Am 29. Januar erscheint eine neue Platte von The Notwist – an sich ein popnationales Großereignis. Wenn nicht wieder alles durcheinandergewürfelt wird.

The Notwist: Die Laboranten

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Auf der Suche nach dem Pop auf unausgetretenen Pfaden: The Notwist | © Johannes Maria Haslinger

Es ist nicht leicht, als Band verstanden zu werden. Und noch schwieriger, sich zu erklären. Micha Acher sitzt auf dem großen roten Zoom-Sofa, ein Mikrofon in der Hand, und versucht bereitwillig, die eigene Arbeit in Worte zu fassen. Auf der anderen Seite des Möbels und durch den zeittypischen Seuchenkorridor von seinem Bruder auf Abstand gehalten, blickt Markus Acher mit Denkeraura in sich hinein und fügt sporadisch ein paar Sätze hinzu. Am Bildschirmrand tummelt sich Cico Beck, tendenziell ebenfalls wortkarg. Das Kernteam von The Notwist also, einer Runde alter Freunde, die sich normalerweise wenig Gedanken machen muss, was sie denn so genau spielt, weil es eh’ klar ist. Das ist das Grundgefühl nach mehr als drei Jahrzehnten Bandgeschichte, in denen sich die Weilheimer durch verschiedene Stillager bewegt haben, von herben indie-rockigen Anfängen über kammerpoppig Experimentelles bis hin zu einer Mischung elektronischer und improvisierender Klänge mit viel modernem Songwriting im Stammbaum.

»Wenn man etwas herausstellen will, das über die Jahre wichtig geblieben ist, dann die Konzentration auf Songs als Grundlage«, meint Micha Acher und ergänzt, dass sie auch dem Album als dramaturgischem Vehikel treu geblieben sind, um musikalische Geschichten zu erzählen. Darüber hinaus aber hat sich The Notwist immer mehr zu einem offenen Projekt entwickelt, das von den Beteiligten als fortgeschrittenes Poplabor verstanden wird. »Wir haben ja die vergangenen Jahre mit ganz verschiedenen Sachen verbracht. Da gibt es noch andere Bands im Umkreis, mit denen wir viel spielen, die Hochzeitskapelle zum Beispiel oder das Alien Ensemble. Wir haben ein Label gegründet, wo wir die eigene Musik und die von ein paar anderen Bands herausbringen. Oder wir haben die Möglichkeit bekommen, die Alien Disko zur veranstalten, wozu wir viele Musiker einladen konnten, die wir selbst gut finden.«

Tatsächlich hat sich diese Minifestival-Reihe, die die Münchner Kammerspiele bereits viermal unter ihrem Dach haben stattfinden lassen, zu einem Treffpunkt unkonventioneller Popmusik entwickelt, der wiederum andere heimische Kapellen und die Künstler selbst inspirierte. Das Netzwerk als Ausgangspunkt und das Kollektiv als Arbeitsform haben auf diese Weise frühere Identitäten abgelöst, die sich noch auf den traditionellen Starkult des Analogzeitalters bezogen. The Notwist öffneten die eigenen Grenzen und luden für ihr Album Künstler*innen wie den amerikanischen Multiinstrumentalisten Ben LaMar Gay oder die argentinische Sängerin Juana Molina zur Mitwirkung ein, die ihrerseits alle Freiheiten im Umgang mit dem Material hatten: »Wir haben ihnen Songfiles geschickt, ohne irgendwelche Vorgaben, und dann gewartet, was sie daraus machen. Und die Resultate waren ganz unterschiedlich, von einzelnen Melodien bis hin zur Umarbeitung.« Am Ende kam »Vertigo Days« dabei heraus, ein Gesamtspannungsbogen aus 14 Einzelteilen, der improvisierende Elemente etwa der Klarinettistin Angel Bat Dawid oder Gesangspassagen von Saya von den japanischen Tenniscoats ebenso enthält wie die lakonisch lässigen Post-Indie-Stimmungen, die die Achers und ihr Team kultivieren. Es ist ein paradoxes Manifest gelungener popmusikalischer Absichtslosigkeit, was wiederum das Bedürfnis verständlich macht, die Geschichten dahinter erklären zu wollen.

Es heißt aber nicht, dass sich mit dem vierten angebrochenen Bandjahrzehnt die Idee der künstlerischen Arbeit an sich überflüssig gemacht hätte. Sie ist im Gegenteil auch durch das irrwitzige Jahr 2020 eher noch konkreter geworden. »Wichtiger als zu schauen, was im Internet alles gehen könnte, war es uns in den vergangen Wochen, den Menschen etwas zu geben«, erzählt Markus Acher. »Wir haben viel gespielt, sind auf Wägen durch München gefahren oder haben auf Hausdächern Konzerte gegeben, damit die Leute Livemusik bekommen konnten.« Die Absichtslosigkeit bezieht sich daher vor allem auf Vorgaben, eine bestimmte Klangvorstellung oder Idee verkörpern zu müssen. Sie betrifft aber nicht die Band an sich und ihr Bedürfnis, Musik unter die Leute zu bringen. Und daher erscheint im Januar »Vertigo Days« als stilbuntes Konzentrat aus dem Poplabor des Notwist-Kollektivs. Es geht weiter, auf vielen Spielwiesen. ||

THE NOTWIST: VERTIGO DAYS
Morr Music (Morr 180) | CD/2 LPs/Digital

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