Die DVD-Veröffentlichung von Michael Verhoevens Skandalfilm »o.k.« in der Edition Filmmuseum ist eine kleine cineastische Sensation.

Michael Verhoevens »o.k.«: Vietnamkrieg im Grünwald

o.k. verhoeven

»Vietnam ist überall, nicht fern in Vietnam. Der Krieg hat nichts Exotisch-Unverbindliches. Er ist nicht auf ein Land, auf ein Volk beschränkt. Krieg ist die gebündelte individuelle Aggression.« Michael Verhoeven über seinen Film »o.k.«. In dieser Einstellung ist der Regisseur im Bild zu sehen. | © Filmmuseum München

Endlich ist alles o.k. mit Michael Verhoevens gleichnamigem und ewig widerborstigem Systemsprengerfilm um ein vergewaltigtes und ermordetes vietnamesisches Mädchen, der 1970 zuerst den Berlinale-Wettbewerb crashte und schließlich in einem einmaligen Akt zum vorzeitigen Abbruch des Festivals führte. Nachdem die berüchtigte Rob-Houwer-Produktion jahrzehntelang im Giftschrank verschwand und nur sehr vereinzelt gezeigt wurde, konnte sie nun unter der Supervision des Filmmuseums München erstmals als DVD erscheinen, was nichts weniger als eine kleine Sensation ist. Obwohl sich Verhoevens vierter, überhaupt erster ernster Film bei seinem kurzen Kinostart in Deutschland trotz weltweiter Schlagzeilen im Vorfeld und eines aufsehenerregendes Prozesses mit Warner Brothers im Münchner Justizpalast am Ende als veritabler Flop erwiesen hatte, kennt man diesen außergewöhnlichen Markstein des deutschen Autorenfilms im Ausland nach wie vor. Gedreht wurde dieses größte filmische Skandalon der westdeutschen Nachkriegsgeschichte mit minimalem Budget, in dreckigster bairischer Mundart und gleich in der Nähe von Verhoevens Grünwalder Villa. Mit Brecht’schen V-Effekten agierend und unterstützt durch avantgardistisches Soundgeklimper von Improved Sound Limited sieht hier im ersten Moment überhaupt nichts nach den »verbrannte Erde«-Horrorlandschaften des Vietnamkriegs aus.

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Auf der Besetzungsliste standen neben einem souverän agierenden Gustl Bayrhammer (als Captain Vorst) damals noch weitgehend unbekannte Schauspieler wie Friedrich von Thun in der Rolle des zynischen Gruppenführers Tony Meserve sowie eine blutjunge Eva Mattes. Für ihre Darstellung der zu Tode drangsalierten Vietnamesin Phan Ti Mao wurde sie 1971 (zusammen mit ihrer Darstellung in Reinhard Hauffs »Matthias Kneißl«-Adaption) noch im Teenageralter mit dem Bundesfilmpreis prämiert. Auch Michael Verhoeven, der die Rolle des moralisch integren und gegen seine eigene Truppe rebellierenden Soldaten Sven Eriksson selbst verkörperte (»Dafür bekam ich viel Ärger und Spott«), konnte sich über einen Bundesfilmpreis für das beste Drehbuch freuen. Im Anschluss wurde »o.k« sogar als deutscher Oscar-Beitrag in die Kategorie bester fremdsprachiger Film eingereicht, ohne jedoch in der Liste der nominierten Auslandsfilme zu landen. Was Verhoevens vielleicht besten Spielfilm bis heute auszeichnet, ist seine gelungene Mixtur aus Naturalismus, Präzision und Schonungslosigkeit. Dazwischen bricht sich allerdings immer wieder ein geradezu schelmenhafter Brachialhumor Bahn, wofür außerhalb des Weißwurstäquators tatsächlich Untertitel vonnöten sind, um den hinterfotzigen Sprachduktus vollends dechiffrieren zu können. Das macht »o.k.« neben seinem zeitlosen Antikriegsagitationsmodus auch 2021 zu einer höchst sehenswerten, weil experimentell fordernden Moritat in auffällig abstrahiertem Gewand. Zusammen mit Michael Verhoevens bissigem Kurzfilm »Tische«, mit dem er sich »noch mehr in die Nesseln gesetzt hatte als mit ›o.k‹« und einem ebenso aufschlussreichen wie kurzweiligen Gespräch zwischen dem Regisseur und seinem Produzenten gehört diese Neuerscheinung schon jetzt zu den gelungensten Titeln der »Edition Filmmuseum«. ||

O.K.
BRD 1970 | Regie: Michael Verhoeven
Mit: Peter van Anft, Gustl Bayrhammer, Hartmut Becker, Hanna Burgwitz u.a.
80 Minuten
Auf DVD in der Edition Filmmuseum erhältlich

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