Noch hat kein Bautrupp die Arbeiten auf der künftigen Großbaustelle Gasteig aufgenommen. Und solange der Investor, der die Finanzierung absichert, nicht feststeht, verzögert sich der Baubeginn weiter. Besser sieht’s in Sendling aus: Dort soll im Oktober der Gasteig-Betrieb im Ausweichquartier durchstarten. Immerhin: planmäßig!

Bangen um die Gasteig-Sanierung

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Der neue Gasteig wird transparenter, dank der gläsernen »Kulturbrücke«

Alles schläft, einsam wacht: Weihnachten ist vorbei. Aber einen Schutzengel hätte die Stadt, deren so reiche kulturelle Schatzkammern verrammelt sind und deren Künstler noch nicht so recht wissen, wann sie von ihren Albträumen endlich wieder erlöst werden, noch nie so dringend gebraucht wie jetzt. Ein »Türmer« hätte es sein können: eine erhabene Gestalt, hoch oben auf dem Gasteig-Dach am Haidhauser Hochufer, die ihren Blick wachsam über die Stadt schweifen lässt – und hoffnungsfroh Ausschau nach besseren Zeiten halten sollte.

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C.H. Beck

Die australische Choreografin Joanne Leighton hatte diese schöne, Vertrauen stiftende Idee. Und wie so oft war Max Wagner, Chef des Gasteig und ein engagierter Förderer von Konzepten der stadtgesellschaftlichen Teilhabe, Feuer und Flamme. 730 Türmer hätte es dafür gebraucht: kunstinteressierte Freiwillige, die jeweils eine Stunde lang zu Sonnenauf- und dann wieder zum -untergang über die Stadt und damit auch den Gasteig, bekanntlich nicht nur das Münchner Kulturherz, sondern Europas größtes Kulturzentrum, wachen würden.

Schicksalsjahr 2021

Doch wieder einmal zeigte sich Corona von seiner unerbittlichen Seite. Das »Türmer«-Projekt musste kurz vor dem Start Mitte Dezember in der konkreten Wächter-auf-dem-Dach-Variante abgesagt und notgedrungen in die sterile Welt des Digitalen verlegt werden. Und fast wäre das ein Vorzeichen dafür gewesen, wie schnell im Gasteig oft der Haussegen schief hängt. Ein Rund-um-die-Uhr-Schutzengel-Schichtdienst ist hier bitter nötig. Denn 2021 wird zum Schicksalsjahr für den Gasteig werden. Endlich sollen hier die entscheidenden Weichen gestellt werden, damit die Bauarbeiten für die im Grundsatz bereits 2017 im Stadtrat beschlossene Generalsanierung beginnen können. Seitdem nimmt zwar Tag für Tag konkreter und in erfreulich pannenfreier Umsetzungsgeschwindigkeit das Gasteig-Ausweichquartier in München-Sendling Gestalt an. Aber an der Rosenheimer Straße sind Bautrupps noch nicht vorgefahren.

Wie auch? Bis zuletzt wurde wieder heftig um die zu erwartenden Kosten, aber auch überraschenderweise erneut ganz grundsätzlich über den Charakter aller Veränderungsmaßnahmen debattiert, an deren Notwendigkeit gleich an verschiedenen Stellen wieder gezweifelt wurde. Grundsätzlich kreisen Diskussionen um den Gasteig immer wieder um eine Kernfrage: Wie radikal möchte man sanieren – oder reichen in Zeiten dramatischer Finanzengpässe der Stadt etwa doch eher kosmetische Eingriffe aus?

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Aus der Vogelperspektive wird deutlich, wie umfangreich der Baukomplex in Haidhausen eigentlich ist © Henn (2)

»Die Corona-Krise hat zu einem dramatischen Einbruch der städtischen Einnahmen geführt. Im Jahr 2020 hatten wir eine Milliarde Euro weniger zur Verfügung als erwartet«, skizziert Katrin Habenschaden, Kulturbürgermeisterin sowie Aufsichtsratsvorsitzende der Gasteig München GmbH, die bedrohliche Lage. »Die Aufgaben sind aber nicht kleiner geworden: Wir müssen neue Schulen, Kindergärten, U-Bahnen und bezahlbare Wohnungen bauen.« Und natürlich will die Grünen-Spitzenpolitikerin trotz allem die Kultur nicht zusätzlich büßen lassen. »Trotz dieser historisch schlechten Haushaltssituation hat sich der Stadtrat dazu entschieden, den Gasteig umfassend zu sanieren und aufzuwerten«, sagt sie. »Ich finde, das ist ein außergewöhnliches Bekenntnis der Stadt München zu Kunst, Kultur und Bildung.« Gespart werden muss allerdings trotzdem drastisch – auch bei den Gasteig-Plänen. Im Oktober beschloss die rot-grüne Regierungskoalition einen Kostendeckel in Höhe von 450 Millionen Euro für den Umbau, 15 Prozent weniger als zuvor geplant. Und rasch passierte, was unausweichlich schien: 80 Millionen Euro Einsparungsbedarf aus Paketen, die eigentlich schon verschnürt schienen, rutschten wieder in die öffentliche Diskussion. Umgehend landete man bei den sogenannten »Steckbriefen«: Projektlisten, in denen der Gasteig-Chef Max Wagner einst die Anforderungen der im Gasteig beheimateten Einrichtungen wie der Münchner Volkshochschule, der Stadtbibliothek, der Hochschule für Musik und Theater sowie der Philharmoniker gesammelt hatte. Dabei geht es um Posten wie Möbelausstattungen oder etwa die aktuell noch gar nicht so einfach zu beantwortende Frage, mit welchen EDV-Systemen in einigen Jahren dann in einer erneuerten Bibliothek gearbeitet werden würde. Es ging aber auch um sehr Grundlegendes – etwa einzelne Charakteristika wie das geplante Dachrestaurant oder die sogenannte »Kulturbrücke«, die laut dem abgesegneten Architektenentwurf des Büros Henn die einzelnen Gasteig-Bereiche symbolisch verbinden soll.

Max Wagner geriet unter Druck – und alle Pläne ins Gerede. Und die größte Gefahr für den Gasteig ist auch weiterhin nicht wirklich gebannt: Schnell wird am steilen Isarhochufer vieles auch mal zerredet. Jeder Tag, an dem nur debattiert und nicht gehandelt wird, kostet Geld. Bauverzögerungen sind teuer. In Corona-Zeiten, in denen fast nichts wie gewohnt funktioniert, nur Handwerks- und Bauunternehmen mit vollen Auftragsbüchern bestens ausgelastet sind, galoppieren Kosten schnell wild davon.

Zeit ist Geld

Ein drastisches Problem, das so auch Manuel Pretzel, Fraktionsvorsitzender der CSU im Rathaus, sieht. »Aus meiner Sicht müssen die Zeitpläne unbedingt eingehalten werden«, mahnt er. »Wir als CSU-Stadtratsfraktion stehen nach wie vor zu der beschlossenen und absolut notwendigen Sanierung des Gasteig, um dessen Wettbewerbsfähigkeit als größtes Kulturzentrum Europas zu erhalten. Ein Zeitverzug würde weitere, nicht zu unterschätzende Kosten bedeuten. Das kann nicht im Sinne der Auftraggeber sein«, sagt er.

Was auch im Hintergrund steht: Ein ElbphilharmonieDesaster an der Isar kann und will sich die lange so ungebrochen selbstbewusst stolze Kulturstadt München nicht leisten. In Hamburg liefen die Kosten der »Elfie«, die erst seit ihrer Eröffnung wieder als Prestigebau gilt, komplett aus dem Ruder. Und dass in Deutschland Bauvorhaben Anlass zum Stammtischgelächter sind, schmerzt nicht nur, wenn sich die halbe Republik den Mund über den Pannengroßflughafen BER zerreißt. Ein »Isfie«-Debakel wie bei der »Elfie« gilt es tunlichst zu vermeiden. Hört man sich konkret im Rathaus um, möchte niemand öffentlich schwarzmalen. Im Gegenteil: HamburgVergleiche weist man rund um die Isarphilharmonie weit von sich. »Albträume habe ich nicht«, sagt etwa Stadtrat KlausPeter Rupp, der ebenfalls im Aufsichtsrat der Gasteig München Gesellschaft sitzt und zudem im Kulturausschuss und im Ausschuss für Arbeit und Wirtschaft vertreten ist – den beiden Gremien, die konkret mit der Gasteig-Zukunft befasst sind. »Der Vergleich mit der Elbphilharmonie stellt sich nicht.« Anders als in Hamburg gebe es in München »von Beginn an eine solide und seriöse Planung«, so Rupp. »Deshalb diskutieren wir ja auch von Beginn an vergleichsweise hohe Investitionssummen und hecheln nicht kulturellen Träumereien hinterher, die nicht seriös kalkuliert sind.«

Wer künftig genau nachrechnen muss, wird ohnehin ein anderer sein. Zumindest dann, wenn der Weihnachtswunschtraum aufgeht, auf den sich kurz vor Jahresende die entscheidenden Rathausparteien geeinigt haben: Ein Investor soll für die Gasteig-Generalsanierung gefunden werden. Und der hat dann mit der Umsetzung von Zeit- und Finanzplänen zu tun.

Auch innen gibt es bald mehr Luft und Leichtigkeit. Aus den Fluren werden Aktionsflächen | © Henn

WANTED: Ein Investor

Einziges Problem: Der große Unbekannte muss erst noch gefunden werden. Allerdings gibt es ein Vorlage-Modell in der Historie, als der Bau des Kulturzentrums durch Investoren abgewickelt wurde. Vor allem die CSU hat stets auf die Vorzüge dieser Lösung gepocht. Bei der Vergabe der Sanierung an einen Investor, so Manuel Pretzel, »fallen für die Landeshauptstadt die Kosten nicht in einem kleinen zeitlichen Rahmen, sondern gestreckt auf 60 oder 70 Jahre an«. Dass nun nach einem Investor gesucht wird, heftet sich die CSU als Erfolg ans Revers. »Auch die SPD ist hier auf unsere Linie eingeschwenkt und befürwortet jetzt das Investorenmodell. So wurde es dann auch in dieser Woche im Stadtrat beschlossen«, blickt Pretzel auf die letzte Sitzungswoche vor der Weihnachtszeit zurück.

Alles in trockenen Tüchern also? Steigt künftig der Investor als Schutzengel oder »Wächter« aufs Gasteig-Dach? Noch nicht ganz! Wieder einmal kostet die neue Lösung nämlich Zeit. Und wann und ob sie greift, ist noch völlig offen. »Der Münchner Stadtrat hat entschieden, die Gasteig-Sanierung einem Investor zu übertragen. Dazu bedarf es einer Ausschreibung, die von der Kämmerei und dem Baureferat im kommenden Jahr vorbereitet wird. Das kostet zwar etwas mehr Zeit, im Gegenzug kann von einem Investor die Bauabwicklung dafür kompakter und effizienter gestaltet werden«, sagt Katrin Habenschaden.

Die zwischenzeitlich wieder aufgeflammte hitzige Diskussion, in welchem Umfang die Gasteig-Sanierung erfolgen soll und ob man sich angesichts der Finanzmisere der Stadt nicht vielleicht doch »nur« mit einer Akustik-Verbesserung in einem neuen Saal für die Philharmoniker zufriedengeben sollte, ist damit wieder vom Tisch. »Der Gasteig besteht nicht nur aus der Philharmonie, sondern ist zugleich die Heimat von Volkshochschule, Stadtbibliothek sowie Hochschule für Musik und Theater. Ich habe immer die große Lösung favorisiert, da von dieser alle Nutzerinnen und Nutzer des Gasteig profitieren werden, nicht nur die Konzertgänger«, sagt Katrin Habenschaden. »Jetzt muss die Ausschreibung zeigen, welcher Investor für das Projektbudget am meisten bieten wird. Für 450 Millionen Euro sollte doch mehr möglich sein als lediglich ein sanierter Konzertsaal.« Und auch Bedenken, ob nicht doch noch mal die Architektenpläne abgespeckt werden sollten, sind für sie durch das Investorenmodell vom Tisch. »Der Entwurf des Architekturbüros Henn ist spektakulär, ich hoffe sehr, dass er ohne größere Abstriche umgesetzt wird«, sagt Habenschaden. »Was möglich ist, hängt vom Ergebnis der Ausschreibung ab.«

In diesem Punkt stimmt auch der politische Gegner von der CSU zu. »Die aktuelle Planung ist die Generalsanierung und nichts anderes. Wenn bei einzelnen Posten wie etwa der charaktergebenden gläsernen Kulturbrücke jetzt gespart würde, wäre das das falsche Signal«, sagt Manuel Pretzel. »Weitere signifikante Kürzungen für die Gasteig-Mitnutzer lehnen wir ab«, meint er weiter. »Gerade in diesen schwierigen Zeiten, in denen wir spüren, wie sehr uns allen die Kultur fehlt, ist es nötig, den Gasteig als Heimat der Philharmoniker, der Bibliothek, der Hochschule für Musik und der VHS zu erhalten und ihnen eine Zukunftsperspektive für die nächsten Jahrzehnte zu bieten.«

Wie kurzfristig ein privater Geldgeber für den Gasteig gefunden werden kann, ist allerdings nicht abzusehen. Immerhin sagt Katrin Habenschaden: »Wir haben dank des Gasteig-Interimsquartiers in Sendling keinen Zeitdruck«, so die Kulturbürgermeisterin. »Dort werden Musikfreunde ab Ende des Jahres wieder in den Genuss von Konzerten auf höchstem Niveau kommen, falls Corona es zulässt.« Zumindest darf man sich darauf jetzt wirklich freuen. Wie Bauexperte Klaus Peter-Rupp bestätigt, liegen die Arbeiten im Interimsquartier »absolut im Zeitplan«, so der SPD-Stadtrat. »Seitens der beauftragten Firmen gibt es keinerlei Verzögerung.«

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Denkmalgeschützte Industriekultur und flexible Modularchitektur prägen den Gasteig Sendling © gmpInternational GmbH

Sendlinger Hoffnung

Ende Oktober soll es einige Isarkilometer aufwärts von der jetzigen Philharmonie, die eben keine »Isfie« sein möchte, mit ersten Konzerten weitergehen. Der Gasteig Sendling nimmt Gestalt an. Wenn Max Wagner dort aufsperren kann, hat der neue Konzertsaal, dessen massive Holzwände in eine Stahlkonstruktion eingehängt wurden, Platz für 1800 Besucher – so dann schon wieder Sitzordnungen »wie früher« möglich sein sollten. Nebenan in der künftigen Halle E, einer kathedralenartigen ehemaligen Trafohalle der Stadtwerke, wird sich das Foyer zum Konzertsaal befinden. Es soll ein offenes Haus werden, ein Ort der Begegnung für alle Nutzer, ob sie nun Bücher ausleihen, sich weiterbilden oder einfach nur beim Pausenbier austauschen wollen. Gasteig-Kultur, wie man sie kennt. Einen Schutzengel scheint es in Sendling also offenbar schon zu geben. ||

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