Anmerkungen zu einer Musik der Stunde: AnnenMayKantereit und ihr Album »12«.

AnnenMayKantereit: Ich seh’ die Möwen. Aber wo ist das Meer?

annenmaykantereit

Die Welt, so seltsam – finden AnnenMayKantereit | © Martin Lamberty

Vor knapp 40 Jahren saß man im selbst gewählten Lockdown in einem holzverschalten Kellerzimmer und hörte Ludwig Hirschs »Dunkelgraue Lieder«. Man versank in einer Stimmung, die so war wie die Musik: permanent unglücklich in die Welt verliebt, spitzfindig, nicht daheim in der eigenen Haut und gefangen in Systemzwängen, von der Schule bis zu den Eltern. Fluchtaussichten waren im Süden oder gleich im Nirwana angesiedelt. Der Lockdown heute ist anders: Er betrifft alle, und er ist nicht selbst gewählt. Den Menschen, die heute um die 20 sind, stand, seit sie denken konnten, die Welt offen. Jetzt hocken sie zu Hause, schlurfen durch die Wohnung, daddeln sich an Bildschirmen durch Tag und Nacht, studieren vom Bett aus und hören dazu eine Musik, die manchmal auch die alten Mitbewohner zum Staunen bringt.

Wie das neue Album von AnnenMayKantereit: »12« entstand als Provisorium während des ersten Lockdowns im Frühjahr. Im September setzten sich Christopher Annen, Henning May und Severin Kantereit vor eine graue Wand und wurden dabei gefilmt, wie sie ihr Album anhören. Wenn man Henning May erlebt, staunt man immer wieder, wo dieser spindelige Jüngling seine Stimme hernimmt. Hat er irgendeinen geheimen Resonanzkasten unter seinem T-Shirt versteckt? Während man im Frühjahr noch mit »Ich glaub ich geh heut nicht mehr tanzen« trotzig den Innenhof beschallte und das lustig fand, klingt das aktuelle Update ganz anders. Die drei treffen mit ihren 16 Tracks eine Grundstimmung, die viel dunkelgrauer ist als das, was man selbst einst dafür hielt. Henning May reiht Textfragmente aneinander, die wie in einem Kaleidoskop hin- und herfallen und dabei einen oder mehrere Sinne ergeben. Erschöpft, traurig ohne Eitelkeit (viel zu anstrengend) oder altkluge Attitüde, benennt er, wie sich diese Zeit anfühlt:

So wie’s war, so wird es nie wieder sein. Alles was wir haben, kommt irgendwo aus der Vergangenheit. Um das zu kriegen, was wir alles haben, braucht es so viel Zeit. Der Traum ist immer nur geliehen.

Meine 20-jährige Tochter sagt: »Du hast wenigstens eine Vergangenheit, der du hinterherheulen kannst. Ich hab noch keine, und ich hab keine Gegenwart. Und wo ist die Zukunft?«

Dass viele Menschen miteinander singen, war eine Selbstverständlichkeit. Auf der Menschenuhr schlägt eine neue Zeit: 12. Die Kneipen schließen, die Kinos auch, und im Schauspielhaus ist Requisitenausverkauf. Die Gelder fließen, die Tränen auch. Woher sie plötzlich kommen, weiß niemand so genau.

Das nennt sich dann bei AMK »Gegenwartsbewältigung«, die Tage werden länger mit jedem Moment, der vergeht.

Mein Zimmer wird enger, und ich weiß nicht wie es weitergeht. Ich hab keine Hoffnung zu verkaufen.

Nur Gegenwartsbewältigung. Meine 17-jährige Tochter sagt: »Diese Musik hat eindeutig keine Metaebene.« Da hat sie Recht. Keine Saison für Metaebenen. Wozu auch?

Wie schnell kann man leben? Ich kann nicht in die Zukunft schauen, nur in die Vergangenheit. So wie es war, so wird es nie wieder sein. Oder bild ich mir das ein? Fühlt sich an, als könnte morgen alles anders sein. Ich gehe manchmal spazieren von der Küche in den Flur, und ich treff mich manchmal mit Freunden im Chatverlauf. Es ist o.k.

Das ist o.k., zur Not auch im Salsarhythmus, und dann wenigstens im Spätsommerregen.

Ich seh’ die Möwen, aber wo ist das Meer? Aber der Horizont ist leer. So lange ich nicht weiß, wie es weitergeht, kann ich die Segel nicht setzen.

Ein bisschen Hoffnung ist dann doch in Sicht für die Generation Zoom, für die jungen Leute, die sich alle nur online kennenlernen können, und das ist auch irgendwie zauberhaft komisch: Martin ist aufgeregt wegen Gesi, weil sie sich zum ersten Mal treffen wollen zum Radlertrinken. Und Andi hat die Regisseurin Mascha noch nie in echt gesehen, und beide freuen sich so sehr auf das erste Date, lieber spät als nie.

Phrasen, Versprechen, Parolen, so laut so leer: ich will mehr, ich will mehr, ich will mehr. Die Wut kommt in Schüben. Das ist Schmerz, der vergeht. Magst du die Gedanken, daran, wie es war, an diesem einen Abend, vor so vielen Jahren? Hast du die Menge vermisst? Weißt du noch wie es ist, wenn 1000 Stimmen singen und die Funken überspringen? Du warst geborgen und dir war angenehm kühl – das ist das ozeanische Gefühl.

Wenn man Fotos braucht, um sich zu erinnern: das ist Melancholie. AnnenMayKantereit kondensieren die Stimmung eines Dreivierteljahrs und machen daraus einen akustischen Nouvelle-Vague-Film. Das machen sie so gut, dass man die Sehnsuchtsmetapher nicht mehr los wird:

Ich seh’ die Möwen. Aber wo ist das Meer? ||

ANNENMAYKANTEREIT: 12
Irrsinn/Universal | CD/LP/Digital

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