Das Theater- und Tanzfestival Rodeo erkundet mit »Baustelle Utopia« gesellschaftliche Entwicklungen und geht dabei an die Ränder der Stadt.

»Baustelle Utopia«: Entdecke deine Stadt

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Christiane Mudras »Kein Kläger« | © Christiane Mudra

Eigentlich war das fünfte Festival Rodeo ganz anders geplant. Das Kollektiv Simone Egger, Karnik Gregorian und Bülent Kullukcu wollte das übliche Festivalformat von zwei Wochen sprengen und von 1. Mai bis 1. November die ganze Stadt bespielen. Die Produktionen und Works in progress der Münchner Theater- und Tanzszene sollten an ungewohnten Orten direkt zu den Bewohnern der Stadt kommen und sich durch den Kontakt mit den Menschen auch verändern oder neu positionieren. Das hat aus bekannten Gründen nicht geklappt. Nur an zwei glühend heißen Tagen im August zogen Künstler von Balkonen beäugt und gefilmt und von Anwohnern begleitet durchs Hasenbergl und spielten auf öffentlichen Plätzen.

Drei Mal musste das Kollektiv den Spielplan umstoßen, musste Räume ganz neu planen und das allgegenwärtige Absperrband mitdenken. Das grundsätzliche Konzept konnte aber beibehalten werden. Das Pepper-Theater im Neuperlacher Einkaufszentrum PEP und der KulturBunt Neuperlach sind Partner des Festivals. Das MIRA-Einkaufszentrum, Stadtteilkultur 2411, Goldschmiedplatz und Treffpunkt Hasenbergl, der Willy-Brandt-Platz in der Messestadt Ost, das OEZ in Moosach und die Pasinger Fabrik führen uns an die Ränder unserer Stadt, oft im Freien, das ist gerade einfacher.

In einer ehemaligen Pizzeria beschäftigt Maja Das Gupta sich mit dem OEZ-Attentat. Im Pepper tauschen in »Out of Area« ein ehemaliger deutscher Soldat und ein ehemaliger afghanischer Zahnarzt Erfahrungen aus, die zur gleichen Zeit und doch gedanklich weit voneinander entfernt in Afghanistan lebten. Im Liberty Café im KulturBunt Kulturhaus beraten Manuela Unverdorben und Ralf Homann als Teil einer weltweiten Beratungsindustrie ihre Kunden über Immobilienanlagen. Ihre satirische Performance »Entmiete Dich selbst« zeigt Strategien zur Erwirtschaftung maximaler Gewinne auf. In Pasing tauschen sich beim Meeting des IETM-Netzwerks lokale und internationale Theaterschaffende der freien Szene aus. Im brandneuen Kulturzentrum Luise in Sendling gehen Sandra Chatterjee und Sarah Bergh ihren eigenen und anderen Münchner Tanzgeschichten in »Chakkars. Moving Interventions« nach. Am gleichen Ort erforscht die Regisseurin Ayşe Güvendiren in »Recht(s) – über das Verbrechen an Marwa El-Sherbini« anhand des Blutbades im Landgericht Dresden rechte Tendenzen in Staat und Bevölkerung. Das ist auch Christiane Mudras Thema, die mit »Kein Kläger«, dem dritten Teil ihrer Trilogie über Rechtsterrorismus, durch die Stadt zieht und das Erbe der Nazijustiz freilegt. Eine Talkreihe in der Galerie Kullukcu Gregorian begleitet das Festival. Es gibt viel zu entdecken. ||

RODEO 2020 – BAUSTELLE UTOPIA
Verschiedene Orte | 17. Okt. bis 1. Nov.
Infos
Tickets: ticket@rodeomuenchen.de

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