Nina Gladitz räumt in ihrem neuen Buch endgültig mit dem Mythos der unschuldigen Filmkünstlerin Leni Riefenstahl auf.

Leni Riefenstahl: Ohne Heiligenschein

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Helmut Newton porträtierte 1988 Leni Riefenstahl vor ihrem Bildnis aus ihrer Zeit als Tänzerin, 1924 gemalt von Eugen Spiro | © The Helmut Newton Estate / Maconochie Photography

»Realität interessiert mich nicht«, betonte Leni Riefenstahl 1997 in einem ihrer letzten Interviews. Bis zu ihrem Tod 2003 mit nahezu biblischen 101 Jahren pflegte die am 22. August 1902 in Berlin geborene Berta Helene Amalie Riefenstahl jahrzehntelang einen ebenso bizarren wie skrupellosen Personenkult um sich und ihr nicht minder ominöses wie umstrittenes Œuvre als lange Zeit bekannteste Regisseurin und Fotografin des 20. Jahrhunderts.

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Trotz vieler offener Fragen und mehrfacher Forderungen nach einem Berufsverbot, zahlreicher Zivilprozesse sowie des steten Verdachts, dass diese schillernde Frau sicherlich mehr gewusst und gesehen haben musste als viele andere Deutsche während der Jahre 1933 bis 1945, gelang der »Reichsgletscherspalte« bis ins hohe Alter hinein die Mär von der permanent unschuldigen Großkünstlerin, die im Grunde nur sabotiert statt protegiert und aufgrund ihrer solitären Genialität sowieso nie wirklich verstanden wurde.

Unzählige Verehrer innerhalb der Filmwirtschaft wie der Popkultur, des Polit- wie Prominentenbetriebs hielten stetig ihre schützende Hand über die angeblich so einzigartige wie selbstverständlich unpolitisch-naiv agierende Künstlerin, die sich der eigenen Legende nach »immer nur für die Schönheit« interessierte. Selbstverständlich hätte sie nie etwas von der Judenvernichtung geahnt, obwohl sie wusste, wofür beispielsweise der Name »Dachau« im Dritten Reich stand. Ebenso wenig sei sie Ende der 1930er Jahre im Bilde gewesen, was Aufrüstungs- oder Weltkriegspläne betraf, obwohl sie doch oft genug mit Hitler Tee trank, mit Streicher im Bett war, bei Goebbels im Büro saß und sie nach dem Einfall der deutschen Wehrmacht in Polen von den NS-Bonzen sogar kurzfristig als Kriegsfotografin angeheuert wurde und vorher schon einen »Sonderfilmtrupp« einrichten durfte, woran sie nach 1945 bloß nicht mehr erinnert werden wollte.

Von ihren »Führerfilmen« ganz zu schweigen: »›Triumph des Willens‹ ist ein Dokumentarfilm von einem Parteitag, mehr nicht. Das hat nichts zu tun mit Politik«, gab Riefenstahl zu Protokoll. »Aber deswegen ist es doch keine Propaganda.« Wie diese Frau so lange so viele internationale Fans von Bryan Ferry über Jodie Foster bis hin zu Madonna oder Quentin Tarantino haben konnte, ist mehr als unverständlich und beweist zweifelsfrei: »Die Akte Riefenstahl« polarisiert bis heute.

Nach dem Tod ihres Ehemanns Horst Kettner (1942–2016) und der Weitergabe ihres Erbes durch Riefenstahls langjährige Sekretärin Gisela Jahn an die Stiftung Preußischer Kulturbesitz wanderten 2018 etwa 700 Kartons aus ihrem Haus in Pöcking am Starnberger See gen Berlin. Eine Katalogisierung, erst recht eine kritische Auswertung dieser Bestände wird Jahre dauern: weitere zeithistorische Paukenschläge keineswegs ausgeschlossen. Schließlich hatte sich Riefenstahl zeitlebens dagegen gewehrt, investigativen Journalisten, selbst renommierten Historikern, Zugang zu ihren persönlichen Archivalien oder Filmrollen zu gewähren.

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Echte Reue? Kam für Leni Riefenstahl nie in Frage. Gar Buße oder wenigstens Entschädigungszahlungen für die letzten KZ-Insassen aus den sogenannten »Zigeunerlagern« in Maxglan bei Salzburg oder »Berlin-Marzahn Rastplatz«, die sie zusammen mit Harald Reinl für »Tiefland« als »südländisch aussehende« Statisten ausgesucht hatte? Fehlanzeige. Stattdessen: immer wieder neue Mythen, neue Märchen, neue Falschmeldungen. Eben eminente Geschichtsklitterung perfidester Art, wie es Nina Gladitz nun in einem aufsehenerregenden Sachbuch mit zahlreichen neuen Archivmaterialien herausgearbeitet hat: »Leni Riefenstahl. Karriere einer Täterin«.

Natürlich gibt alleine der Untertitel Gladitz’ politische Marschrichtung vor. Schließlich hatte die 1946 geborene HFF München-Absolventin (»Lieber heute aktiv als morgen radioaktiv«) bereits 1982 im Auftrag des Westdeutschen Rundfunks die Entstehungsgeschichte von »Tiefland« als Erste filmischkritisch rekonstruiert und dafür mehrere Sinti und Roma ausfindig gemacht, die den Holocaust überlebten hatten und sich in Gladitz’ seither gesperrtem Dokumentarfilm (»Zeit des Schweigens und der Dunkelheit«) an die Dreharbeiten zurückerinnerten, wofür sie wiederum Mitte der 1980er Jahre von Riefenstahls Anwälten verklagt wurde. Obwohl Nina Gladitz damals in drei von vier Punkten Recht bekam, erteilte ihr keine ARD-Anstalt im Anschluss auch nur einen weiteren Auftrag: der nächste Skandal und zugleich der Beweis, wie viele Verehrer Riefenstahl selbst 40 Jahre nach Kriegsende offensichtlich noch in den oberen Etagen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks hatte.

Dabei geht es der Filmemacherin und Autorin Nina Gladitz zumindest in ihren eigenen Worten »keineswegs um einen persönlichen Rachefeldzug«, sondern schlichtweg darum, ein für alle Mal Licht ins große Dunkel bezüglich »Tiefland« sowie der beiden »Olympia«-Filme zu bringen, wofür sie erstmals die tragische Rolle des Fotografen, Kameramanns, Regisseurs und Produzenten Willy Zielkes (1902–1989) kenntnisreich herausarbeitet. Im Gros der umfangreichen Riefenstahl-Literatur war dieser bisher stets als zwangssterilisierter »Geisteskranker« aus Haar unter den Tisch gefallen. Gerade im bösartigen Umgang mit dem alleinigen Schöpfer des »Olympia«-Prologs manifestiert sich in Gladitz’ Recherchearbeit Riefenstahls ekelhafte Karriere- und Machtversessenheit, für die sie wortwörtlich über Leichen ging. Das rührt einerseits an, rüttelt andererseits immer wieder auf: vor allem, wenn man noch die medialen Riefenstahl-Festspiele anlässlich der Präsentation ihrer persilweißen »Memoiren« oder der Feier ihres 100. Geburtstags vor Augen hat. Leni Riefenstahl war niemals eine intergalaktische Heilsbringerin, sondern eine sowohl gewiefte wie minderbegabte, hauptsächlich mit Erpressermethoden agierende »Mephisto«-Figur, die keine Intrige scheute, um sich den geistigen Input ihrer Mitarbeiter anzueignen oder deren Fotografien als ihre Arbeiten auszugeben. Gladitz’ Arbeit liest sich zwar streckenweise pathetisch und schießt im giftigen Tonfall einige Male über das Ziel hinaus. Trotzdem ist Riefenstahls selbst konstruierter Heiligenschein nun endgültig passé. ||

NINA GLADITZ: LENI RIEFENSTAHL. KARRIERE EINER TÄTERIN
Verlag Orell Füssli, 2020 | 448 Seiten
25 Euro

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