Gedanken zu Inklusion und Tanz an den neuen Münchner Kammerspielen – und zum Neu-Ensemblemitglied Erwin Aljukić.

Inklusion und Tanz: Mit und ohne Effekthascherei

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Joseph Gebrael und Erwin Aljukić in »Touch« von Falk Richter & Anouk van Dijk

Drei Wochen ist die Spielzeit alt, die Wegmarken sind gesetzt und es ist klar geworden: An den neuen Münchner Kammerspielen werden Diversität, Inklusion und Tanz großgeschrieben. Dass Barbara Mundel darin weiter zu gehen gewillt ist als ihr Vorgänger Matthias Lilienthal, demonstriert bereits die Eröffnung mit Falk Richters und Anouk van Dijks »Touch«, wobei ich mit Bedacht »demonstriert« schreibe, denn zumindest der Tanz ist in der thematisch überfrachteten Uraufführung wenig mehr als dekoratives Beiwerk: Ein Hingucker, der den Abend rhythmisiert, ihm Dampf unterm Hintern macht und die behaupteten Gefühle der Performer ins Sichtbare verlängert; ein Einsamkeits- und Sehnsuchts-Bebilderungsmittel, das gegen Ende, wo Richters Text nichts, aber auch gar nichts mehr verschweigt, immer unwichtiger wird. Für eine mehr als zwanzigjährige Zusammenarbeit zwischen Autor/Regisseur und Choreografin ist das eher wenig.

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»Habitat / München (pandemic version)« von Doris Uhlich

Drei Gruppen von Tänzern lassen sich in »Touch« unterscheiden: 1. der internationale Profi-Cast, 2. die mittanzenden Schauspieler, unter denen der Toshiki Okada- und Trajal Harrell-geschulte Thomas Hauser der aktivste ist – und 3. Erwin Aljukić: Wie das Neu-Ensemblemitglied seinen Rollstuhl an die Rampe manövriert, fast herausfordernd die Blicke der Zuschauer konfrontiert und ruckartig sein Shirt lüpft, um Bauch und Hüfte zu entblößen, sieht man ihm gleich das hungrige Bühnentier an, das der Ex-»Marienhof«-Darsteller während der letzten zwei Spielzeiten am Staatstheater Darmstadt in den Extremgangarten geschult hat. In »Touch« schwebt der mit der Glasknochenkrankheit geborene Schauspieler und Tänzer nur in Unterhose zwischen zwei Hünen in durchsichtigen Raumanzügen in der Luft, wo sein Körper gedehnt und später von ihnen getragen wird.

Ein schönes Bild, in dem es nicht um Behinderung geht, aber im Kontrast schon die Zartheit dieses Körpers betont wird. Und wie Aljukić selbst im »Capriccio«-TV-Beitrag zum Mundel-Einstand gesagt hat: »Es ist ein ganz schmaler Grat zwischen Etwas-sichtbar-Machen und Effekthascherei.« Wie »Touch« auf diesem Grat balanciert, verrät viel über Falk Richter. Mehr über Erwin Aljukic verrät sein Auftritt in Doris Uhlichs »Habitat/München«, der lokalen »pandemic version« einer seit 2017 variierten Performance über die Behausung des Menschen, die vergangenen Herbst 120 Nackte im Wiener Museumsquartier mobilisierte. In der Therese-Giehse-Halle (ehedem Kammer 2) sind nur etwa ein Dutzend von ihnen verteilt. Und um auf einem Haufen liegen zu können, ziehen sie sich später transparente Körpertanks über, in denen sie aussehen wie eingeschweißte Putenschnitzel.

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»Habitat / München (pandemic version)« von Doris Uhlich || © Sigrid Reinichs

Das ist auch ziemlich nah dran an der einen Hälfte von dem, worum es Uhlich geht: um das Fleisch, das wabert und wogt. Aber auch um die Lust daran, etwas an sich zu finden, das sich zum Wogen- und Wabbeln-Lassen eignet – und sich dabei zu spüren. Uhlichs Anti-Body-Shaming-Kampagne, die sie seit Jahren in ihren Performances und »Fetttanz«-Workshops vorantreibt, erreicht in Massenveranstaltungen wie in Wien eine Nivellierung der Unterschiede, die in intimeren Konstellationen gerade ins Auge fallen. Die Auswahl der Münchner Körper wirkt in dieser Hinsicht fast etwas beflissen. Hellere, dunklere, straffere und laffere, dicke, dünne und in diversester Weise aus der Norm fallende Körper bewegen sich zunehmend eruptiver, hibbeln und flatschen sich auf den Boden oder gegen Wände und Türstöcke. Bei Uhlich, die in »Ravemachine« und »Every Body Electric« auch schon Mittänzer mit Krücken und Prothesen dabei hatte, geht jeder von ihnen nur dahin, wo für ihn die Grenze ist. Und wie Erwin Aljukić seine definiert, ist atemberaubend. Wie er sich immer wieder von seinem Rolli schmeißt, über den Boden robbt und seinen nicht nur zerbrechlich wirkenden Körper auf ihn drischt, zucken und vibrieren lässt, tut beim Zuschauen weh und konfrontiert uns mit unserer limitierten Definition von Stärke, Schwäche und Schönheit. Und das ganz ohne Effekthascherei. Das könnte, das
sollte Schule machen. ||

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