Das Schwere Reiter wird neu gebaut. Und es geht gut voran. Ein Lichtblick, auch für die Neue Musik, um die sich Christiane Böhnke-Geisse vor Ort kümmert.

Schwere Reiter: Mal was Neues

schwere reiter

Fast schon ein zweites Zuhause: Christiane Böhnke-Geisse in den Schwere-Reiter-Fluren | © Ralf Dombrowski

Nebenan Legoland. Bislang fokussiert sich der Aktionismus im Kreativquartier am Südende des Olympiaparks auf bunte Stapelcontainer, die als Arbeitsräume für allerlei Geschäfte rund um Medien, Kunst, Kultur feilgeboten werden. Im Hintergrund des Geländes allerdings wird gebaut. Eine kleine Multifunktionshalle entsteht, in der Tanz, Theater und experimentelle Musik der freien Szene einen Platz haben werden. Christiane Böhnke-Geisse, ehemals Co-Programmchefin des Jazzclubs Unterfahrt und umtriebige Veranstalterin, kümmert sich dort um das Segment Klang und Musik. Und sie hat einiges vor.

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Ein anspruchsvoller Start …
Ich habe ja im Januar 2019 angefangen. Das war schon ein schwieriges Jahr, im Herbst zum Beispiel kam Roncalli, hier gleich neben der Halle, dann ein Weihnachtsmarkt. Ich musste alle Veranstaltungen im November absagen und habe gedacht, dass danach nichts Schlimmeres mehr passieren kann. Veranstaltungen absagen, so etwas gab es eigentlich nicht. Also habe ich mich auf 2020 wirklich gefreut, und es ging im Januar auch richtig gut los. Mitte März kam dann der erste Lockdown und ich musste gleich am 16. März das erste und insgesamt gleich acht oder neun Konzerte innerhalb von zwei Wochen stornieren. Für uns war das ein No-Go. Konzerte sagte man nur ab, wenn wirklich etwas ganz Schlimmes passierte, die Halle unter Wasser stand oder so. Dann haben wir gedacht, der Stress sei im Juni, Juli rum. Von wegen! Aber wir haben gut zusammengehalten.

Wer ist »wir«?
Wir sind die Tanztendenz, das Pathos Theater und scope – Spielraum für aktuelle Musik, also meine Plattform. Im Moment finden wir näher zusammen. Das Schwere Reiter war zwar auch früher schon eine GbR, trotzdem hatten die drei Partner jeweils sehr eigenständig agiert. In diesem Jahr nun haben wir zum ersten Mal gemeinsam als Schwere Reiter eine Förderung durch das Kulturreferat bekommen. Wir werden ja auch neu gebaut. Im Juli 2020 ging das los. Zu sehen, dass das etwas wird, war überhaupt das Schönste an dem Jahr. Wir hatten im April natürlich befürchtet, dass wir neuen Sparmaßnahmen zum Opfer fallen. Aber wir können in den alten Räumen ja nicht weiterspielen. Und die Stadt hat ihr Wort gehalten. Im August 2021 soll der Neubau fertig sein, im September wollen wir eröffnen. Wir sind in der Planung für Mitte September und wollen damit weiterhin unseren Auftrag erfüllen.

Worin besteht dieser Auftrag?
Das Schwere Reiter ist ein Haus für die freie Tanzszene, Theaterszene und die freie Szene der Neuen Musik. Der Auftrag durch das Kulturreferat besteht darin, diesen KünstlerInnen einen Spiel- und Gestaltungsraum zu geben. Es ist eine Welt, in die ich mich auch selbst immer weiter hineingefunden habe, sowohl inhaltlich wie auch in Bezug auf das Team hier und die Technik.

Wie arbeitet ihr zusammen?
Die einzelnen Projekte sind jeweils bei den einzelnen Partnern verankert, auch in Bezug auf das Budget. Jeder bekommt eine eigene inhaltliche Förderung, kann also inhaltlich unabhängig von den anderen agieren. Niemand kann dem anderen in die Suppe spucken, und das ist auch so gewollt. Die ganze Infrastruktur hingegen nutzen wir gemeinsam, Technik, Organisation, Öffentlichkeitsarbeit etc. Darüber hinaus planen wir in Zukunft auch Projekte, die mehr abbilden als die einzelnen getrennten Bereiche. Performative Produktionen, in denen sowohl Tanz, Theater als auch Musik stattfindet. Wir hatten 2020 ja schon solche Projekte wie etwa von Katja Wachter und jetzt im Januar zum Beispiel ist Stephan Lanius zu Gast mit »Kommen wir zusammen?«, unter anderem mit Laiendarstellern mit Migrationshintergrund.

Docken auch andere Organisationen bei euch an?
Klar, ich hätte beispielsweise im Februar »Jugend musiziert« mit den Preisträgerkonzerten hier gehabt. Leider hinfällig. Auch ein Konzert des Münchener Kammerorchesters im Februar haben wir inzwischen verlegt. Die Offenen Ohren mit ihrem Festival im Februar werden auch verlegt, zu groß für einen Livestream und noch dazu international besetzt, was die Anreise erschwert. Ich versuche jetzt mit der Musik, kleinere Produktionen und Formationen ins Haus zu holen, die ich, wenn’s dann so wäre, eben streamen kann.

Gibt es Künstler, die nur an live oder nur an Stream denken?
Beides. Im Moment geben wir unseren Flyer monatlich, nicht mehr zweimonatlich heraus, um auch vom Programm flexibler reagieren zu können. Am 28. Januar kommt in der Musik zum Beispiel Gunnar Geisse, der aufgezeichnet wird, vielleicht auch live streamt. Es kommt das DUO2KW am 29. Januar mit Livestream, aber auch ein Projekt mit Stipendiaten der Villa Waldberta am Tag darauf mit dem Titel »Unity Too plays Organon«. Über diese Kooperationen kommen Silke Eberhardt, Nikolaus Neuser, der Elektroniker Nicola Hein und die Lichtkünstlerin Viola Yip, die mit Gunnar Geisse kooperieren. Solche Ideen werde ich auch ausbauen. Es wird eine Reihe geben »Villa Waldberta @ Schwere Reiter«.

Biegen auch andere Künstler hier ein? Und wo könnte es hingehen?
Mein Aufgabe ist es ja, erst einmal die Neue Musik Münchens abzubilden. Und da kommen Künstler wie eben das DUO2KW, Peter Tilling, der/gelbe/klang, das aDevantgarde Festival, Alexander Strauch, das Neue Kollektiv München rund um Christoph Reiserer, Masako Ohta, Neos Live, der Tonkünstlerverband mit »dedicated to«, dann auch musica femina und die Münchner Gesellschaft für Neue Musik. Da sind viele Fäden, die sich spinnen und zusammenlaufen. Und auf Dauer möchte ich auch elektronischer Musik, die sich nicht auf ein Genre festlegt, eine Plattform bieten, tendenziell mit der Nähe zur Neuen Musik. Übergreifendes mit Lichtkunst könnte ich mir auch vorstellen. Da kommen bestimmt noch viele spannende Projekte. ||

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