Pauline Fusban in der baustellenhaften Kulisse | © Wojciech Sobolewski

Der Schluss dieses »filmischen Inszenierungseinblicks« geht ans Herz. Nacheinander postieren sich die Freunde vor dem grünen Vorhang. Langsam, einer den anderen fast sehnsüchtig erwartend. Eigentlich treten sie an, um zu sterben. Die Stimmung aber ähnelt einer Aufstellung zum Gruppenbild, zerlegt in einzelne Gesten und Bewegungen. Körperteile knicken weg und ein. Blicke suchen die Kamera, die ihrerseits keinen Fokus findet. Dann liest man Weiß auf Mauve: »Um 18 Uhr, genau eine Stunde nach Vollstreckung des Todesurteils, trafen sich etwa 3000 Studierende, damit 75 % aller Immatrikulierten, zu einer Kundgebung im Hörsaal der LMU. Die Nachricht über die Enthauptung der Mitglieder der ›Weißen Rose› wurde mit stürmischem Beifall aufgenommen.«

Der polnische Regisseur Michał Borczuch wollte einen Abend frei nach Alfred Neumanns 1944 erschienenem Roman »Es waren ihrer sechs« im Marstall inszenieren und hat nun aus bekannten Gründen einen Film daraus gemacht, der das Theaterspielen zum Gegenstand hat – und die Geschichte der Mitglieder der Weißen Rose. Wobei es Neumann eher um die »ewige Idee« jugendlichen Aufbegehrens gegen autoritäre Systeme als um historische Genauigkeit ging. Der jüdische Emigrant Neumann, der von der Verurteilung der Widerstandskämpfer im US-Exil erfuhr, berief sich auf einen einzigen Artikel im »Time Magazine« und im Übrigen auf seine Fantasie. Dennoch löste sein Buch eine Diskussion über Deutungshoheiten aus und zog den Unmut der Hinterbliebenen auf sich, weil es den jungen Hans (hier: Möller statt Scholl) anfangs als überzeugten Nazi schilderte und die Politisierung seiner Schwester Sophia (sic!) an das Schicksal ihrer jüdischen Freundin knüpft Borczuch weiß um all dies und inszeniert eine Mischung aus Making-of und freiem Fantasieren über Stellvertreter, Zeugenschaft und Verantwortung.

Dabei spart er zentrale Handlungselemente wie die Flugblattverteilung aus und überlagert und verschneidet illusionistisch-historisierende mit Green-Screen- und Theaterszenen. Das Künstliche und Gemachte wird ausgestellt und dadurch selbst die »Wahrheit« als veränder- und verhandelbar gezeigt. Immerzu hat man bei Valentino Dalle Muras, Christian Erdts, Pauline Fusbans, Vincent Glanders, Niklas Mittereggers und Luana Velis’ Aktionen in bewusst provisorisch gehaltenen Kulissen den Eindruck, sie seien noch nach verschiedenen Richtungen hin offen. Metagespräche à la »meine Figur will«, »meine Figur schluchzt« oder »was ist der Konflikt der Szene?« ersetzen manchen Dialog, und ein Spaziergang durch den Hofgarten endet auf der Probebühne zwischen Papptürrahmen (Video und Schnitt: Wojciech Sobolewski).

Es ist für das Lockdown-Programm am Residenztheater ein mutiger Schritt nach vorne, statt Theater abzufilmen so dezidiert filmisch zu arbeiten, ohne die theatrale Anmutung aufzugeben. Wenn dieser Mix zwischendurch chaotisch oder albern wird, auch und gerade an inhaltlich brisanten Stellen, kommt vielleicht der jugendliche Überschwang zu seinem Recht, die reine Freude am Dagegensein, die die politischen Motive auf die Plätze verweist. Das Ergebnis ist ein eigenwilliger Versuch, dem nachzuspüren, was Widerstand bedeutet. Und wenn er sich nur gegen erklärungsunlustig-ruppige Regieassistenten richtet. ||

ES WAREN IHRER SECHS
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