»Bridge Sprout« ist Architekturpoesie: Das japanische Atelier Bow-Wow schlägt eine halbe Brücke über die Isar.

»Bridge Sprout«: Mikado-Illusion

bridge sprout

Jägerzaun, Dachstuhl, Legespiel: Der Phantasie sind angesichts der Brückensprossen keine Grenzen gesetzt | © Christoph Knoch

Welche Funktion hat eine Brücke, die bereits wenige Meter nach dem Auflager zu Ende ist? Gar keine, denn diese Brücke ist Kunst. Sie erinnert an einen Regenbogen, der eine imaginäre Verbindung schafft, flüchtig, zauberhaft, um beim nächsten Lichtwechsel wieder zu verschwinden. »Bridge Sprout« nennen die Schöpfer von Atelier Bow-Wow ihr Werk, was soviel bedeutet wie »Brückenspross«. Wie der Astansatz eines Bambushalms soll sie in Gedanken immer weiterwachsen, bis sie das andere Ufer erreicht – oder eben auch nicht. Die Brücke über die Isar führt nur in Gedanken bis zum gegenüberliegenden Ufer auf der Schwindinsel. Die japanischen Architekten entwerfen ein sinnliches Bild potentieller Möglichkeitsräume, das wir Münchner ernst nehmen sollten: Die Aussichtskanzel über dem Fluss, dem unsere Stadt seine Existenz verdankt, fragt nach neuen Formen der reflektierenden Kontemplation im öffentlichen Raum. »Unser Beitrag ist der Beginn von etwas Neuem, ein Ausgangspunkt, um über die Zukunft nachzudenken«, sagt Yoshiharu Tsukamoto über sein Projekt. »Räume für Großveranstaltungen gibt es genug in München. Wir wollen keine Party-Location, sondern einen Ort des Nachdenkens zwischen der Stadt und der Natur erschaffen, einen Ruhepunkt über dem Wasser, das unten durchfließt und mit Blick hinüber zum Biotop der Schwindinsel, die wie ein naturbelassener Sehnsuchtsort nicht von Bauwerken berührt werden darf.«

Carte Blanche für die interkulturelle Annäherung

Die »Bridge Sprout« ist das Pilotprojekt der neuen Programmreihe für die Kunst im öffentlichen Raum des Kulturreferats der Landeshauptstadt München. Die ausgewählten Künstler erhalten eine Carte Blanche, können also Ort und Thema ihrer Intervention selbst bestimmen. Einzige Einschränkungen sind der auf 250.000 Euro gedeckelte finanzielle Rahmen und natürlich die gängigen baulichen Vorschriften. Die Stadt München investiert jährlich 1,5 Prozent, also 600.000 Euro, ihres kommunalen Bauvolumens in Kunst. Der Stadtrat hat sich entschieden, die Hälfte davon für temporäre Kunst im öffentlichen Raum zu vergeben. Die andere Hälfte fließt in »Kunst am Bau«-Projekte und wird vom städtischen Baureferat betreut.

Die Gründungspartner des international renommierten Architekturbüros Atelier Bow-Wow sind bestens mit der Landeshauptstadt vertraut. Gemeinsam mit dem Münchner Architekten Hannes Rössler haben sie das Studentenheim »Reserl« an der Brudermühlstraße gebaut, das 2017 eröffnet wurde. Nachdem Yoshiharu Tsukamoto und seine Partnerin Momoyo Kaijima den Zuschlag für die Carte Blanche erhalten hatten, suchten sie auf einer Rundtour durch die Stadt nach dem passenden Standort und entschieden sich für die Schwindinsel, den nördlichen abgelegenen Zipfel der Sprache. Materieller Ausgangspunkt sind die runden Baumstämme, die für einfache Brücken im Alpenraum, aber auch für die Isarflöße zusammengeklammert werden und nach vollendeter Fahrt wieder einfach voneinander gelöst werden können. Insgesamt 16 Monate, bis Ende 2021, wird der ephemere Brückenbau stehen, dann wird auch das Holzbauwerk wieder in seine Bestandteile zerlegt und die Rundhölzer können an anderer Stelle oder für andere Zwecke wiederverwendet werden. Deshalb sind die Stämme der Bridge Sprout nicht über kunstvoll verschränkte japanische Holzverbindungen ineinander verzahnt, sondern scheinen wie Mikadostäbe aneinander vorbei zu laufen. Das verleiht dem Brückenkopf trotz der massiven Holzquerschnitte eine optisch vage Balance, ähnlich den sich kreuzenden Strichen einer Skizze.

Rätselhafte Statik

Wie das Bauwerk überhaupt zusammenhält, erschließt sich auf den ersten Blick nicht. Es wirkt wie die künstlerische Gegenthese zum 80 Meter langen Kabelsteg aus dem Jahr 1898, der nur wenige hundert Meter flussaufwärts die Praterinsel mit dem Ostufer der Isar verbindet, mit seinen zwei eleganten Schwüngen den statischen Kräfteverlauf abbildet und gleichzeitig als Paradebeispiel für den frühen Einsatz von Eisenbeton in den Formen des Jugendstils gilt. Das für die Realisierung der Holzbrücke erforderliche technische und logistische Know-how bleibt dagegen verborgen. »Ohne die unbürokratische Unterstützung durch die Lokalbaukommission und die innovative Detaillierung der Tragwerksplaner und der Holzbaufirma wäre der Bau in dieser kurzen Zeit nicht mögliche gewesen«, erklärt Architekt Hannes Rössler, der für die Ausführung verantwortlich zeichnet. »Man kann sich gar nicht vorstellen, wie viele Vorschriften bei einem so kleinen Bauwerk eingehalten werden müssen, das rund um die Uhr für die Öffentlichkeit zugänglich ist und dann noch mit einer Konstruktion über einem metertiefen Abgrund auskragt, die es bisher noch nicht gab.« Die massiven Auflager auf der Kaimauer, die die Auskragung am Abkippen hindern, sind unter der Zugangsrampe verborgen, und auch die Schlitzbleche aus Stahl, die die Holzbalken an den Knoten zusammenhalten, bleiben fast unsichtbar.

Mehr als eine Aussichtsplattform?

Aufgrund finanzieller und technischer Zwänge bleibt die Realisierung dennoch hinter dem ganz kühnen Wurf einer konsequenten Realisierung der Idee zurück. Noch weiter könnte die Brücke auskragen, das Spiel der Balance ausreizen. Laut Yoshiharu Tsukamoto sollte die Konstruktion während der 16 Monate immer weiter wachsen. Schließlich bleibt die Frage, ob der Ausguck von Atelier Bow-Wow über die Isar nicht nur eine weitere Variante der unzähligen Aussichtsplattformen darstellt, die als Alpspix oder Top of Tirol die Alpengipfel verbauen, um als bildhafte Attraktion immer noch mehr Touristen über die Autobahnen in die Bergbahnen und Gipfelrestaurants zu ziehen. Doch gerade da unterscheidet sich der »Bridge Sprout«. Durch seinen Standort mitten im urbanen Umfeld ist der Blick zwar ungewohnt, aber nicht penetrant spektakulär.

Nicht der adrenalingetriebene Nervenkitzel des gähnenden Abgrunds bestimmt die Gefühlslage des Besuchers, der ganz vorn am Geländer steht, sondern die Ruhe, sich aus der Hektik der Stadt auszuklinken. Der von den japanischen Architekten intuitiv gewählte Standort zeigt ein bisher nicht gehobenes Potenzial der Isar als linearer Skulpturengarten durch die Stadt. Den Anfang machte die kleine »Bavaria«, eine Bronzeplastik in Lebensgröße der polnischen Künstlerin Alicja Kwade an der Corneliusbrücke. Als temporäres Kunstprojekt im öffentlichen Raum ist sie bis Ende 2020 zu sehen und zu ertasten. In Covid-Zeiten, in denen die Menschen den Besuch von Museen scheuen und zunehmend an die Isar strömen, liegt genau hier der richtige Ort, um der Stadtgesellschaft eine Auseinandersetzung mit Kunst zu ermöglichen. Am Seine-Ufer in Paris ist das seit Jahrzehnten der Fall. ||

BRIDGE SPROUT
Widenmayerstraße 3 (Isarufer an der Schwindinsel) | bis Ende 2021 | rund um die Uhr geöffnet

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