Wandgroße Murals von internationalen Street-Art-Künstlern machen die Stadt zur interessanten Outdoor-Galerie.

Street Art in München: Freiluft-Malerei

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Der Spanier Okuda San Miguel malte seine Imagination vom Madrider World Pride, zwei sich liebende Frauen unterschiedlicher Kulturen.

Illegal, wie einst in den 80er Jahren, ist in der angeblichen »Wiege der Street Art« praktisch gar nichts mehr. Heute ist München trotz teurer Immobilien und notorischer Platzprobleme ein Graffiti-Paradies. Nicht nur für junge Hobbysprayer, die erst mal sehenswert gestaltete »Tags« (Signaturkürzel) üben müssen. Sondern – was man kaum glauben möchte – auch für weltweit wirkende Künstler. Wodurch auch der Kunstgenießer auf seine Kosten kommen kann. Denn München hat nicht nur einen Street-Art-Beauftragten. Hier finden sich zahlreiche »Murals« (Wandbilder), oft riesengroß, nicht zu übersehen und von echten Größen ihrer Zunft geschaffen. Dafür sorgen etwa die Stadt, die Stadtwerke, die Stadtsparkasse. Sie stellen teils wandhohe Flächen an ihren Gebäuden zur Verfügung.

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In Giesing an der Martin-Luther-Straße hat vor Kurzem der stadtbekannte WON ABC die Köpfe der Räterepublik von 1918 festgehalten: Die in Pink und Hellblau gehaltenen Protagonisten – Kurt Eisner, Sarah Sonja Lerch-Rabinovitz, Erich Mühsam, Gustav Landauer und Ernst Toller – kämpfen dort mit ihren in Braun gehaltenen Widersachern. Ein spezielles Denkmal für den Freistaat Bayern, der ja vom Ministerpräsidenten Kurt Eisner ausgerufen wurde. Politisch auch das Wandbild für Georg Elser, der 1939 das Attentat auf Hitler im Bürgerbräukeller plante und durchführte. In das Werk (Bayerstraße 69), das WON ABC gemeinsam mit Loomit – dem seit 1985 aktiven Pionier der Szene – schuf, wurden 150 Spraydosen, 60 Liter Wandfarbe und 300 Stunden Arbeit investiert. Seine Motivwelt begründet WON ABC mit einer Art Antihaltung, die auch seine dargestellten Helden charakterisiert.

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Die brasilianischen Weltstars OsGemeos schufen auf dem alten Siemensgelände eine Hommage an die 1985 in einer Nacht von sieben Sprayern komplett besprühte S-Bahn in Geltendorf, den ersten Graffiti-Zug in Deutschland. Die Jacke bemalte Loomit, der selber einst dabei war.

Graffiti begreift er als Gegenkultur zu herrschenden Systemen – und auch zum etablierten Kunstmarkt. Das eint ihn mit dem rührigen Kunstverein »Positive-Propaganda«, der internationale Stars der Szene in die Stadt holt. Es ist ihnen wichtig, dass ihre Kunst politisch, sozialkritisch, nicht dekorativ, nicht belanglos ist. Selbst wenn man das auf den ersten Blick nicht sieht. Aber das Verschlüsselte war ja schon immer ein Charakteristikum anregender Kunst. Diese Künstler wollen den urbanen Raum aus dem allpräsenten Zugriff der kommerzialisierten Werbung zurückerobern – und den öffentlichen Diskurs darüber befeuern. So entstand Außergewöhnliches.

Shepard Fairey – sein »Hope«-Poster diente 2008 Barack Obama als Wahlkampfplakat – schuf in der Landshuter Allee 54 eine Hauswand ganz in Rot, in der er mit einer Riesen-Öldose den Einfluss der Ölkonzerne auf die Politik kritisiert. Der Berliner KRIPOE kreierte in Kooperation mit Amnesty International München an der Dachauer Straße (Ecke Schwere-Reiter-Straße) ein Wandbild aus lauter emporgestreckten Fäusten, Thema: »Hände hoch für Waffenkontrolle!«

Ericailcane – auf Italienisch ergibt das sogar einen Sinn – packte in ein Bild mit einem Specht, der anderen Vögeln das Fressen wegpickt, seinen Kommentar zur fortschreitenden Entsolidarisierung unserer Gesellschaft. Während sich gleich daneben der Politaktivist NoName von einer auf dem Boden gefundenen Streichholzschachtel mit der Aufschrift »Sturm« zu einem Eyecatcher in der Westendstraße (Ecke Bergmannstraße) inspirieren ließ.

Der Berliner Axel Void beim Malen auf dem »Steiger«, das Motiv: die Atombombenexplosion von Hiroshima || © Pat Art Lab

Fröhlich widmen sich auch Institutionen der Urban Art, wie man das nennt, wenn Street Art es in den Kunsthandel und ins Museum geschafft hat. Die Galerie Kronsbein etwa vertritt den weltberühmten, immer noch anonymen Schablonensprayer Banksy oder die brasilianischen Zwillinge OsGemeos. Die WhiteBOX im Werksviertel fördert (auch stillere) Kunst auf der Straße. Mit dem MUCA hat München nun auch ein Urban Art Museum in der Hotterstraße nahe dem Marienplatz. Das Haus zeigt nicht nur wechselnde Ausstellungen, sondern auch seinen Anspruch: mit Münchens (angeblich) größtem Wandgemälde im Innenhof. Werke von Weltstars sind auch in einer Art Street Art Gallery auf dem alten Siemens-Gelände an der Hofmannstraße 61–63 in Obersendling zu bewundern. Wahrscheinlich nicht mehr lange. Die bemalten Gebäude sollen Wohnungen weichen. Dort sponserte vor einiger Zeit die Immobilienfirma Patrizia AG mit ihrem »Pat Art Lab« ein »Scale – Urban Wall Art« genanntes Happening von 15 Künstlern. Dabei waren etwa Aryz und Okuda San Miguel aus Spanien, Sainer aus Polen, das französisch-österreichische Paar Jana&JS, Axel Void aus Berlin, DAIM aus Hamburg, auch Loomit, die Stone Age Kids und der Organisator Daniel Man. Er wurde 2014 mit seinem »Eis, Eisbaby«-Projekt vor dem Lenbachhaus in der Stadt bekannt und schuf kürzlich am anderen Ende der Hofmannstraße gemeinsam mit SatOne ein zackiges Wandbild für das hippe NYX-Hotel der Leonardo-Gruppe.

Eines der betörendsten Werke auf dem Siemens-Gelände malten die brasilianischen Zwillingsbrüder OsGemeos, die sich in ihrem ersten Leben als Breakdancer übten. Sie arbeiten nicht so viel mit Spraydosen, sondern mit Pinseln, Fassadenfarben und Tapetenrollern. Angeblich weil ihnen einst das Geld für Spraydosen fehlte. So entstand ihr unnachahmlicher malerischer Stil, der sogar die Tate Modern in London zierte. Was zeigt, dass Street Art noch entwicklungsfähig ist. ||

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