Regisseur Ulrich Rasche eröffnete die Resi-Spielzeit mit Kleists Novelle »Das Erdbeben in Chili«

»Das Erdbeben in Chili«: Was der Mensch aus der Katastrophe lernt? Nichts!

Erdbeben

»Das Erdbeben in Chili« © Sandra Then

Erdbeben, Vulkanausbrüche, Wetterkatastrophen oder Pandemien wie die Pest galten den Menschen seit Vorzeiten als Strafe der Götter, die man mit Opfern besänftigen musste. 1647 ereignete sich in Santiago de Chile ein schweres Erdbeben. Darauf baute Heinrich von Kleist 1807 seine Novelle »Das Erdbeben in Chili« – eine luzide Analyse gesellschaftlichen Sozialverhaltens bei Katastrophen: Zunächst Auflösung der Standesgrenzen hin zu humaner Solidarität, danach der umso schlimmere Rückfall. Anheizer sind ideologische Scharfmacher wie hier ein Kleriker, der ein Liebespaar zum Sündenbock erklärt und den Mob zu Lynchmorden anstachelt. Parallelen zu heute drängen sich auf. Auch die Corona-Krise bringt rechte Hetzer, Verschwörungstheoretiker und Esoteriker zu gewaltsamen Protesten gegen den Staat als Ersatz-Sündenbock für den unsichtbaren Feind. Deshalb wählte Regisseur Ulrich Rasche, der coronabedingt die Resi-Spielzeit nicht mit Kleists Drama »Die Familie Schroffenstein« eröffnen konnte, diesen Text – und nimmt in seiner Inszenierung mit (überflüssigen) FremdtextEinsprengseln Bezug auf unsere Gegenwart.

Ohne große Bühnenmaschinerien geht bei Ulrich Rasche nichts: Im Resi konnte man zuletzt seinen »Woyzeck« auf einer Drehscheibe sehen, davor »Elektra« auf einem riesigen Spiralturm und »Die Räuber« auf zwei monumentalen Laufbändern. Alles entwirft Rasche selbst und hält seine Akteure darauf in Dauerbewegung. Stets ist die Bühne schwarz. Hier hat er eine Drehscheibe konstruiert, auf der mittig eine zweite aufliegt, was man im Parkett kaum merkt. Das Drehtempo und der Rhythmus einer eigens komponierten und live gespielten Musik (Komposition: Nico van Wersch) bestimmen das Schritt- und Sprechtempo der neun Darsteller. Man mag das anfangs enervierend finden, aber die Einheit von an- und abschwellender Musik mit rhythmisch choreographierter Bewegung entwickelt einen faszinierenden Sog, der in Bann zieht.

Vier Schauspieler berichten schleppenden Schrittes und überprononciert den Beginn der Novelle: Das Schicksal der Liebenden Josephe und Jeronimo, die wegen eines unehelichen Kindes zum Tode verurteilt sind. Minuten vor Josephes Hinrichtung stürzt die Stadt ein, das befreit Jeronimo aus dem Kerker. Immer wieder wechseln die Darstellergruppen, vier Männer schildern Jeronimos Flucht und Suche nach Josephe, fünf Frauen deren Suche nach ihrem Kind. Als sich beide in einem idyllischen Tal wiederfinden und zu einer Solidargemeinschaft stoßen, senken sich drei milchige Licht-Rechtecke zu Boden und wirken wie große helle Fenster im Hintergrund. Eine lichte Verheißung einer besseren Welt?

Die Gruppe macht sich auf den Weg in die Stadt zu einem Dankgottesdienst im unzerstörten Dom, die Lichtfenster leuchten oben blau als Kirchenfenster. Nebelmaschinen blasen Staub auf die Bühne, der alle bedeckt, auch die Verletzten, die sich vom Boden erheben – da scheint die Drehscheibe fast stillzustehen. Die Artikulation wird flüssiger, Chöre wechseln mit Text-Soli, Protagonisten schälen sich heraus: Johannes Nussbaum und Mareike Beykirch als Liebespaar (in unkleidsamen Kurzhosen), Nicola Mastroberardino als edler Fernando, dem am Ende das Wort im Hals erstickt. Thomas Lettow als fanatischer Hetzprediger treibt den Chor in mörderische Aggression, die anschwellende Percussion und Synthie-Orgel drängen packend voran – bis alle Utopie einer humaneren Gesellschaft zerstört ist. ||

DAS ERDBEBEN IN CHILI
Residenztheater | 17. Okt. | 19.30 Uhr | 18. Okt. | 18 Uhr | Tickets: 089 21851940 | tickets@residenztheater.de

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