Diesmal geht es nicht um den Einzelnen, sondern um die ganze Menschheit. Dafür entwickelt Anne Freytag eine ungewöhnliche Geschichte.

Anne Freytag: Das andere Element

Anne Freytag | © Studio Tasca

Die Isar ist wunderbar. Ein Katzensprung vom Dreimühlenviertel entfernt, wo Anne Freytag Ideen entwickelt, Geschichten durchdenkt, Romane schreibt. Und erfreulich weit weg vom Meer, von Berlin und der großen Politik. Selbst wenn die Schneeschmelze üppig ausfällt, stellt der Fluss keine echte Gefahr dar, der Mensch hat ihn im Griff. Was aber wäre, wenn sich das Element Wasser seiner Kontrolle entzöge? Wenn ganz andere Mächte im Spiel wären, von denen niemand beim Joggen in den Auen etwas ahnt? Mit »Aus schwarzem Wasser« hat sich die Münchner Autorin, die sich bis dahin vor allem mit der Gestaltung von Beziehungsebenen beschäftigte, auf ein neues Feld begeben. Zwischen die Stühle der Genres, spannend, politisch, über die Wirklichkeit hinaus.

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C.H. Beck

Frau Freytag, wie kam es zu einem ungewöhnlichen Buch wie »Aus schwarzem Wasser«?
Die Grundidee war von Anfang an meine Faszination für und zugleich Angst vor Wasser. Bei anderen Elementen wie Feuer weiß man gleich, dass es gefährlich werden kann. An Wasser jedoch hatte ich als Kind nur schöne Erinnerungen, bis bei einem Osterurlaub die damalige Freundin meines Vaters ertrank. Ich habe es als sehr schlimm empfunden, und tatsächlich hat mich dieses Ereignis nie mehr ganz losgelassen, diese Idee auch, dass etwas, was ich als so schön erlebt hatte, eine so zerstörerische Kraft entwickeln kann. Dann kam ein zweiter Punkt hinzu. Wir fliegen ins All, wissen enorm viel über das Universum. Unser eigener Planet aber ist uns zu großen Teilen fremd und unerreichbar. Wie wäre es aber, wenn er unerreichbar ist, weil jemand nicht will, dass wir dorthin kommen? Wenn es vielleicht ein Gegenüber gäbe, das mindestens so intelligent wie wir oder uns sogar überlegen ist und verhindert, dass wir dorthin gelangen? Ich fand die Idee so spannend, dass ich sie weiterdenken musste.

Es scheint aber nicht einfach zu sein, sie zu vermitteln.
Verlage neigen dazu, in Genres zu denken. Für mich ist es kein Fantasyroman, es wäre ja immerhin möglich. Es ist ein Gedankenexperiment, noch zwei, drei Schritte weiter zu gehen. In vielen Bücher gibt es das eindeutig Gute und das eindeutig Böse, wie ein weitergesponnenes Märchen. Ich finde es viel spannender, wenn sich zwei Mächte gegenübersitzen, die beide Gutes und Böses verkörpern. Der ethische Aspekt war einfach einzuarbeiten. Man sieht ja, was wir Menschen dem Planeten antun und wie wir uns über alles andere erheben. Wenn es nun eine Macht gäbe, die uns einfach auslöschen könnte – diese Idee hatte mich schnell gepackt. Meine Agentin meinte, Verlage mögen solche genreübergreifenden Projekte eher nicht. Aber ich war mir sicher, dass sich jemand dafür begeistern würde.

Wie haben Sie das Thema für sich selbst geordnet?
Den ersten Entwurf habe ich 2011 geschrieben und der war noch viel fantasylastiger. Als ich damit fertig war, merkte ich: Das ist es noch nicht! Das funktioniert nicht, vor allem, weil ich alles in unserer Welt spielen lassen wollte. Und weil ich noch nicht gut genug war. Ich hatte das Gefühl, dass ich es nicht schaffe, das auch in Worte zu fassen, was ich sagen will. In meinem Kopf klang es besser. Die Geschichte ist aber nie ganz verschwunden, sondern immer wieder aus dem Unterbewusstsein aufgetaucht, über Jahre hinweg. Anfang 2019 hatte ich das Gefühl: Wenn ich sie jetzt nicht schreibe, dann mache ich es nie. Eine Idee will nicht ewig festgehalten werden. Man muss sie irgendwann umsetzen, oder sie will weg. Also habe ich es noch einmal versucht, und diesmal ist quasi alles aus mir herausgeströmt. Mir war klar, es musste wissenschaftlicher sein und einer Logik entsprechen, die glaubwürdig ist, aber kein Sachbuch. Die ersten 80 Seiten sind dann sehr schnell entstanden, ein gutes Zeichen.

Wie haben Sie sich dem wissenschaftlichen Hintergrund genähert?
Das Thema an sich hat mich schon seit dem Bio-Leistungskurs in der Schule interessiert. Und ich hatte das Glück, dass eine gute Freundin ihren Doktor in Genetik gemacht und Hilfe angeboten hat. Sie hat bei Formulierungen und Inhalten geholfen, die ich ihr geschickt habe. Diesmal lief es gut, bei meinem aktuellen Buch ist es schwerer, weil es mehr mit Technik zu tun hat. Ich bin einfach niemand, der Sicherheitssysteme in seiner Freizeit hackt. Ich recherchiere, habe die Experten an der Hand, habe aber beschlossen, alles andere einfach zu erfinden. Das ist ja auch die Freiheit beim Schreiben von Romanen. Wobei ich mir die erst erarbeitet habe.

Inwiefern?
Bis vor Kurzem war ich der Meinung, dass alles ganz akkurat sein müsse. Dann kam in einem meiner Romane eine Therapie vor. Ich habe das ausführlich recherchiert. Die einen sagten: »Genauso läuft eine Therapie ab!« und andere meinten: »Das geht überhaupt nicht!« Es ist einfach eine subjektive Sache. Ich bin immer wieder in Erklärungsdrang gekommen, jeden Leser an der Hand zu nehmen. Das funktioniert aber nicht. Deshalb habe ich beschlossen: Ich gebe mir jetzt die Erlaubnis, dass ich die Erfinderin von Geschichten bin! Und dass ich innerhalb der Geschichten alles machen kann, solange es in sich schlüssig ist. Ich mochte zum Beispiel »Matrix«, eine Geschichte, die alles aufsprengt und über die man viel diskutieren konnte, mit der andere Leute aber nichts anfangen konnten. Mir ist heute klar, dass ich nicht originell sein und zugleich Wohlfühlbücher für jedermann schreiben kann. Wir sollten viel mehr Mut haben, die Geschichten zu schreiben, die unser Gehirn zusammenspinnt. Ich habe lange gebraucht, um mir das zuzugestehen.

Betrifft das nur Autoren?
Ich wollte nicht, dass »Thriller« auf dem Buch steht. Viele Leser verstehen Thriller nicht als Spannung, sondern als Genre. Da sind dann Bilder im Kopf wie: »Frau wird in einem Loch im Wald festgehalten und gequält«. Das ist dann ein Thriller. Wenn ich aber Wesen einführe, die im Wasser leben, dann fragen viele gleich, wie deren Welt aussieht. Das spielt überhaupt keine Rolle, denn darum geht es nicht. Ich schreibe ja nicht »Arielle, die Meerjungfrau«. Es gibt Leser, die wollen diese Grenzen und sind dann sehr verärgert, wenn sie bei »Thriller« nicht die Frau im Erdloch im Wald bekommen. Ich kann das verstehen, will es aber nicht bedienen. Über dem nächsten Buch soll einfach »Roman« stehen. Das gibt mir die Freiheit zu machen, was ich will. Es kann ja dann trotzdem im Segment »Spannung« liegen. ||

ANNE FREYTAG:AUS SCHWARZEM WASSER
Thriller | dtv bold, 2020 | 608 Seiten | 16,90 Euro

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