Wer sich immer noch nicht in die Welt der Podcasts eingehört hat, sollte die kalte Jahreszeit dafür nutzen. Hier drei Tipps von unserer Seite.

Podcasts für den Winter

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Geschichten aus der Geschichte

Haben Sie schon von den New Yorker Strohhut-Ausschreitungen aus dem Jahr 1922 gehört? Oder vom Emu-Krieg, der in Westaustralien 1932 ausgefochten wurde? Wahrscheinlich nicht, und das kann man auch niemandem vorwerfen. In der Fülle der Historie geht schließlich einiges unter. Zum Glück gibt es da die Historiker Daniel Meßner und Richard Hemmer, die mit ihrem Podcast »Geschichten aus der Geschichte« (vormals »Zeitsprung«) einen tieferen Einblick in das Vergangene geben. Das Ganze ist zum Glück so konzipiert, dass die Zeitreisen nicht in unentwirrbare Insider-Debatten abgleiten. Der eine weiß vorher selbst nie, was ihm der andere gleich auftischt. Also nicht nur für das Publikum eine spannende Angelegenheit. Dabei bleibt alles nachvollziehbar, ohne die zahlreichen Verbindungen und Querverweise außer Acht zu lassen. So erfährt man von Adam Worth, dem »Napoleon des Verbrechens«, einem Prozess gegen einen toten Papst, dem wahren Kern des Rattenfängers von Hameln und der »Kotze-Affäre« von 1891. Schwierig ist jetzt nur, wo man bei über 270 Episoden anfangen soll. Aber die Reise lohnt sich, schließlich hat man am Ende nicht nur sein Wissen erweitert, sondern kann auch – wie es Meßner und Hemmer selbst gern betonen – interessante Storys auf Partys zum Besten geben. || Reinhören
MATTHIAS PFEIFFER

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C.H. Beck

Freigeistern!

Vielleicht liegt es daran, dass Kinder- und Jugendliteratur so viel direkter und radikaler die grundlegenden Fragen stellt: Wer bin ich? Wie will ich leben? Wie will ich sein? Wie soll man klarkommen in dieser Welt? Fakt ist, »freigeistern!«, der Podcast von Christine Knödler, ist auch für Hörer eine kurzweilige Bereicherung, die dieses Buchgenre gar nicht weiter interessiert, wohl aber der Einfluss von Büchern auf unser Leben und unsere Werte und die Frage, was denn geworden ist aus dem eigenen Leben, aus den Hoffnungen und Erwartungen. Die Gesprächspartner sind Menschen, die für Kinder und Jugendliche schreiben und malen. Und wenn sie alle in diesem Podcast danach gefragt werden, welche Bücher sie in ihrer Jugend geliebt hätten, so wirkt diese Frage wie eine Zeitmaschine, die die Gesprächspartnerinnen in die Kindheit zurückkatapultiert. Und da sind sie wieder, die Fragen, die weit über den Alltag hinausreichen und ihn doch bestimmen. So entstehen Gespräche etwa über Religion mit der Pfarrerstochter Wiebke Puls (die in der zehnten Folge die Rubrik »Vorlesen« eröffnet). Über das Zuhören mit Martin Schäuble, der davon erzählt, wie er für sein Buch recherchiert hat, das im rechtsextremen Milieu angesiedelt ist. Sandra Hüller ist hier Gast, ebenso wie Andreas Steinhöfel, der über die Rolle von Kindern in unserer Gesellschaft reflektiert. Und wie viel und wie Vielschichtiges Cornelia Funke tut, die sagt »Ich muss das Bestürzende ansehen und ich muss was dagegen tun« – auch das erfährt man in dieser erstaunlichen, entdeckenswerten Podcast-Reihe. || Reinhören
GISELA FICHTL

Dissens

»Kritisieren was ist, heißt sagen, was geändert werden muss.« Unter diesem Motto veröffentlicht der Journalist Lukas Ondreka wöchentlich eine neue Folge seines Interview-Podcasts »Dissens«. Das Herz des Podcasts schlägt links und aus dieser Perspektive werden Politik, Gesellschaft und Kapitalismus unter die Lupe genommen. Für die Hörerinnen und Hörer des Podcasts bedeutet dies Woche für Woche eine neue Dosis an Denkanstößen, die sich in den Gesprächen zwischen Ondreka und den geladenen Autorinnen, Forschern, Aktivistinnen und Politikern
entspinnen. Das sind beispielsweise Gespräche über Rassismus und Polizeigewalt (mit Tahir Della von der Initiative Schwarze Menschen), über Corona-Leugner und Verschwörungsideologen (mit der Vorsitzenden der Amadeu Antonio Stiftung Annetta Kahane), über Armut und toxische Männlichkeit (mit Journalist und Autor Christian Baron) oder über die Klimakrise und zivilen Ungehorsam (mit Sina Reisch vom Bündnis Ende Gelände). Bereits dieser kleine Ausschnitt aus den mittlerweile mehr als hundert Folgen zeigt, wie vielfältig die Themen und Gesprächspartner doch sind. Und nicht nur das zeichnet »Dissens« aus: Es ist das Gesprächsformat, das den Podcast trotz komplexer und manchmal schwerer Themen zugänglich macht. Ein Format, das auch davon lebt, dass Ondreka und seine Gäste fundiertes Wissen vermitteln – informieren und aufklären, anstatt Meinungen ins Netz zu dröhnen. Das ist ebenso wohltuend wie die Botschaft, die man sich als geschweifte Klammer über dem Podcast vorstellen kann: Ja, vieles in der Welt läuft schlecht, aber es ist möglich, etwas zu tun, das alle Menschen einem guten Leben näherbringt. Das ermutigt zum Nachdenken und vielleicht sogar zum Handeln – ein Wort wie »alternativlos« hat auf Dissens jedenfalls nichts zu suchen. || Reinhören
CHRISTIANE BERNHARDT

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