Mehr als der Grantler vom Dienst: Eine Biografie zeichnet die Karriere und die Figuren des bayerischen Schauspielers Karl Obermayr.

Karl Obermayr: Der große Darsteller kleiner Rollen

obermayr

Die Katastrophe vor dem Happy End: Der ohne sein »Spatzl« ganz heruntergekommene Monaco Franze hat seinem Freund Manni Kopfeck durch böse Schlamperei die Wohnung komplett ausgebrannt und verwüstet. Wie Manni apathisch mit einer Brezn dasitzt, lakonisch die Lage konstatiert und sich in furiose Wut, dann Verzweiflung wirft, das gehört zu den großen schauspielerischen Momenten in Karl Obermayrs Schaffen – zu denen in Helmut Dietls TV-Serie eigentlich jede Sekunde zählt, in der Obermayr die Lippen zusammenpresst, sich windet – »Ich kann doch so schlecht lügn, Franze« – oder den Monaco bewundert. 1985 ist Obermayr gestorben, aber immer noch präsent in den Herzen und Ohren des Publikums. Roland Ernst hat nun seine Biografie geschrieben.

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Der in den 1930er Jahren in Freising, in der Adolf-Hitler-Straße, vaterlos aufgewachsene Sohn eines Postschaffners arbeitete erst als Buchdrucker, auch um sich Schauspielunterricht zu finanzieren, den er – wie auch Mario Adorf – in München privat beim großen Peter Lühr nahm. Seit 1957 war Obermayr als Sprecher in Produktionen des Bayerischen Rundfunks beschäftigt, als Schauspieler startete er in den 60er Jahren mit unbedeutenden Rollen in bayerischen TV-Komödien und war, wie Ernst schreibt, »auf dem besten Weg, ob er wollte oder nicht, ein Volksschauspieler zu werden«. Aber so weit war es lange nicht, wenn man damit die Anfänge der jungen Therese Giehse vergleicht: Die galt Anfang der 1920er Jahre sofort als Volksschauspielerin, weil sie in Thoma-Rollen brillierte. Was ist ein Volksschauspieler? Wird das über das Lokalkolorit definiert, über die Rollen, die Stücke, die Genres, in denen jemand besetzt wird?

Oder durch die Liebe einer breiten, bodenständigen Bevölkerung? Im Theater, bei Film und Fernsehen stand Obermayr meist hinten auf der Besetzungsliste, in den vorderen Reihen die Großen: Michl Lang, Fritz Straßner, Karl Tischlinger, Beppo Brehm, Gustl Bayrhammer, Walter Sedlmayr, dazu der muntere Maxl Graf, der griabige Max Grießer und der stille Willy Harlander, der schlitzohrige Toni Berger sowie natürlich die grandiosen hinterkünftigen Ludwig Schmid-Wildy, Hans Stadtmüller, Willy Schultes. Und in den unzähligen Episoden der vielen Krimi- und Polizeiserien der 60er Jahre ist Obermayr nur in ganz wenigen mit dabei, in Minirollen besetzt: oft als Ordnungshüter, oft grantelnd, verschiedentlich eher skurril. Roland Ernsts Buch, eine nicht immer süffig geschriebene Hommage eines Enthusiasten an seinen Star, gibt kundige Einblicke in diese vergangene Medienwelt, folgt allen Rollen dieser verzögert in Gang gekommenen Karriere.

Einen großen Schritt voran machte Obermayr im Kontext der freien Theater in München, die sich der zeitgenössischen Dramatik widmeten. Nach der Uraufführung von Kroetz’ »Stallerhof« im Modernen Theater – mit Eva Mattes, Enzi Fuchs und Bruno Dallansky – holte ihn Ivan Nagel 1972 ans Deutsche Schauspielhaus Hamburg, seine erste Festanstellung. Daneben prägte er sich in Helmuth Dietls erster Serie »Münchner Geschichten« (1974) auch den Fernsehzuschauern ein: Therese Giehse spielte die im Lehel von der Gentrifizierung bedrohte Oma des Lebens(traum)-künstlers Tscharlie (Günther Maria Halmer), Obermayr den Gastwirt Erwin Hillermeier und – mit Film-Gattin Ruth Drexel – Vater von Tscharlies Verlobter Susi (Michaela May). Helden stehen im Konflikt mit der Weltordnung; Nebenfiguren repräsentieren, wenn sie nicht dem Helden assistieren, die bestehende Welt – oder deren Krise, wie es Obermayr oft meisterhaft demonstrierte: Als in Folge sieben die »Hundsbuam« als Cowboys den Fasching ins Leben hinein verlängern wollen, setzt Erwin sich am Stammtisch zwar auch den Cowboyhut auf, aber er winkt ab: »Na, i geh net aufn Fasching.« Er weiß, dass er dem Gefängnis des Alltags nicht entkommen kann: »Unseroans traut se gar nix.« Der skeptische Blick, die zusammengepressten Lippen, seine Lakonie, sein Schweigen, seine abgebrochenen Aufschwünge, sein Abwinken machten die Rollengestaltungen Obermayrs so einprägsam, so einzigartig.

Roland Ernst hat Stimmen von Weggefährt*innen und Kolleg*innen gesammelt, sein Buch ist aber weniger eine Lebensbeschreibung als vielmehr ein Werkverzeichnis, prägnant illustriert und mit Zeichnung vieler Details und Querverbindungen zu Kolleg*innen. Dabei kann man auch lernen, wie Rollenangebote und Überlebensnot im Schauspielerberuf sich kreuzen. Gerade bei einem so großartigen »Handwerker« der Menschendarstellung und Meister des Timings und der Nuance wie Obermayr, dem im TV meist die Schublade des Sonderlings, Querulanten oder des Polizisten vom Dienst zugedacht war: der Charakter des ewigen Grantlers.

Obermayr war 1976/77 bis 1979 Ensemblemitglied der Münchner Kammerspiele, seither dann am Residenztheater. Und weiter in vielen in München gedrehten TV-Serien aktiv, von »Der Alte« bis »Meister Eder und sein Pumuckl«. Die bunten 70er und 80er Jahre dieser Filme sind eine versunkene Welt, in der das Millionendorf noch Kriegswunden zeigte, es trotz Ölofen oder Zentralheizung auf dem Trottoir noch nach Kohlenkeller roch und der Monaco und der Manni anhand von Kleidung, Sprechweise und Habitus »ermitteln« konnten, in welchem Stadtviertel eine junge Dame wohnt und wo sie abends ausgeht. Heute ist diese Lebenswelt, wenn nicht im Bayerischen Fernsehen wiederholt, wieder auf DVD zu bestaunen. Leider nicht Kurt Wilhelms TVVerfilmung von Ludwig Thomas Roman »Der Ruepp« von 1979, Obermayrs erste Hauptrolle.

Auch im Kino war Obermayr präsent. In »Sternsteinhof« von Hans W. Geißendörfer und im letzten, verschollenen, Kinofilm von Wolfgang Staudte, »Zwischengleis«, zuletzt dann in Dietls »Kir Royal« – wieder, wie immer, als Nebendarsteller. Seine größte – wie stets fulminant gestaltete – Rolle war die des Versicherungsangestellten Winfried Deutelmoser in »Kehraus« von Hanns Christian Müller und Gerhard Polt (1983). In der TVSerie »Familie Meier« hatte er die Hauptrolle. Und in der Hörfunkserie »Die Grandauers und ihre Zeit« (1980) sprach er die beiden Hauptrollen, Vater und Sohn Grandauer. Das Münchner Historien-Panorama brach nach 28 Folgen mit dem Tod Karl Obermayrs ab. Er starb mit 54 Jahren an einem Hirntumor. ||

ROLAND ERNST: KARL OBERMAYR. EINE BIOGRAPHIE
Allitera Verlag, 2020 | 241 Seiten, illustriert
24,90 Euro

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