Das Architekturmuseum der TU München widmet sich in der Pinakothek der Moderne erstmals der Rolle des Computers in der Architektur.

Architektur: Die digitale Revolution des Bauens

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Das Konzept für einen Urban Beach aus Holz gewann den Preis beim Young Architects Project des MoMa P1 – SHoP Architects »Dunescape« | 2000 | © SHoP Architects

Fragen ist immer gut, dachten sich wohl die Kuratoren der neuen Ausstellung des Münchner Architekturmuseums in der Pinakothekbder Moderne. Und so wollten sie wissen: »Hat der Computer die Architektur verändert und wenn ja, wie?« Der erste Teil der Frage ist rein rhetorisch zu begreifen. Welches technische Hilfsmittel hat denn nicht die Architektur verändert? Bleistift, Lineal, Zeichenmaschine hatten allesamt Auswirkungen auf die Gestalt von Bauten. Jedes technische Novum beeinflusst Entwurfs- und Produktionsprozesse, ganz egal, ob es sich um Fahrräder, Kraftwerke oder Plastikspielzeug handelt.

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Bleibt die Frage nach dem »wie«. Und da wird es richtig schwierig. Schaut man sich etwa neuere Münchner Siedlungen an, so sind sie im Falle von Arnulf- oder Domagkpark ästhetisch betrachtet nicht restlos überzeugend, diplomatisch formuliert. Die neue Holzbau-Musterstadt auf dem Gelände der ehemaligen Prinz-Eugen-Kaserne in Bogenhausen wirkt nun jedoch auch gestalterisch vielversprechend. Aber ist dafür der Computer verantwortlich? Die Qualität der Architektenausbildung? Oder ist das vielleicht gar nicht so richtig wichtig? Wer weiß. Jedenfalls hat das Team um Kuratorin Teresa Fankhäne sich intensiv mit Grundlagenarbeit beschäftigt, geforscht, gesammelt – und daraus eine ansprechende, wenn auch ganz schön anspruchsvoll-anstrengende Schau gezaubert. Begleitet wird sie von einem ebenso schönen wie informativen Katalog.

Etwa 40 interessante Fallstudien – in vier Kapitel und in eine fabrikartige, technoide und transluzente Zellen-Architektur verpackt – demonstrieren die Veränderung der Rolle des Computers über einen Zeitraum von etwa 60 Jahren, von den Sixties bis heute. Das sind ausnahmslos interessante Objekte, Projekte, Ideen. Die Kapitel-Titel sind vielleicht gar nicht so wichtig: der Computer als Zeichenmaschine, als Designwerkzeug, als Medium des Geschichtenerzählens, als interaktive Plattform.

Ein Wassertropfen, per Computer simuliert: Der BMW-Messepavillon war eines der ersten durchgängig digital gefertigten Gebäude weltweit – Bernhard Franken: »BMW Bubble« | 1991–1999 | © Franken Architekten

Da gibt es Lustiges, wie zum Beispiel die Historie der live präsentierten Mäuse, die von der ungestalteten monströsen Tastapparatur der Frühzeit bis hin zur ergonomischen Maus oder zum skulpturalen Colani-Objekt reicht. Dann beamen an die Wand gepinnte Originalschachteln von Computerspielen den Besucher in seine Jugend mit »Sim City« zurück. Nachdenklich stimmt die irrwitzig aufwendig produzierte »Aspen Movie Map« von 1980: so etwas wie ein frühes Google Streetview. Mit Hilfe von Filmen, Fotografien, Vermessungen etc. wurde der legendäre Wintersportort in den Rocky Mountains in 3-D-Modelle übertragen. So konnte der Nutzer dann im Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston im Charles-Eames-Sessel sitzen und mit dem Joystick durch das Tausende von Kilometern entfernte Aspen navigieren.

Was Schönes für künstlerisch Interessierte gibt es auch zu sehen: betörende PlotterZeichnungen von Günter Günschel. Als der Rechner noch als bessere Zeichenmaschine benutzt wurde, entstanden seine heute vergessenen Kreationen. Günschel, der freie Experimente ohne vorgegebenes Raumprogramm startete, verglich sein Schaffen mit dem Malen an der Staffelei. Auch deshalb, weil der Bildaufbau am Monitor tatsächlich so lange dauerte, dass man in der Zwischenzeit das Werk auch mit dem Pinsel auf die Leinwand hätte zaubern können. Auch viele Bauten lernt man unter einem neuen Aspekt kennen. Etwa die Mannheimer Multihalle mit ihrem wohl immer noch weltgrößten Holzgitter-Schalendach. Bei der Planung wurde der Computer dazu benutzt, die an einem Hängemodell entwickelte Gestalt im 3-D-Modell zu überprüfen und die Schneelast zu berechnen.

Die Zeiten ändern sich. Inzwischen werden nicht nur Gebäude komplett am Rechner simuliert, die benötigten Materialien genauso berechnet wie der Bauprozess. Man kann mit Hilfe von Augmented Reality selbst in riesengroßen Häusern mit der VR-Brille vor den Augen virtuell herumspazieren, drin wohnen, sich ein realitätsnahes Bild verschaffen. Bevor auch nur die Baugrube ausgehoben wurde. Ohne Bauplatz geht’s aber auch: Denn die britischen Architekten You+Pea (Sandra Youkhana, Luke Pearson) haben mit dem »London Developers Toolkit« eine satirische App entwickelt. Damit wollen sie die Skyline der Londoner Superreichen thematisieren und persiflieren. Laien können mit Hilfe einer Totemstruktur und angeregt von dem in Kopfhörern laufenden Genesis-Song »In Too Deep« ganz einfach freche Hochhäuser kreieren, an deren oberem Ende auch schon mal ein Trump-Kopf plaziert wird. Dieses interaktive Computerspiel kann in der Ausstellung neben ein paar anderen gespielt werden. Desinfektionsmittel für Joystick, Kopfhörer und Hände stehen bereit. Man will ja nichts riskieren. ||

DIE ARCHITEKTURMASCHINE – DIE ROLLE DES COMPUTERS IN DER ARCHITEKTUR
Architekturmuseum in der Pinakothek der Moderne | Barer Straße 40 | bis 10. Januar
Di–So 10–18 Uhr, Do bis 20 Uhr | Künstlergespräche via Zoom, mittwochs 25. Nov., 9. Dez., 18–19 Uhr: https://tum-conf.zoom.us/j/99110943100, Log-in-Code: Pixel | Kuratorenführung: 3./19. Dez., 18.30 Uhr; 9. Jan., 16.30 Uhr | weitere Termine | Der Katalog (Birkhäuser Verlag) kostet 39,95 Euro

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