Die erste Livestream-Premiere »Gespenster« der Kammerspiele arbeitet sich ambitioniert an Thomas Manns übergroßem Schatten ab.

»Gespenster – Erika, Klaus und der Zauberer«: Unordnung und frühes Leid

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Erika Mann (hinten, Katharina Bach) und Klaus/Tadzio (Bernardo Arias Porras) in Glaskästen © Heinz Holzman

Beinahe bedrohlich schwebt der Name des Vaters über der Familie Thomas Mann. Den Zauberer nennen die Kinder ihn nur, Wohlwollen und Ehrfurcht schwingen gleichermaßen mit. Diesen Geist der Vergangenheit und den Schatten, den er über ganze Generationen werfen kann, verdichtet das Stück »Gespenster – Erika, Klaus und der Zauberer« eindrücklich. In eng geschichteten Bildern verwebt es individuell und kollektiv erlebte Familiengeschichte mit dem Werk des Vaters und der von seinem Erfolg erdrückten Kinder Erika und Klaus.

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Das Theaterkollektiv RAUM+ZEIT hat das Stück gemeinsam mit dem Dramaturgen Mehdi Moradpour eigens für die erste Livestream-Premiere der Münchner Kammerspiele entwickelt. Ein ausgeklügeltes Konzept zwischen Hygienevorschriften und digitalen Möglichkeiten haben sich die Künstler einfallen lassen. Vier Glaskästen stehen in der Bühnenmitte der Therese-Giehse-Halle, darin verteilt Katharina Bach, Svetlana Belesova, Jochen Noch und Bernardo Arias Porras, die sich immer wieder neu zu Gesprächspaaren zusammentun. Sommer 1969, Erika Manns letzter, kurz vor ihrem Krebstod. In luziden Träumen erscheint ihr ein Geschwisterpaar, das sie an die Beziehung zum geliebten Bruder Klaus erinnert und an dessen 1930 uraufgeführtes Theaterstück »Geschwister«, in dem dieses Paar zu Liebenden wurde. Auch der Vater erscheint ihr, wird in ihrer Traumlogik zu Gustav Aschenbach, seinem Alter Ego aus der Novelle »Tod in Venedig«, trifft lüstern auf den Jüngling Tadzio, um in einer weiteren Assoziation zum Regisseur Luchino Visconti zu werden, der den Text schließlich verfilmte. Es hilft, sich all diese Bezüge vorher in Erinnerung zu rufen (oder die sympathische Einführung von Moradpour anzusehen), sonst verliert man bei den schnellen Wechseln der ineinander verschwimmenden Erinnerungsebenen schnell den Faden – denn für die 75-minütige Inszenierung ist das Traumprogramm durchaus straff.

Als Zuschauer hat man beim Ticketkauf die Wahl zwischen zwei Tribünen, klinkt sich jedoch vielmehr in einen von zwei Zeitsträngen ein: Mehrere frei auf der Bühne bewegliche Kamerateams fangen die ständig wechselnden Gesprächskonstellationen ein. Die Spielenden agieren jeweils zweimal hintereinander dieselbe Szene aus. Je nachdem, in welchem Raum-Zeit-Kontinuum man gelandet ist, ergibt sich also eine andere Reihenfolge der Gespräche, während das Gegenstück parallel und stumm im Hintergrund abläuft.

Das verlangt sowohl den Darstellern als auch den Technikern einiges an Disziplin und Timing ab, funktioniert in dieser Uraufführung jedoch reibungslos – ein ambitionierter Versuch, ein digitales Liveerlebnis im Theaterraum zu erzeugen, statt eine Inszenierung flächig abzufilmen. Der Aufwand wird sich für die Weiterentwicklung des Mediums auszahlen und tröstet ein wenig darüber hinweg, dass angesichts der bisweilen hermetischen Assoziationsketten die Technik im Vordergrund steht. Einziger Wermutstropfen: Die Dialoge werden in klassischer Filmsprache als Schuss-Gegenschuss-Situationen aufgelöst, die es notwendig machen, dass die Spielpartner jeweils in eine eigene Kamera sprechen statt zum Gegenüber. Doch dass in diesem hybriden Medium einiges an Potenzial liegt, wird hier dennoch spürbar und macht Lust darauf, ihm weiter beim Werden zuzusehen. ||

GESPENSTER – ERIKA, KLAUS UND DER ZAUBERER
Kammerspiele online | 23. Februar | 20 Uhr
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