Wiebke Puls lässt das Ensemble der Kammerspiele in Podcasts zu Wort kommen

Wiebke Puls: Wir sind die Neuen

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Wiebke Puls hält Ausschau nach ihren Kolleg*innen © Paul Hutchinson

Auf der Homepage der Kammerspiele erscheint unter dem Menüpunkt »Menschen« eine lange Namensliste. Weil der Intendanzstart von Barbara Mundel und ihrem Team durch den zweiten Theater-Lockdown ausgebremst wurde, sind viele der Namen noch ohne Bild, ohne Erinnerung. Man kennt sich noch nicht. Das geht auch den Ensemblemitgliedern so, von denen viele neu am Theater sind. Klar, sie haben sich in ZoomKonferenzen und auch mal auf dem Gang gesehen. Aber kennen? Davon kann noch nicht die Rede sein. »Die meisten sind für mich noch wirklich unbekannte Leute«, erzählt die Schauspielerin Wiebke Puls. Und so kam ihr der Gedanke, die Zeit zu nutzen, um ihre Kolleg*innen besser kennenzulernen und sie dem Publikum vorzustellen, was bisher aufgrund der Corona-Einschränkungen einfach nicht möglich war. »Wir hatten wenig Gelegenheit, uns anderen und auch uns selbst zu präsentieren«, sagt sie. Also startete sie einen Ensemble-Podcast, für jeden und jede eine eigene Folge, eine Art gelenktes Selbstporträt. Nun führt sie täglich zwei Gespräche, den Rest des Tages verbringt sie im Tonstudio beim Schneiden. Eine Aufgabe, die sie erfüllt. Puls hat sich einen Kanon an Fragen überlegt, die sie verteilt. Dann setzt sie sich mit ihrem Gegenüber zusammen, getrennt durch eine Glasscheibe. Manchmal stellt sie die Fragen noch mal, manchmal lauscht sie dem Monolog, den der oder die andere daraus gesponnen hat. Jeden Tag erscheint nun eine Folge auf der Homepage des Theaters.

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Man kann sich durch die Folgen klicken und das Ensemble kennenlernen. Zumindest in der Selbstdarstellung. »Das ist schon eine ziemliche Bandbreite an Charakteren«, so Puls. »Die reagieren grundverschieden auf diese Aufgabe, was ich spannend finde. Manche Kolleg*innen haben es gerne, wenn ich mit ihnen spreche. Andere reden einfach eine Stunde drauflos.« Am Ende aber schneidet Puls sich selbst immer raus: »Ich wollte, dass jede Folge wirklich nur der porträtierten Person gehört. Ich stelle es mir unerträglich vor, 30 Folgen zu hören, in denen man immer mich dieselben Fragen stellen hört.«

Aber natürlich hat sie auch eine eigene Folge. Die aufzunehmen, war allerdings schon etwas speziell. Denn anders als die anderen hatte sie kein Gegenüber. Und: Sie hatte bei der Aufnahme bereits zwei Wochen lang zugehört, wie andere antworten. »Natürlich beeindruckt es einen, was die erzählen«, sagt sie. »Und wie ich mich selbst darstellen will, ist ja immer ein bisschen knifflig.« Als Zuhörerin kommt man den zugrundeliegenden Fragen, die man nicht hört, allmählich auf die Spur, liest sie aus den Antworten, so verschieden sie auch sind. »Es sind ungefähr 15 Fragen«, so Puls. »Erinnere dich an den Moment, in dem du Schauspieler*in werden wolltest, ist eine davon. Hast du dich schon mal geschämt im Theater? Welche Rolle wolltest du immer spielen? Beschreibe einen Glücksmoment in deinem Arbeitsleben. Was möchtest du nicht mehr erleben? Und am Ende: Welche Frage hat gefehlt?« Die ersten Folgen gingen tatsächlich chronologisch nach Aufnahmedatum online. Nun denkt Puls dramaturgisch: Wer könnte auf wen gut folgen? Wo gibt es Kontraste? Wiebke Puls lässt sich gerne beeindrucken von den Menschen, mit denen sie in den nächsten Jahren zusammenarbeiten wird. Von Julia Gräfner zum Beispiel. »Was die erzählt, das war so lustig. Manchmal habe ich mich schon gefragt, war das wirklich so oder ist das eine Erfindung? Aber in jedem Fall erzählt es viel über sie.«

Dass der Titel des Podcasts, »AmA ohne Maske«, durchaus erst mal Rätsel aufgibt, findet Wiebke Puls ganz schön, dieses Rumüberlegen. Heißt das nun »Auftritt mit Abstand ohne Maske« oder gar »Am Arsch ohne Maske«? Beides falsch. Die Lösung heißt: »Alles mit Allem ohne Maske«. Die »AmA«, das ist eine der ersten Durchlaufproben im Theater, ein früher Versuch, alles zu fassen. Nur eben noch ungeschminkt. Und so passt der Titel gut zu diesem Projekt, das sich zum Ziel gesetzt hat, das Ensemble zu porträtieren, jede und jeden einzeln, und das möglichst unverstellt. ||

AMA OHNE MASKE

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