Sir Simon Rattle am Pult des BR Symphonieorchester – eine kluge Wahl für ein Ensemble, das Perspektiven verträgt.

Sir Simon Rattle: Schöne Aussichten

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Neuer Maestro beim BR: Sir Simon Rattle | © Oliver Helbig

Schon lange war es ein Gerücht, nun ist es schriftlich besiegelt. Und wohl alle sind glücklich, dass Simon Rattle nach der Erfüllung seines Fünfjahresvertrags beim London Symphony Orchestra Mariss Jansons, der am 30. November 2019 gestorben ist, im Herbst 2023 als Chefdirigent von Chor und Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks beerbt: allen voran der scheidende Intendant des Bayerischen Rundfunks, Ulrich Wilhelm, der den Coup eingefädelt hat; das Orchester, das sich mit großer Mehrheit für Sir Simon aussprach; und nicht zuletzt das Publikum.

Denn der 66-jährige Brite polarisiert nicht, sondern vereint Musikliebhaber unterschiedlichster Couleur dank seiner großen Vielseitigkeit und einer – zumindest nach außen hin – großen Entspanntheit und Unaufgeregtheit. Stets hat Rattle ein verschmitztes Lächeln im Blick, das gerahmt wird von silbergrauen Locken, die allein schon heitere Gelassenheit mit Tendenz zur Alterslosigkeit ausstrahlen. Drei Eindrücke der letzten 15 Jahre mögen exemplarisch Sir Simons musikalische Bandbreite zeigen. Und genau die prädestiniert ihn zum Leiter eines Orchesters, das zwar in der eigenen Reihe »musica viva« oft Zeitgenössisches spielt, aber mit der Musik vor Beethoven doch etwas fremdelt. Eines Orchesters, das der Brite auf ausdrücklichen eigenen Wunsch auch in Pandemiezeiten mit großem Charisma leitete und das mit ihm als Galionsfigur sicher auch den neuen Konzertsaal bekommen wird, was in London leider bekanntlich schiefging.

Drei Beispiele also. So ist auf DVD ein sensationelles Projekt im Jahr 2005 dokumentiert, bei dem die Berliner Philharmoniker unter dem Titel »Rhythm is it!« auf jede Menge junger Laientänzer in Strawinskys »Sacre du Printemps« treffen, ein Hinweis auf das Bedürfnis des Maestros, die Musik über die bekannten Hörerkreise hinaus zu tragen. Am 2. November 2012 beschenkte Rattle uns zweitens im Herkulessaal der Residenz mit luzidem Haydn, verrücktem Ligeti und einer ebenso reichen wie schlanken, aber immer spannungsgeladenen zweiten Symphonie von Robert Schumann. Er ist einer von Rattles Lieblingskomponisten und stand auch auf dem Programm seines ersten Konzerts mit den BR-Symphonikern im Jahr 2010. Vor zwei Jahren, im November 2018, widmete sich Rattle drittens an der Berliner Linden-Oper mit dem Freiburger Barockorchester einer szenischen Produktion von Jean-Philippe Rameaus »Hippolyte et Aricie«. Das 50-köpfige Originalklang-Orchester raffte unter seiner Leitung den klassizistischen, oft kleinteiligen Faltenwurf der Partitur von 1733 immer wieder durchaus straff. Aber Rattle setzte weniger auf expressive Leuchtkraft und Kontraste, sondern eher auf »edle Einfalt und stille Größe«.

Was für ein schönes Zeichen setzt Sir Simon, wenn er beim ersten Zusammentreffen mit den BR-Musikern nach seiner Ernennung ausgerechnet ein Konzert der »musica viva« dirigiert! Denn nicht immer waren Abende dieser legendären Reihe mit zeitgenössischer Musik Chefsache. Dazu hatte sie immer wieder der von Rattle so geliebte Rafael Kubelik erklärt, brachte er doch zum Beispiel Schönbergs Zwölfton-Einakter »Von heute auf morgen« erstmals 1975 nach München oder bereits 1961 Leosš Janáceks letzte Oper »Aus einem Totenhaus«. Unvergessen ist eine Aufführung derselben Oper unter Rattle ein halbes Jahrhundert später an der Lindenoper in Berlin, die Stadt, wo er bis heute mit seiner Frau, der Mezzosopranistin Magdalena Kozená, und den drei gemeinsamen Kindern lebt. Das Initiationserlebnis des 15-jährigen Simon wiederum hängt mit Kubelik zusammen: 1970 hörte er in Liverpool die BR-Symphoniker live mit einer prägenden Neunten von Beethoven. Er betont auch gerne, dass der Geist Kubeliks noch immer über dem Orchester schwebe und in dessen Klang spürbar sei.

Eine weitere Gemeinsamkeit gibt es: Einst dirigierte Kubelik legendäre Studioaufnahmen von Wagners »Meistersingern« und »Parsifal« beim BR, heute ist ein »Ring des Nibelungen« mit dem BR-Symphonieorchester unter Rattle immerhin schon zur Hälfte gerundet mit »Rheingold« und »Die Walküre«. Doch erst einmal steht, wie früher bei der »musica viva« durchaus üblich und in letzter Zeit wieder zu erleben, am 6. März im Herkulessaal eine feine Mischung aus Alter und Neuer Musik auf dem Programm. Henry Purcells »Funeral Music of Queen Mary« folgt die Uraufführung von Ondřej Adámeks Liederzyklus »Where are you« für Mezzosopran (Magdalena Kozená) und Orchester als Auftragswerk von BR und London Symphony Orchestra, sowie Olivier Messiaens »Et expecto resurrectionem mortuorum«. Schon die Werkauswahl ist Programm in Zeiten der Pandemie und wölbt einen Bogen vom Leben über den Tod bis hin zur Auferstehung. Durchaus doppeldeutig versteht Rattle sein künftiges Orchester als »Englischen Garten«, den man zweimal die Woche jäten und bewässern, eben pflegen müsse. Aber man darf ergänzen: Die Musikerdes BR-Symphonieorchesters bilden eine reiche musikalische Landschaft, die sich als Terrain fast frei entwickeln darf. Man darf sich also auf einen illustren Gärtner eines der besten Ensembles in der hiesigen Orchesterlandschaft freuen. ||

SYMPHONIEORCHESTER DES BAYERISCHEN RUNDFUNKS – SIR SIMON RATTLE: MUSICA VIVA
Herkulessaal | 6.März | 18 Uhr (live/stream)
Tickets: 089 5900 10880

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