Die Tonnenhalle als Lösung? Seit über 30 Jahren wurde in München immer wieder der Ruf laut nach einem Tanzhaus: vergeblich, während andernorts solche Institutionen längst etabliert sind. Fällt jetzt der Startschuss? Ein Gespräch mit Kulturreferent Anton Biebl.

Tonnenhalle als Tanzhaus? Alles machbar

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Tonnenhalle | © Bez+Kock Architekten

Die Pandemie hindert auch den Kulturreferenten nicht, trotz erheblicher Geldnöte für die Zeiten danach zu planen. Oder einfach nur zu träumen. Dafür nahm er erst einmal 10000 Euro in die Hand für die Machbarkeitsstudie eines Projekts, das man schon lange begraben wähnte: ein Tanzhaus für München. Mitte April muss das Ergebnis vorliegen. Betraut damit wurde der Bayerische Landesverband für zeitgenössischen Tanz (BLZT), verkörpert durch dessen Gründer und ersten Vorsitzenden Walter Heun und dessen zweiten Vorsitzenden Stefan Sixt, den ehemaligen Leiter der Iwanson Schule für zeitgenössischen Tanz. Heun hatte bereits Anfang der 1990er Jahre zusammen mit dem Tänzer und Choreografen Micha Purucker ziemlich gründlich über ein Tanzhaus nachgedacht. Nun machen sich Heun und Sixt daran, die Idee von gestern den heutigen, stark veränderten Gegebenheiten anzupassen, offenbar mit der Tonnenhalle im Visier. Restlos begeistert davon ist Kulturreferent Anton Biebl.

Warum braucht München ein Tanzhaus?
Wir haben eine sehr lebendige, vielfältige freie Tanzszene, die sich auch gut weiterentwickelt hat. Uns fehlt aber ein Produktions- und Präsentationszentrum. Dadurch haben wir Nachteile – auch als Gastspielort. Für den Tanz wäre ein identitätsstiftender Ort gut.

Immerhin gibt es die Tanztendenz, das Schwere Reiter, die Muffathalle, das HochX, die Kammerspiele und dann noch Max Wagners Ehrgeiz, zeitgenössischen Tanz im Gasteig zu etablieren.
Und dann haben wir bald das neue Schwere Reiter oder auch »Luise tanzt«, also Räume in Stadtteilkulturzentren, die den Tanz noch breiter aufstellen. Wir hätten noch viel mehr Möglichkeiten, wenn wir ein Tanzhaus hätten. Was uns fehlt, ist der zentrale Ort für die Münchner freie Tanzszene, der Repräsentationsort für den freien Tanz in München, auch nach außen. Es gibt etliche Räume, aber letztlich verwalten wir den Mangel, beispielsweise von Probemöglichkeiten. Es gäbe sicherlich sehr viel mehr Potenzial, um den Tanz noch offensiver zu positionieren.

Es existieren bereits sehr gute Pläne für die Tonnenhalle im Kreativquartier als Zentrum für die freie Szene. Inzwischen hat sich die Szene ja auch seit den ersten Diskussionen um ein Tanzhaus vor 30 Jahren insofern gewandelt, als es ganz intensive Kooperationen zwischen den Künsten gibt.
Natürlich gibt es von uns die Überlegung, die Tonnenhalle zu einem Produktionshaus zu machen – für alle freien darstellenden Künste. Das ist der jetzige Stand. Wir haben gerade eine Machbarkeitsstudie für ein Tanzhaus in München vergeben, die bis April erstellt werden soll. Eine Alternative könnte sein, ein Tanzhaus in einen Bestandsbau zu integrieren, zum Beispiel in die Tonnenhalle, oder einen Bestandsbau umzunutzen oder zu erweitern. Und dann gibt es auch die Alternative eines Neubaus, die aber eher unrealistisch ist mit Blick auf die Stadtfinanzen. Die Machbarkeitsstudie ist sehr breit angelegt, aber ich würde die Tonnenhalle schon intensiv betrachtet wissen wollen. Der Projektauftrag der Stadt für die Jutier- und die Tonnenhalle datiert vom Juli 2019. Er sieht vor, dort Produktions- und Präsentationsmöglichkeiten für die freie Szene zu realisieren. Und der Stadtrat steht nach wie vor zu diesem Projekt. Wir reden bei der Sanierung der Tonnen- und Jutierhalle von 99 Millionen. Davon ist allein die Tonnenhalle mit 59 Millionen kalkuliert. Es handelt sich um einen verbindlichen Projektauftrag des Stadtrates, wobei das Betriebskonzept noch nicht geklärt ist. Das heißt, wir werden nicht nur investive, sondern auch laufende Kosten haben. Bei der Schätzung wird uns sowohl das Betreiberkonzept für dieses Performing-Arts-Zentrum weiterhelfen als auch die Machbarkeitsstudie Tanzhaus.

Beide Konzepte müssen ausformuliert sein. Die Entwurfsplanung für die Gebäude ist bereits abgeschlossen. Die Genehmigungen sind für Frühjahr 2021 vorgesehen. Der Baubeginn ist jetzt durch die Finanzkrise der Stadt verschoben von Mitte 2022 auf Mitte 2023. Baufertigstellung und Übergabe ist dann ungefähr Mitte 2026. Bei der Inbetriebnahme reden wir dann schon von 2027, denn wir brauchen einige Monate Vorlauf, bis ein neues Haus an den Start gehen kann. Das klingt sehr lang, aber wir stecken ja schon mittendrin. Die Empfehlungen der Machbarkeitsstudie für das Tanzhaus will ich noch vor der Sommerpause in den Stadtrat bringen und Entscheidungsvorschläge damit verbinden. So ist zum Baubeginn 2022 klar, wohin es geht.

Noch mal um der Klarheit willen: Tonnen- und Jutierhalle sind die eine Geschichte und Tanzhaus eine andere?
Erst einmal sind es zwei Projekte. Ob sie zusammenpassen, wird sich nach Vorlage der Studie zeigen.

Jetzt haben wir aber wegen Corona die Situation, dass 2024 jeweils 15 Millionen jährlich vom Kulturetat eingespart werden müssen. Riecht es da nicht ein bisschen nach Totgeburt, wenn man ein neues Projekt aufs Tapet bringt, das auch nicht ganz billig sein wird? Wie wollen Sie das bewerkstelligen?
Die Machbarkeitsstudie zum Tanzhaus wird ja Aussagen treffen zu den finanziellen Erfordernissen und zu möglichen Orten. Man muss realistisch sein, dass es in der nächsten Zeit keinen städtischen Neubau geben wird. Aber vielleicht findet sich ja ein Investor, den wir derzeit nicht auf dem Schirm haben? Ich sehe beim Tanz Überschneidungen zu anderen Formen der darstellenden Kunst und sogar zur bildenden Kunst. Daher könnte ich mir die Tonnenhalle als Performing Arts Center mit dem Schwerpunkt Tanz gut vorstellen. Ich möchte Neues ermöglichen, ohne die Stadtfinanzen zu ignorieren. Und bereits bewilligte Projekte weiterverfolgen, zum Beispiel die Renovierung des Stadtmuseums mit 200 Millionen Euro Investitionen. Außerdem eröffnen wir im Herbst ein neues Münchner Volkstheater, für das die Stadt 139 Millionen Euro ausgibt. Da ist es zu verschmerzen, dass wir bei manchen Projekten die Zeitschiene etwas anpassen mussten. Es gibt ein klares Bekenntnis des Stadtrats zur Jutier- und Tonnenhalle, das ist wichtig. Bereits bislang war der Tanz dort fest eingeplant. Warum also nicht als Schwerpunkt dieses Hauses? Ich habe mir den Plan der Tonnenhalle angesehen: Da gibt es einen großen Saal von 780 Quadratmetern, der flexibel ist und 450 Zuschauer plus 100 auf einer Galerie vorsieht. Dann noch einen Saal von 150 Quadratmetern. Außerdem wird es dort zwei Tanzstudios à 100 Quadratmeter geben. Sie sehen, das könnte schon gut passen. Auch mit Blick auf die Publikumsnachfrage, die ich beim Tanz sehe.

München gibt für die Machbarkeitsstudie 10 000 Euro, Berlin hingegen das Zehnfache aus. Wie kommt’s? Wird hier von vornherein gekleckert? Wer bekommt überhaupt den Zuschlag für die Machbarkeitsstudie?
Wir haben uns bei der Vergabe unserer Machbarkeitsstudie für den Bayerischen Landesverband für zeitgenössischen Tanz (BLZT) entschieden, vertreten durch deren ersten und zweiten Vorsitzenden Walter Heun und Stefan Sixt. Wir haben damit die Besten an Bord. Die bringen sogar noch Geld mit vom BLZT, nämlich einen Betrag von 5000 Euro. Ich habe mir ihr Konzept für die Machbarkeitsstudie angeschaut. Das ist wirklich phänomenal und führt bereits vieles aus, was wichtig ist. Über den klassischen Aufbau mit Bestands- und Bedarfsanalyse geht es weit hinaus. Es sieht Roundtable-Gespräche mit zahlreichen Akteuren vor, internationale Vergleichsstudien aller wichtigen europäischen Tanzhäuser, Expertise von vielen Fachleuten. Heun und Sixt haben sogar schon einen intensiven Austausch mit Universitäten, nicht nur, was den Tanz, sondern auch, was die Architektur betrifft. Ich bin, Sie hören es, richtig begeistert. Was mich zum Beispiel an der Bewerbung von Heun und Sixt beeindruckt hat: Die haben Cornelia Dümcke vom Culture Concept Berlin mit im Boot. Sie begleitet den gesamten Prozess. Außerdem gibt es schriftliche Absichtserklärungen zur Kooperation von allen europäischen Tanzhäusern – Barcelona, Helsinki, London. Und natürlich gibt es eine genaue Analyse der Tanzszene: lokal, regional, national und international. Ich denke, auf der Basis dieser Aussagen werde ich dem Stadtrat einen guten Vorschlag zum weiteren Vorgehen unterbreiten können.

Meines Wissens nach waren es ja auch drei SPD-­Stadträtinnen, die das Thema Tanzhaus wiederbelebt haben.
Das sind Mitglieder des Stadtrats, die in der Szene verankert sind und immer wieder vom Wunsch nach einem Tanzhaus gehört haben. Sie setzen sich dafür ein, das politisch umzusetzen. Und Sie wissen, dass Walter Heun und Stefan Sixt viele Jahre immer wieder den grundsätzlichen Bedarf eines Tanzhauses formuliert haben. Nun geht es darum, das konkreter zu machen und im Rahmen der Studie Umsetzungsmöglichkeiten mit Zahlen zu hinterlegen.

Walter Heun ist sich im Klaren, dass so ein monokulturelles Haus nicht mehr zeitgemäß ist. Heun sagte in einem Gespräch sinngemäß: »Aber es wäre schön, ein Haus zu haben, wo der Tanz den Ton angibt.« Ist das Grund genug für ein Tanzhaus?
Er nennt es – auch in der Bewerbung um die Vergabe der Studie – »Performing Arts House, das vom Tanz aus gedacht wird«. Das würde Argumente für die Tonnenhalle liefern. Ich bleibe offen für verschiedene Alternativen. Am liebsten ist mir allerdings eine realistische. ||

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