Wolfgang Nöth: Der tollste Gabelstapler aller Zeiten

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Wolfgang Nöth im Jahr 2001 | © Volker Derlath

In den alten Zeiten, als das Wünschen noch geholfen hat, lebte ein Gabelstapelfahrer, der die damalige Sperrstunde in München umging, indem er nahe der Stadt in einem Unterföhringer Gewerbegebiet einen alten Backstein-Bau zur Party- und Konzerthalle »Theaterfabrik« ausbaute. In den Achtzigern fanden daher einige die besten München-Gigs, wie die der Tubes, der Pixies oder der Einstürzenden Neubauten, außerorts statt. Dabei sollte es aber nicht bleiben. Ende der Achtziger zog der Stapler in die Stadt, eröffnete das »Nachtwerk« nahe der Donnersberger Brücke, in dessen angrenzendem Nachtwerk-Club eine geradezu unheimlich gute Stimmung auf einer Schlagerparty die feiernden Gäste jede Woche vergessen ließ, dass außerhalb des Clubs ein lausiger Montagabend wie ein Grauschleier über der Stadt lag. Während in diesem besseren Wohnzimmer auch spätere Stars wie PJ Harvey ihre ersten Konzerte in München gaben, wurden in der größeren Halle nebenan, dem eigentlichen Nachtwerk also, zum Beispiel der Auftritt von Nirvana gefeiert, die gerade mit dem Album »Nevermind« den Rock-Olymp enterten.

Der Gabelstapler entdeckte derweil im ehemaligen Flughafen München-Riem weitere Hallen für eine Konzert- und Party-Kultur, in der dann auch Münchens Techno-Club »Ultraschall« weit über Bayern hinaus strahlte. Weil das Gelände des alten Flughafens dann aber für das neue Messegelände gebraucht wurde, zogen Clubs, Hallen und der Chef auf das Gelände der Pfanni-Werke, wo er mit dem Kunstpark Ost laut einem Artikel in der Zeitung »Die Welt« »Europas größte Ausgehmeile« schuf. Doch der Kunstpark war mehrals eine Ansammlung von Konzerthallen und Diskotheken. Hier gab es auch Proberäume, Studios und Büros. Und immer wieder lockten Flohmärkte am Vormittag aufs Gelände. Fragte man den Gabelstapler aber, was denn die Kunst in diesem Kunstpark sei, antwortete dieser: »Dafür eine Genehmigung für die Stadt zu bekommen. Das ist die Kunst.«

Seine Kunst indes war es, als Visionär und Betreiber von Konzert- und Party-Räumen wie dem Zenith, dem Kesselhaus, dem Spiegelzelt oder der Georg-Elser-Hallen nie als Hochstapler in Erscheinung zu treten, sondern eben als jener Gabelstapelfahrer, der darum auf seinen Arealen oft mehr wie der Handwerker als der Betreiber aussah. Wolfgang Nöth hieß der Gabelstapler, den der frühere Oberbürgermeister Ude ob seiner Beharrlichkeit auch mal einen »Segen für die Stadt, aber eine Strapaze für die Verwaltung« nannte. Um Geld sei es ihm dabei nie gegangen, sagte Nöth, der 1943 in Franken geboren wurde, seine jüdischen Eltern als Kind verlor und als Waisenkind aufwuchs, mit 13 Jahren eine Ausbildung bei Neckermann machte,und wahrscheinlich so viele verschiedene Jobs wie Donald Duck hatte, bevor er zum Hallenmogul wurde, der die Kulturszene auch außerhalb Münchens prägen sollte. In einem Interview der »Süddeutschen Zeitung« betonte er: »Ich kann auch von einer Suppn aus der Kapuziner-Küche und ein paar Schachteln Zigaretten am Tag leben. Ich brauche bloß ein paar Gabelstapler.«

Damit ist ihm freilich nicht alles gelungen. Ein neuer Kunstpark neben der Allianz-Arena scheiterte angeblich an neuen europäischen Regeln. Sein Vorhaben, Sexarbeiterinnen Arbeitsplätze in Containern auf dem ebenfalls von ihm betriebenen Optimol-Gelände einzurichten, kollidierten mit dem Geschäftssinn der dort tätigen Clubbetreiber, die befürchteten, dass Eltern ihre Töchter dann nicht mehr dorthin gehen lassen würden. Solche Rückschläge konnten Nöth indes nicht stoppen. Konsequent hielt er weiter Ausschau nach neuen Spielstätten seines sehr weit gefassten Kulturbegriffs. Wobei es ihm eigentlich nur darum ging, den Raum zu schaffen, den dann andere kulturell füllen durften. Aufhören würde er damit erst, wenn er tot sei, hatte er mal gesagt. Am 10. Januar 2021 starb Nöth als 77-jähriger nach kurzer Krankheit. Doch seine Visionen von neuen Kulturräumen werden weiterleben. Errungenschaften in München wie der »Bahnwärter Thiel« oder »Gans am Wasser« belegen jetzt schon, wie sehr der unbeirrbare Stapelfahrer auch jüngere Visionäre inspirierte. ||

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